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Kultur
03/04/2021

Berlinale, Tag vier: Traumadeutung

Der Goldene Bär für den besten Kurzfilm ging an eine gespenstisch ruhige Auseinandersetzung mit familiärem Kindesmissbrauch.

von Stefan Grissemann

Verdichtung ist alles: Nach erst dreieinhalb Tagen Online-Streaming-Overkill wurde am Donnerstag bereits der erste Goldene Bär der 71. Filmfestspiele in Berlin vergeben – jener für den besten Kurzfilm nämlich. (Die Preise in den Bereichen Wettbewerb und Encounters werden Freitagmittag bekanntgegeben.) Und die Auszeichnung ging an ein tatsächlich gewichtiges Werk: „Onkel Tudor“ beginnt trügerisch lyrisch, mit im Wind sanft bewegten Fenstervorhängen, mit sommerlichen Naturstimmungen und dem gemächlichen Alltagsleben in einem alten Landhaus: Eindrücke von einem Besuch der Regisseurin bei ihrer Familie, bei Mutter und Oma, ihren Tanten und eben dem Onkel, der dem Film seinen Namen gab.

Die junge moldawische Filmemacherin Olga Lucovnicova konfrontiert ihn in ihrem 20-minütigen Film vor laufender Kamera, sehr ruhig, aber in aller Klarheit, mit ihren Erinnerungen an den sexuellen Missbrauch, den er ihr als Kind zugemutet hat. Der alte Mann lächelt uneinsichtig, es sei doch nie irgendetwas Schlimmes vorgefallen, Penetration habe ja nie stattgefunden. Sie fragt ihn noch, ob er sich auch an anderen Kindern vergriffen habe, er sagt, es seien ja nicht viele da gewesen. „Onkel Tudor“ ist ein schmerzhafter, radikal persönlicher (und immens mutiger) Film, dessen Zartheit die Gewalt, der seine Autorin ausgesetzt war, exorziert.

Auch der Silberne Bär der Kurzfilmsektion wurde einer sensitiv gestalteten Familienstudie zugesprochen, allerdings einer fiktionalen und deutlich weniger verstörenden: Der chinesische Regisseur Zhang Dalei spielt in „Day is Done“ den Besuch eines angehenden Filmstudenten und seiner Eltern beim Großvater durch; dabei feiert er, ohne „Bedeutendes“ oder gar Spektakuläres zu erzählen, all die kleinen Gesten der Menschen, die von ihrer Einsamkeit und ihrer Melancholie zeugen – und, bei aller Zuneigung, auch von der Unmöglichkeit, einander wirklich zu verstehen.

Das Wettbewerbsprogramm ist inzwischen in seine finale Phase getreten; neben etlichen Arthouse-Routinefällen wie dem iranischen Anti-Todesstrafendrama „Ballad of a White Cow“, wie Céline Sciammas Kindergeistergeschichte „Petite Maman“ oder Bence Fliegaufs nervös-episodischem Kammerspiel „Forest – I See You Everywhere“ kamen da und dort auch Filme zur Uraufführung, die das Terrain des allzu Vertrauten hinter sich ließen: Der Georgier Alexandre Koberidze etwa bezauberte mit einem wie aus der Zeit gefallenen Stadt- und Liebesrätsel namens „Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen“, und der Japaner Ryosuke Hamaguchi feierte in seinem Film „Wheel of Fortune and Fantasy“ in drei romantischen Kurzgeschichten die zufällige Begegnung und die Schönheit der menschlichen Vorstellungskraft. Mit viel Glück und Fantasie wird sich vielleicht auch das Kino, so angeschlagen es inzwischen erscheint, noch retten lassen.

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