Paula Beer und Franz Rogowski in "Undine" von Christian Petzold
Paula Beer und Franz Rogowski in "Undine" von Christian Petzold

© Hans Fromm/Schramm Film

Kultur
02/24/2020

Berlinale-Tagebuch (I): Wassergeist, Westernkoch und Wanderlust

Neue Filme von Christian Petzold, Kelly Reichardt und Philippe Garrel.

von Stefan Grissemann

Das Datum war gut gewählt für einen Neuanfang: Der 20. 2. 2020, der Donnerstag vergangener Woche, bestand aus einer raren Zahlenkombination (wenn sich die Ausnahme auch zwei Tage später noch einmal wiederholte) – die monotone Ziffernfolge aber sollte, gleichsam im Umkehrschluss, ein besonders vielfältiges Programm einleiten. Die unter dem Italiener Carlo Chatrian, der zusammen mit Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek heuer erstmals antritt, neu strukturierte Berlinale 2.0 feiert außerdem gleich zwei signifikante Jubiläen: die 70. Ausgabe des Filmfestivals und den 50. Geburtstag der wesentlichen „Forum“-Nebenschiene.

Tatsächlich gestaltete sich der Prolog zu den Festspielen 2020 aber ernüchternd: Erst wurde die NS-Vergangenheit des langjährigen ersten Berlinale-Direktors Alfred Bauer enthüllt, und dann setzte eine Art Zuckerschock ein, der sich aus dem Doppelspiel von Eröffnungsfilm, der die wunderbare Welt des nostalgiegesüßten New Yorker Literaturbetriebs feierte („My Salinger Year“), und erstem Hollywood-Schaustück, der auf Massenabspeisung ausgerichteten Pixar-Trickfilm-Zauberreise „Onward“ ergab.

Danach allerdings erholte sich das Programm zügig: Die junge argentinische Filmemacherin Natalia Meta machte ihrem Nachnamen Ehre und legte eine doppelbödige argentinische Psychohorrorkomödie namens „El profugo“ vor, der Rumäne Cristi Puiu dagegen eine 200 Minuten lange, Geduld fordernde, aber exquisit arrangierte Moraldebatte in historischen Kostümen vor: „Malmkrog“. Und die US-Indie-Königin Kelly Reichardt erfreute mit einem deliziös unterspielten Western – „First Cow“ dreht sich am Beispiel eines Kochs (John Magaro) und seines geschäftstüchtigen Kompagnons (Orion Lee) um den Beginn des Zivilisatorischen in der einstigen Wildnis von Oregon.

Ins Reich des Mythischen (also auf das ureigene Terrain der irrationalen Kinokunst) führten zwei der besten Filme des laufenden Wettbewerbs: Der Berliner Regisseur Christian Petzold hat für „Undine“ (Titelheldin: Paula Beer) den alten Mythos vom mörderisch verführenden Wassergeist mit Reflexionen zur Berliner Stadtgeschichte ungeahnt verschränkt. Petzolds denk- und merkwürdiges, gewohnt kühl in Szene gesetztes neues Melodram spaltete die internationale Kritik, was möglicherweise auch ein Zeichen seiner Qualität ist.

Der unergründlichen Logik des Traums verpflichtet fühlt sich auch ein anderer Liebesforscher des Gegenwartskinos, der französische Post-Nouvelle-Vague-Poet Philippe Garrel, wie Petzold Vertreter eines kompromisslosen, extrem persönlichen Kinos: In Garrels „Das Salz der Tränen“ wird das eher sprunghafte Alltagsliebesleben eines wenig einnehmenden jungen Tischlers aufgefächert, dabei aber die scheinbar „realistischen“ Schwarzweißbilder beständig durchkreuzt. Der hohe Grad an Stilisierung (in den Dialogen, der Choreografie, den quasi-literarischen Erzählweisen), mit dem auch Garrel arbeitet, ist stets erst auf den zweiten Blick zu begreifen. Als die Liebesforscher, die Garrel und Petzold zweifellos sind, bestehen sie auf den Blick hinter die Oberflächen der Dinge. Und diese Perspektive kann, in der gloriosen Form, die in „Undine“ und „Das Salz der Tränen“ erreicht wird, nur das Kino einnehmen.