Burgtheaterdirektor Martin Kušej: "Dass ich kämpferisch bin, steht außer Frage"

Burgtheaterdirektor Martin Kušej: "Dass ich kämpferisch bin, steht außer Frage"

Der neue Burgtheaterdirektor Martin Kušej über Gleichberechtigung, Geniekult, das Fehlen einer politischen Gesprächskultur – und die Frage, ob er gern ein Ehrengrab auf dem Zentralfriedhof hätte.

Interview: Karin Cerny

profil: Werden Sie in Wien auf der Straße schon mit „Herr Direktor“ angesprochen?
Kušej: Es ist extrem nervig, hier immer als Professor, Magister oder Ähnliches tituliert zu werden. Aus Deutschland bin ich das nicht gewohnt. Freunde haben mich schon im Vorfeld gewarnt, ich dürfe nie vergessen, dass damit nur mein Posten gemeint sei und nicht ich persönlich.

profil: Wie laufen die Vorbereitungen für Ihre erste Saison am Burgtheater, die im Herbst starten wird?
Kušej: Gut. Ich gehe alles ruhig und professionell an, denn es wird ein langer, langer Weg. Mich interessiert neben der ganz aktuellen Vorbereitung vielmehr die Frage nach der mittel- und langfristigen Zukunft des Burgtheaters. Deshalb habe ich auch diesen Job angenommen, um aktiv daran mitzugestalten. „Burgtheaterdirektor“ zu sein hat mich, bei allem Respekt, nicht besonders interessiert. Es geht doch um viel umfassendere Fragen: Wie kann man ein so traditionsreiches Haus mit neuer, frischer Bedeutung aufladen? Wie kann man die großen österreichischen Institutionen – Salzburger Festspiele, Staatsoper, Burgtheater Sängerknaben oder Hofreitschule – überhaupt fit machen für die nächsten 30, 40 Jahre? Produzieren wir weiter immer nur Postkarten und Schneekugeln?


Die Marke Burgtheater ist zwar nach wie vor stark, braucht aber den Glanz seines Ensembles als verlässliche Basis.

profil: Sie wollen die Marke Burgtheater stärken. Wie schwierig war es, ein Ensemble exklusiv zu binden?
Kušej: In der heutigen, veränderten Welt mit ihren raschen Verkehrsmitteln und den verlockenden Film- und TV-Angeboten ist so etwas nicht einfach. Es ist im aktuellen Theaterbetrieb für Schauspieler kein zentrales Kriterium mehr, nur am Burgtheater in Wien zu sehen zu sein. Ich bin da ein bisschen „Old School“, möchte nicht, dass alle mit dem Flugzeug quer durch Europa reisen, um hin und wieder auch in Wien zwischenzulanden. Die Marke Burgtheater ist zwar nach wie vor stark, braucht aber den Glanz seines Ensembles als verlässliche Basis. Ich beharre auf Exklusivität, weil ich glaube, dass es die Homogenität und Qualität steigert. Man soll stolz sein, zum Burgtheaterensemble zu gehören. Und genauso stolz soll das Publikum auf dieses Ensemble sein.

profil: Wie exklusiv sind Sie als Regisseur? Werden Sie nicht auch anderswo inszenieren?
Kušej: Die Exklusivität gilt auch für mich. Ich fühle mich meinem Theater und seinem Ensemble verpflichtet – das habe ich auch in München so gehalten. Deshalb sind „auswärtige Arbeiten“ die Ausnahme. Ich werde in drei Jahren an der Staatsoper in Berlin inszenieren und irgendwann wieder eine italienische Regie-Arbeit am Teatro Stabile in Turin machen - das war eine fruchtbare Erfahrung. Es muss übrigens jeder, der nach wie vor in meiner Gegenwart „Burg“ sagt, zehn Euro zahlen. Das hat sich schon herumgesprochen.


Wenn jemand eine abweichende Meinung hat, die durchaus interessant wäre, wird er sofort ins linke oder rechte Eck gestellt.

profil: Hat Sie am Residenztheater denn auch gestört, dass die Leute liebevoll „Resi“ sagen?
Kušej: „Resi“ ist mehr ein Kosename, „Burg“ für mich eher Kampfname. Ich mag dieses Wehrhafte daran nicht, es klingt viel zu sehr nach Festung und Bollwerk. Mein Augenmerk liegt mehr auf der Kunst als auf dem Kampf.
profil: Wollen Sie sich politisch denn nicht positionieren?
Kušej: Selbstverständlich. Dass ich kämpferisch bin, steht außer Frage. Aber das sollte auch nachhaltig sein. Aber ich bezweifle, ob das Theater in dieser Hinsicht tatsächlich so viel leisten kann, wie von ihm erwartet wird. Gerade in Wien empfinde ich diesen Erwartungsdruck als sehr groß. Ich bin aber Theatermacher, kein Bürgerrechtler und kein Märtyrer. Und: Ich bin auch nicht die politische Opposition des Landes. Diesen Job müssen andere machen.

Rollentausch: Martin Kušej mit Pavarotti-Maske

Rollentausch: Martin Kušej mit Pavarotti-Maske

profil: Kunst ist die eine Seite, aber Sie sind als Burgtheaterdirektor doch auch eine öffentliche Person.
Kušej: Ich habe nie ein Blatt vor den Mund genommen. Aber ich möchte vernünftig Stellung beziehen. Die populistische Politik führt zu einer populistischen Debatte und ebensolchen Argumenten. Differenziertes Denken und Meinungen sind Mangelware. Wenn jemand eine abweichende Meinung hat, die durchaus interessant wäre, wird er sofort ins linke oder rechte Eck gestellt. Das finde ich keine adäquate Gesprächskultur. Die Peymann-Ära wird gern verklärt, aber man vergisst, dass sich in den vergangenen 30, 40 Jahren viel verändert hat. Wir gehen gerade von einem Weg der Freiheit freiwillig in die Unfreiheit. Das ist erschreckend und nicht mit vergleichbar mit der schwarz-blauen Regierung der 2000er-Jahre. Eine große ideologische Umwälzung findet ohne Not statt. Das irritiert und verblüfft mich! Es geht uns allen so gut wie nie zuvor. Man könnte großzügig sein. Stattdessen werden das Leben und die Menschen immer ausgrenzender und kleinkarierter.

profil: Wie beurteilen Sie den Umgang der Regierung mit den Identitären?
Kušej: Ich hoffe, man kann endlich erkennen, was im Hintergrund läuft. Diese rechte Bewegung wurde jahrelang als harmlose Protest-Truppe abgetan. Und es wurde weiter flächendeckend verharmlost: die kleinen faschistischen Ausrutscher, die ungewollten Versprecher, die untergriffigen Sager. Langsam geraten wir alle in einen nationalistischen Strudel, rechtes Gedankengut rückt immer weiter in die Mitte. Und wir nehmen es gar nicht mehr wahr. Ich kann diese Tendenz als Künstler leider nicht verhindern, ich kann nur das Bewusstsein dafür schärfen.


Ich suche nicht auf Teufel komm raus arabische oder dunkelhäutige Schauspielerkräfte, nur damit ich welche im Ensemble vorweisen kann.

profil: Das Burgtheater soll ein europäisches, internationales Theater werden. Milo Rau hat in Gent ein 10-Punkte-Manifest herausgegeben, in dem mehrere Sprachen auf der Bühne gefordert werden, Proben in Krisengebieten stattfinden sollen und mehr Diversität angestrebt wird.
Kušej: Thesen oder Manifeste sind ein guter Marketing-Trick, aber im Prinzip gehe ich mit ihm konform. Wir können in einer Metropole wie Wien nicht so tun, als würde nur Deutsch gesprochen werden. Ich empfinde diese Stadt als einen unglaublich tollen, vielsprachigen, multikulturellen Ort – eine Weltstadt! Dazu muss man aber auch stehen. Man kann doch nicht sagen, wir sind eine große Kulturnation, aber gleichzeitig nicht akzeptieren, dass in der U-Bahn 15 Sprachen zu hören sind.
profil: Wird das Ensemble diverser werden?
Kušej: Das habe ich vor, aber ohne Quotenzwang. Ich suche nicht auf Teufel komm raus arabische oder dunkelhäutige Schauspielerkräfte, nur damit ich welche im Ensemble vorweisen kann. Wenn diese Künstler Magie, eine spezielle Aura und höchste Qualität des Spiels mitbringen, dann ist es mir völlig egal, ob sie mit Akzent sprechen oder vielleicht gar nicht Deutsch können. Das werden wir schon irgendwie lösen. Aber in kleinen Schritten.

profil: Wie sieht es mit Laien aus?
Kušej: Auf der Bühne? Nein, wir sind schon ein professionelles Theater. Die Zeitungen beschäftigen ja auch keine Laien, um Artikel zu schreiben. Da ist meine Haltung klar: Ich stehe zum handwerklichen Können und zum Ethos dieses Berufs – obwohl Querdenken schon drin sein sollte!
profil: Fix ist bereits, dass die Schauspielerin Birgit Minichmayr ans Burgtheater zurückkehrt.
Kušej: Wir haben einen langen gemeinsamen Weg hinter uns. Ich freue mich, dass sie mich immer unterstützt hat. Meine künstlerische Vita ist übrigens stark von Frauen geprägt. Sie zeigt, dass mich Frauenfiguren im Theater viel mehr als Männer faszinieren. Und das möchte ich auch fortsetzen. Sie unterstellten mir einmal, ein „Testosteron-gesteuerter“ Regisseur zu sein, ich weiß ehrlich gesagt nicht, was das mit meinem Beruf zu tun hat. Ich weiß, dass ich ein sehr sensibler Mensch und Mann bin, jemand, der sich in einer femininen Welt sehr gut wiederfindet. Aber auch das ist keine Quote, sondern eine Präferenz.


Tja, man wird halt älter ... Aber, wenn man eine neue Hüfte eingesetzt bekommt, sind die Schmerzen weg.

profil: Werden Frauen bei Ihnen gleich viel verdienen wie männliche Kollegen?
Kušej: Natürlich, das habe ich auch in München so gehandhabt. Konnte mir eine Frau beweisen, dass sie weniger verdient als ein Mann in gleicher Position, habe ich die Verträge sofort angeglichen. Ich sehe aber an den kleineren Theatern außerhalb der Großstädte oder in der freien Szene ein grundsätzliches Problem von indiskutabel niedrigen Gehältern. Am Burgtheater ist die Situation dagegen noch immer luxuriös.
profil: Wen hätten Sie gern als Intendanten am Volkstheater?
Kušej: Ich habe mitbekommen, dass dieses Theater schon viel zu lange unterdotiert ist. Hoffentlich lässt sich das lösen. Ich wünsche mir eine starke Partnerin, fände es wichtig, dass es eine Frau wird. Ich bin mit der Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler in dieser Frage im Gespräch. Wir verstehen uns gut und tauschen uns regelmäßig aus.

Martin Kušej: "Soziale und politische Konflikte werden sich in Europa weiter zuspitzen"

profil: Werden Sie von ihrer Vorgängerin Karin Bergmann Inszenierungen übernehmen?
Kušej: Ja, ich brauche ein Fundament für mein Repertoire. Es gibt Inszenierungen, die erfolgreich laufen und die ich gut finde. Es handelt sich um eine Größenordnung von etwa 13 Arbeiten.
profil: Ulrich Rasche übernimmt mit seinem Maschinentheater die Eröffnung Ihrer Intendanz. Ist das pragmatisch, weil seine Arbeiten technisch so aufwendig sind, oder sind Sie als Regisseur nicht sonderlich eitel?
Kušej: Ob Sie es glauben oder nicht: Ich bin tatsächlich uneitel. Ich will und muss nicht immer in der ersten Reihe stehen. Ich möchte als jemand gelten, der Dinge ermöglicht, der anderen Künstlerinnen und Künstlern perfekte Bedingungen einräumt.
profil: Wollen Sie auch aus gesundheitlichen Gründen ruhiger treten? Sie hatten zwei Hüftoperationen und zwei Graue-Star-Eingriffe.
Kušej: Tja, man wird halt älter ... Aber, wenn man eine neue Hüfte eingesetzt bekommt, sind die Schmerzen weg. Diese Abnützungserscheinungen sind zum Teil meiner sportlichen Vergangenheit geschuldet. Die Spuren allerdings, die mein stressiger Beruf hinterlassen hat, sind leider irreversibel. Deshalb lebe ich bewusster: Wenn ich merke, ich habe Probleme mit den Ohren oder dem Gleichgewicht, schalte ich einen Gang zurück.

profil: Ist das ein Vorteil am Älterwerden?
Kušej: Gibt es da wirklich Vorteile? Aber ich habe damit kein Problem. Ich überlege nie: Wie alt werde ich wohl? Werde ich einsam sterben? Wie werde ich überhaupt sterben? Ich schaue auch nicht sentimental zurück. Ich bin ein Mensch des Augenblicks. Deshalb ist das Theater für mich die perfekte Kunstform. Sie findet immer im Moment statt. Ich kann mir nichts kaufen für Erfolge von vor 15 Jahren, die keiner mehr sehen kann.
profil: Sie wollen am Burgtheater also nicht Ehrenmitglied werden und später in einem Ehrengrab auf dem Zentralfriedhof liegen?
Kušej: Ein Mensch, der wie ich aus einem kleinen Dorf im Südosten von Kärnten kommt, hat solche Gedanken nicht in sich abgespeichert. Das ist mir, offen gesagt, total wurscht.


Soziale und politische Konflikte werden sich in Europa weiter zuspitzen.

profil: Das Burgtheater ist der Olymp. Was soll danach kommen?
Kušej: Ich habe keinen Plan. Ich möchte in den fünf Jahren, für die ich einen Vertrag habe, etwas bewirken. Ich denke, dass ich das vernünftig und engagiert machen werde – obwohl sicher auch turbulente Zeiten auf uns zukommen werden.
profil: Inwiefern?
Kušej: Soziale und politische Konflikte werden sich in Europa weiter zuspitzen. Ich bin überrascht von dem Tempo, in dem diese Veränderungen ablaufen. Vor 10, 15 Jahren hätte ich es für absolut unmöglich gehalten, dass Menschen, die um politisches Asyl ansuchen, in ein „Ausreisezentrum“ gesteckt werden. Das ist für mich absurd.
profil: Sie meinten vor der Bundespräsidentenwahl 2016, Sie würden Norbert Hofer auf einer Premierenfeier nicht die Hand geben. Wie halten Sie es mit der aktuellen Regierung?
Kušej: Respektbezeugung und Höflichkeit durch Handschlag - kein Problem. Zu Kulturminister Gernot Blümel habe ich eine sehr offene und gute Beziehung. Ich möchte ihm demnächst persönlich den Spielplan präsentieren, damit er nicht aus der Zeitung erfahren muss, was wir vorhaben. Ich finde, das gehört sich so.

profil: Regisseurin Andrea Breth meinte in einem Interview mit der „Presse“, ihr Gespräch über eine Nichtverlängerung am Burgtheater sei „nicht so besonders erfüllt von Anstand“ gewesen.
Kušej: Sie hatte einen befristeten Vertrag am Burgtheater, der ausgelaufen ist. Ich schätze ihre Arbeit, sie hat bei uns am Residenztheater inszeniert, Aber mein Ansatz ist nun einmal, mit lauter neuen Künstlern zu arbeiten, etwas anderes als bisher zu machen. Das ist mein Auftrag, deswegen wurde ich geholt. Ich verstehe die Aufregung von Frau Breth nicht, die im selben Atemzug sagt, dass sie ohnehin bis 2022 ausgebucht sei.


Als Theaterdirektor muss man auf Vorwürfe des Mobbings und der sexuellen Belästigung sofort reagieren.

profil: Das Theaterpublikum ist weitgehend überaltert. Wie wollen Sie es verjüngen?
Kušej: Dieses angestrengte Schielen auf junges Publikum verstehe ich nicht. Ein Clubbetreiber sagt ja auch nicht, er muss „alte Leute“ in seine Disco locken, damit sein Geschäft besser läuft. Mir ist grundsätzlich jeder recht, der kommen mag. Aber es stimmt natürlich, dass wir über das Publikum für die Zukunft des Theaters nachdenken. Da muss man schon sehr früh, etwa in der Schule ansetzen, um ein Bewusstsein für Kunst zu wecken. Der Kunstunterricht wird gröblich vernachlässigt, es wird immer schwieriger, eine minimale Basis für ästhetisches Empfinden oder künstlerischen Denken bei den Kids zu finden. Ich finde gut, was das Projekt „Offene Burg“ hier gemacht hat. Wir werden es mit unseren Erfahrungen aus München verknüpfen und zu einem zentralen Kern unseres Burgtheaters machen.

profil: Apropos Ausbildung: Es gibt schwere Vorwürfe gegen die Ballettakademie der Wiener Staatsoper. Warum kommt es gerade im Kunstbereich immer wieder zu Machtmissbrauch?
Kušej: Ich bin überrascht, welche veralteten Strukturen es auf diesem Feld noch immer gibt. Ich kann mir weder bei Kindern noch in anderen Arbeitsbeziehungen vorstellen, dass man mit Zwang, Druck oder Drill zu guten Resultaten kommt. Mir sind Freiheit und kreative Entfaltung in einem offenen Miteinanderumgehen immens wichtig. Als Theaterdirektor muss man auf Vorwürfe des Mobbings und der sexuellen Belästigung sofort reagieren. Man muss die betroffenen Mitarbeiter abmahnen, im Notfall auch entlassen. Das sind harte Entscheidungen, aber sie sind wichtig.
profil: Früher sprachen Regisseure offen darüber, man müsse Schauspieler brechen. Hat sich das verändert?
Kušej: Zum Glück. Eine gewisse Form von Eigenverantwortung muss es aber auch geben. Man kann Widerstand leisten, muss Missstände thematisieren.

profil: Mit Ihnen kann man gut streiten?
Kušej: Wenn es um Inhalte geht, auf jeden Fall. Aber ich werde immer die Seite dessen einnehmen, der belästigt oder unterdrückt wird. Das ist mein Job als Theaterleiter – und als Mensch.
profil: Oft ist Machtmissbrauch mit dem leidigen Geniebegriff verbunden. Sie sehen sich nicht als Genie?
Kušej: Nein, das ist doch lächerlich! Das einzige Genie, das ich kenne, ist der Dirigent Daniel Barenboim, dem übrigens auch vorgeworfen wird, autoritär zu sein. Man muss unterscheiden, was im tolerablen Bereich einer Spannung auf einer Probe steht – und welches Verhalten nicht geduldet werden kann.
profil: Wie schafft man es, nicht machtbesessen zu werden?
Kušej: Ich weiß es nicht. Ich bin nicht eifersüchtig und nicht nachtragend. Das sind schon einmal gute Voraussetzungen. Wenn es um die Sache geht, bin ich klar, manchmal auch hart. Aber ich bin so erzogen, dass mich Werte wie Nächstenliebe und Humanität prägen.
profil: Kommt das von der katholischen Erziehung, die Sie genossen haben?
Kušej: Ja, und das ist auch in Ordnung. Schwierig am Katholischen ist der Bereich der Sexualität und der Strafe. Das sind fiese Teile, die man ablegen muss.

Zur Person

Martin Kušej, 57. Der gebürtige Kärntner wurde Ende der 1980er-Jahre mit düsteren und wuchtigen Inszenierungen wie Karl Schönherrs „Es“ (1987, Schauspielhaus Graz) und „Glaube, Liebe Hoffnung“ (1990, Slowenisches Nationaltheater) berühmt. Kusej schätzt ausgefallene, selten gespielte Stücke. Im Akademietheater brillierte Birgit Minichmayr in „Der Weibsteufel“ (2008). Ab 2011 leitete Kušej das Münchner Residenztheater, diesen Herbst tritt er seine Intendanz am Burgtheater an. Eröffnen wird er nicht mit einer eigenen Inszenierung; der deutsche Regisseur Ulrich Rasche, bekannt durch seine wuchtigen Arbeiten, in denen die gesamte Bühnenmaschinerie zum Einsatz kommt, wird gerüchteweise „Die Bakchen“ von Euripides zeigen. Die Pressekonferenz, in der Kušej und sein Team ihr Programm präsentieren werden, ist für Juni geplant.