Berlinale: Klappe auf!

Berlinale: Klappe auf!

Zornige Teenager, schweigende Reisende und Waldheims Rechtswalzer: Österreichs Kino-Delegation gibt sich bei den 68. Filmfestspielen in Berlin kämpferisch – und geht gegen die rechtspopulistische Regierung in die Offensive.

Ein wenig heikel war die Mission schon, die Kulturminister Gernot Blümel (ÖVP) am Sonntag, am dritten Spieltag der Berlinale, ins Auge fasste: Er wollte und musste, auf improvisierter Kurz-Dienstreise zu den Filmfestspielen, die gerade mit starker heimischer Beteiligung gestartet sind, Österreichs vielfältige Kinoszene repräsentieren, die sich ihrerseits aber von ihm alles andere als gern repräsentieren ließ. Das Gros der Filmschaffenden blieb dem Ministerempfang in der Österreichischen Botschaft am Sonntagnachmittag, der „aus terminlichen Gründen“ erst abgesagt, dann kurzerhand doch wieder angesetzt wurde, demonstrativ fern.

Blümel seinerseits suchte gleich Montag früh das Weite, um nicht direkt mit dem Misstrauen der Kunstschaffenden konfrontiert zu werden. Denn am Dienstagvormittag dieser Woche werden diese im Cinemaxx am Potsdamer Platz, einem der Festivalkinos der Berlinale, eine Pressekonferenz geben, die dazu dienen soll, den Festivalgästen ein alternatives Österreich-Bild zu vermitteln und – auf Grundlage der konkreten Filme erklärt – vor jenen zu warnen, die derzeit an der Kurz-Strache-Koalition mitwirken.

Unter dem Hashtag „KlappeAuf“ agitiert die Filmszene gegen Hetze und Entsolidarisierung, auch gegen die Zusammenarbeit der Bundesregierung mit deutschnationalen Burschenschaftlern. Bereits vor drei Wochen hielt der Schauspieler Lukas Miko beim Österreichischen Filmpreis dazu eine flammende Rede, das Manifest der Gruppe, das nun auch einen internationalen Rahmen erhalten soll. Tatsächlich sei Österreich „das einzige Land in Westeuropa, in dem die Rechtsextremen in der Regierung sitzen“, erklärt Ruth Beckermann, eine der Initiatorinnen dieser Aktion, im profil-Gespräch. Auch deshalb wolle man auf „die politische Situation unseres geschätzten Landes“ aufmerksam machen. Die Wiener Filmemacherin hat, bestens dazu passend, ihre jüngste Produktion, „Waldheims Walzer“, bei der Berlinale zur Weltpremiere gebracht: eine historische Arbeit, die Österreichs politische Gegenwart jedoch keine Sekunde aus den Augen verliert. Der Fall Waldheim, wie er im Frühling 1986 die Welt erschütterte, wird in Beckermanns (überraschend launigem) Zugriff zur Allegorie eines bis heute anhaltenden „elastischen“ Umgangs mit dem nationalsozialistischen Erbe. Aus zeitgenössischem Fernseh- und Videomaterial kompiliert (und von der Regisseurin souverän kommentiert), bietet „Waldheims Walzer“ die späte Rekapitulation eines Skandals, den profil-Redakteur Hubertus Czernin Anfang März 1986 im profil aufdeckte.

Kurzfristig hatte sich der Minister doch dazu entschieden, „Waldheims Walzer“ nicht einfach zu übergehen und pflichtschuldig eines der Berlinale-Screenings zu besuchen. Seine Erfahrung mit dem Film, den er „sehr empfehlen“ könne, beschrieb er beim anschließenden Ministerempfang mit voluminöser Stimme so: Er habe viel gelernt, vieles habe er naturgemäß nicht gewusst, denn er sei ja zur Zeit der Affäre Waldheim erst fünf Jahre alt gewesen. Damit machte er noch einmal deutlich, wie wenig die Koalition, in der er arbeitet, historische Verantwortung übernehmen will: Was hat man denn schon mit der Vergangenheit zu tun? Geht es nicht nur um unsere Zukunft? Die Volkspartei, die einst – insbesondere in Gestalt von Alois Mock und Michael Graff für „Jetzt erst recht!“-Stimmung pro Waldheim gesorgt hatte, macht in Beckermanns Film jedenfalls denkbar schlechte Figur.

Die neue Doku "Waldheims Walzer" beleuchtet den Skandal rund um die NS-Vergangenheit des ehemaligen UNO-Generalsekretärs und Bundespräsidenten Kurt Waldheim.

Für das Podium der regierungskritischen Pressekonferenz haben sich neben Beckermann, Lukas Miko und Wolfgang Fischer, der im Festivalprogramm sein Flüchtlingsdrama „Styx“ vorstellt, auch die Regiekräfte Katharina Mückstein und Ludwig Wüst angesagt, die dem Berlinale-Programm diese Woche formidable neue Spielfilme beisteuern. Wie sehr das Private, dem 68er-Diktum folgend, auch politisch sein kann, zeigen beide Werke: Mücksteins „L’Animale“ berichtet von einem doppelten Krisenfall innerhalb einer Familie – die Beziehung des Elternpaars (Kathrin Resetarits, Dominik Warta) gerät in Schieflage, während die Teenager-Tochter (Sophie Stockinger) verzweifelt um ihre Identität zu kämpfen beginnt. Es geht in diesem stark inszenierten und gespielten Alltagsdrama um Geschlechterrollen und die Destruktivität sexueller Heimlichkeiten.

Ludwig Wüst, einer der großen Außenseiter des heimischen Kinos, legt mit „Aufbruch“ seinen bislang wohl zugänglichsten Film vor: ein Road-Movie zweier Angeschlagener, Heimatloser. Wüst selbst spielt den schweigsamen Helden, der zufällig an eine einsame Frau (Claudia Martini) gerät, mit der er ein letztes, sehr präzise choreografiertes Reise-Stationendrama absolviert. Mit großer Ruhe zelebriert Wüst die Schönheit des Desolaten, die erzählerische Kraft des Fragmentarischen.

Mit einem fantastischen hundeenthusiastischen Puppentrickfilm des immens verspielten US-Regisseurs Wes Andersons hat die 68. Berlinale am Donnerstagabend vergangener Woche ihren Betrieb, trotz der heftigen Debatten um die Nachfolge des inzwischen auf breiter Front ungeliebten Berlinale-Chefs Dieter Kosslick ab 2020, in allerbester Laune und höchster künstlerischer Qualität aufgenommen: Andersons „Isle of Dogs“ nimmt ebenso am Rennen um Berlins Goldbären teil wie Christian Petzolds gewagte Anna-Seghers-Verfilmung „Transit“, und auch die neuen Werke von Lav Diaz, Steven Soderbergh und Gus Van Sant. Es wird spannend. Mehr dazu demnächst an dieser Stelle.

Natur am Ende

Politisches gegen Privates: Zwei innovative Austro-Kurzfilme stellen in der Berlinale-Shorts-Schiene den Formen- und Erfindungsreichtum des Kinos zur Schau.

Die eine arbeitet exklusiv mit analogem Film, der andere vorzugsweise mit den politischen Subtexten, die sich, wenn man nur genau genug hinschaut, in weiten Landschaften finden: Antoinette Zwirchmayr, 28, und Luxas Marxt, 34, heißen die beiden Kunstschaffenden aus Österreich, die diese Woche im Rahmen der – traditionell populären – Kurzfilmschiene der Berlinale zwei formal streng und erfinderisch gestaltete Arbeiten uraufführen. Tatsächlich ist die Berlinale, vor allem mit der Reihe „Forum Expanded“, das einzige der drei großen Festivals, das der internationalen Laufbild-Avantgarde mehr als einen flüchtigen Blick schenkt.

Mit einer Drohnenkamera rückt Marxt aus, um deren hochbeschleunigenden Blick 13 Minuten lang über die endlosen industrialisierten Felder und Bewässerungskanäle des kalifornischen Imperial Valley schweben zu lassen. Die Landwirtschaftsindustrie hat in der Region für schwere Umweltschäden gesorgt, das kann man in diesem Film zwar nicht sehen, aber man spürt, dass hier etwas ganz Entscheidendes nicht stimmt: „Imperial Valley (cultivated run-off)” zeigt in gebotener visueller Wucht kilometerweit menschenlose Monokulturen, die Marxt zur abstrakten elektronischen Musik von Jung an Tagen gesetzt hat. Die Kamera schlingert und kreist, bewegt sich seitwärts oder rasant voraus, über Szenerien, die wie digitale Simulationen erscheinen. Ein posthumanistischer Horrorfilm.

Zwirchmayrs enigmatische Bild-Text-Poesie, die „Im Schatten der Utopie“, festgehalten auf 35mm-Film, wirkungsvoll aufleuchtet, steht im größeren Kontext einer insgesamt gut einstündigen Trilogie, die sie 2014 begonnen und nun vollendet hat: Sie betreibt darin eine durchaus schonungslose, generationenübergreifende weibliche Identitäts- und Spurensuche in der eigenen Familiengeschichte, die auch das Rotlichtmilieu, einen Banküberfall und das brasilianische Exil berührt. Die (etwas übertheatralisch eingelesenen) Texte der Autorin Angelika Reitzer kollidieren mit Zwirchmayrs skulptural stilisierten brasilianischen Bildwelten: ein hypnotischer Versuch über das Mythische der eigenen Identität. Das Imaginäre hat darin ebenso viel Platz wie die privaten historischen Fakten. „Im Schatten der Utopie“ feiert das Kino als autobiografischen Möglichkeitsraum.