Affäre um designierten Staatsoperndirektor Bogdan Roščić weitet sich aus

Bogdan Rošcic

Bogdan Rošcic

Der Fall Bogdan Roščić: Der designierte Direktor der Wiener Staatsoper dürfte Teile seiner Dissertation 1988 bei einer älteren deutschen Doktorarbeit abgekupfert haben. Sein damaliger Zweitbetreuer Alfred Pfabigan sagt nun: „Abschreiben, das geht gar nicht!“

Dies ist die Geschichte eines Doktortitels. Sie beginnt – oder endet – mit einem Zufall, je nachdem. 1988 dissertierte der damals 24-jährige Bogdan Roščić an der Grund- und Integrativwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien. „Gesellschaftstheorie als Kritische Theorie des Subjekts – Zur Gesellschaftstheorie Th. W. Adornos“ nannte er seine 114 Seiten umfassende Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Philosophie. Ein kluger, strukturierter, wenn auch sperriger Text, der dem Leser einiges an Vorwissen zu Wirken und Denken des deutschen Philosophen und Soziologen Theodor W. Adorno (1903–1969) abverlangt. Die Kapitel tragen Titel wie „Negation der Subjektivität durch die mechanistische Fassung des Denkens“ ; „Die ,Ontogenese‘ des beschädigten Subjekts“ ; „Die historische Genese der zirkulär vermittelten Entfremdung“ ; „Die gesellschaftliche Bestimmtheit der Person: ihre Ichschwäche“ . Aber wie das mit wissenschaftlichen Arbeiten nun einmal so ist: Sie wenden sich eher selten an ein breites Publikum.

Bogdan Roščić ist mittlerweile 52 und steht vor einer der größeren Herausforderungen seiner an großen Herausforderungen nicht armen Karriere: Der frühere Ö3-Chef und erfahrene Musikmanager (Universal Music, Deutsche Grammophon, Decca, Sony Music Classical) soll mit 1. September 2020 die Nachfolge von Dominique Meyer an der Spitze der Wiener Staatsoper antreten. „Ich freue mich, mit Bogdan Roščić eine Person gefunden zu haben, die herausragend geeignet ist“, schwärmte SPÖ-Kulturminister Thomas Drozda Ende Dezember vergangenen Jahres und kündigte eine „Neupositionierung der wichtigsten Kulturinstitution der Republik“ an.

Wenige Monate später ist Drozdas Wunschkandidat hauptsächlich mit der – unbeabsichtigten – Neupositionierung seiner selbst beschäftigt. Dr. phil. Roščić steht unter Plagiatsverdacht. Er soll das erste Kapitel seiner Dissertation 1988, die sogenannte Einleitung, bei einer damals sechs Jahre älteren deutschen Doktorarbeit abgekupfert haben, und zwar ausgiebig. Dieses erste Kapitel ist neun Seiten lang, fünf davon entsprechen faktisch eins zu eins der Doktorarbeit des deutschen Publizisten Peter Decker („Die Methodologie Kritischer Sinnsuche – Systembildende Konzeptionen Adornos im Lichte der philosophischen Tradition“ ; Universität Bremen) aus dem Jahr 1982. Roščić dürfte nicht nur Deckers Interpretationen zu Adorno abgeschrieben haben. Decker hatte seine Studie in der „Ich“-Form verfasst, die Roščić ebenfalls übernahm – mitsamt der von Decker in den Fußnoten zitierten Literatur.

Das Problem: Der Name Peter Decker wird in Roščić’ Œuvre mit keinem Wort erwähnt.
Vor wenigen Tagen ereilte die Universität Wien die knappe Mitteilung eines Mannes, dessen investigative Arbeit immer wieder für angeregte Debatten im akademischen Betrieb sorgt: Stefan Weber, Medienwissenschafter und Publizist, Privatdozent der Universität Wien, Sachverständiger für Plagiatsprüfungen.

Weber hatte offenbar in zeitlicher Nähe zur Bestellung Roščić’ den Auftrag erhalten, dessen Dissertation zu prüfen. Wer ihn mandatierte, ist nicht bekannt. Weber spricht nie über seine Auftraggeber. „Es handelt sich hier um ein Zwischenergebnis, meine Untersuchungen sind noch nicht abgeschlossen“, erklärt Weber auf profil-Anfrage. „Ob neben der Arbeit
Deckers weitere Quellen ohne entsprechende Angaben eingearbeitet wurden, kann ich noch nicht beurteilen.“ So oder so habe er selten ein „dreisteres Plagiat“ gesehen. „Dass Herr Roščić sogar Deckers Ich-Form übernommen hat, ist eine
Anmaßung, die ihresgleichen sucht.“

Plagiatsprüfungen sind aufwendige und kostspielige Prozesse auf Basis spezieller Programme wie Turnitin oder PlagScan. Doch der Software sind Grenzen gesetzt. Ein Abgleich kann nur erfolgen, wenn allfällige Quellen a) bekannt und b) online sind oder c) zuvor digitalisiert wurden. Das wiederum setzt voraus, dass der Plagiatsprüfer weiß, wo er suchen muss. Als Roščić 1988 dissertierte, waren Internet und Plagiatsscanner noch nicht erfunden. Da er Deckers Arbeit aus 1982 aber nicht in das Quellenverzeichnis aufnahm, wären die Textstellen kaum zu entdecken gewesen, weil die Vorlage (wie so viele Arbeiten aus dieser Zeit) digital eben nicht verfügbar war. Das änderte sich erst, als die linke deutsche Online-Plattform farberot.de Peter Deckers Arbeit in ihre Schriftenreihe aufnahm und online stellte (wann genau, ist unklar – eine Anfrage blieb unbeantwortet).

Ein Zufall mit Folgen: Wer Passagen aus Roščić’ Diss googelt, landet nun stets bei Deckers Arbeit auf farberot.de. Dass er sich darüber hinaus auch bei anderen (analogen) Quellen bediente, ist nicht verbürgt, aber auch nicht gänzlich auszuschließen.

profil hatte bereits am vorvergangenen Wochenende Informationen zu vermuteten Unregelmäßigkeiten erhalten und Recherchen angestoßen. Am Dienstag erfuhr auch die Austria Presseagentur (APA) davon – woraufhin profil die kritischen Passagen aus Roščić’ Dissertation online veröffentlichte. Die Überschneidungen sind tatsächlich verblüffend. Roščić veränderte bisweilen die Punktuation, fügte da oder dort ein Wort hinzu; darüber hinaus sind die inkriminierten Passagen aber ident (siehe Faksimile).

Roščić wollte das gegenüber profil nicht kommentieren. In einer der APA übermittelten Stellungnahme hielt er fest: „Die Einzelheiten der nun monierten Verwendung kann ich, auch wegen der knapp 30 Jahre Abstand, derzeit nicht rekonstruieren. Ich bin mit der Universität Wien hierzu in Kontakt, sie wird meine Arbeit der entsprechenden Prüfung unterziehen.“ Er, Roščić, habe Decker „vor 35 Jahren persönlich kennengelernt, mit ihm zu verschiedenen geisteswissenschaftlichen Themen gearbeitet und von ihm das Entscheidende über die Kritische Theorie gelernt. Seine Schrift ist eine der besten Auseinandersetzungen mit Adorno überhaupt.“

Roščić’ Betreuer war der 1938 von den Nazis vertriebene Wiener Philosoph Kurt Rudolf Fischer, damals Honorarprofessor an der Uni Wien. Ein unkonventioneller Gelehrter, der sich selten mit Formalismen aufgehalten haben soll. Fischer starb 2014 in den USA.

Zweitgutachter war Alfred Pfabigan, Philosoph und promovierter Jurist, damals Dozent am Philosophischen Institut der Universität Wien, später ebenda außerordentlicher Professor. „Abschreiben, das geht gar nicht!“, schimpft Pfabigan, „hier wurde offenbar auf eine damals klandestine Publikation zurückgegriffen.“

Kurt Fischer sei zwar der Ruf vorausgeeilt, „ein bisschen leger zu sein. Aber das kann ja keine Rechtfertigung sein. Wir reden hier nicht davon, dass jemand ein Sekundärzitat in ein Primärzitat umgewandelt hat. Was ihm da beim Vorwort eingefallen ist, weiß der Himmel“, so Pfabigan, der 2013 in Wien das Beratungsunternehmen Philosophische Praxis Märzstraße etablierte.

Der Fall liegt nun bei der Uni Wien, die ihrerseits eine Prüfung eingeleitet hat – an deren Ende die Aberkennung der Doktorwürde stehen könnte. Was das für Roščić’ neuen Job bedeuten kann, ist unklar. Kulturminister Drozda wollte dazu bisher nicht Stellung nehmen.

DOWNLOAD der Passagen.

Dieser Artikel stammt aus dem profil Nr. 12 vom 20.3.2017. Das aktuelle profil können Sie im Handel oder als E-Paper erwerben.