Burgtheater: Karin Bergmanns Ära geht zu Ende

Karin Bergmann

Karin Bergmann

Es ist die letzte Saison von Karin Bergmann als Burgtheater-Direktorin. Anders als viele männliche Kollegen, die Choleriker sind, pflegte sie einen sachlichen Tonfall. Künstlerisch war ihre Ära aber mitunter auch bieder. Eine Analyse in fünf Punkten.

Worin lagen die Stärken der Direktorin?

Karin Bergmann ist nicht nur die erste Frau, die an der Spitze des Burgtheaters gewirkt hat, sie ist unter den zahlreichen männlichen Egozentrikern und Alphatieren, die sich im deutschsprachigen Theater besonders wohl zu fühlen scheinen, eine faszinierend unprätentiöse Persönlichkeit. Wo andere anschaffen, packt sie lieber an. In dem Mitte Februar in den heimischen Kinos anlaufenden Dokumentarfilm „Die Burg“ (Regie: Hans Andreas Guttner) kann man Bergmann am Tag der offenen Tür ihrer Institution erleben. Ein älterer Herr irrt etwas unbeholfen herum, die Chefin des Hauses spricht ihn beherzt an: In Kürze beginne die Technik-Show, die dürfe er sich nicht entgehen lassen. Sie könne ihm gern den Weg zeigen. „Sind Sie denn vom Fach?“, fragt der Mann erstaunt. „Ich habe die Ehre, die Direktorin dieses Hauses zu sein“, antwortet Bergmann völlig uneitel – und kommt mit dem perplexen Besucher ins Gespräch.

„Ich war immer eine starke Zweite“, meinte Bergmann, 1953 in Recklinghausen geboren, als sie 2014 aus ihrer Pension an die Theaterfront zurückgeholt wurde. Nach Matthias Hartmanns unrühmlichem Abgang war Not am Mann. Eine überraschende Wahl war sie für Insider nicht, kaum jemand kennt die Burg so gut wie sie: 1986 kam sie als Pressesprecherin Claus Peymanns nach Wien, dessen Nachfolger Nikolaus Bachler machte sie zu seiner Stellvertreterin. Sie brachte das finanziell schwer angeschlagene Haus in kürzester Zeit wieder auf Kurs. Sie einte das gespaltene Ensemble, stand für einen ruhigeren, sachlicheren Ton in der Diskussion. Sie war die perfekte Kur nach dem polternden Hartmann, der einen beachtlichen Teil der Burg-Angestellten durch chauvinistische Sprüche und Machtspiele gegen sich aufgebracht hatte. Cholerische Anfälle, wie man sie von Peymann kennt und testosterongeladene Aussagen, wie sie Martin Kušej von sich gibt, sind nicht ihre Sache. Networking-Weltmeister wie Markus Hinterhäuser, der Intendant der Salzburger Festspiele, ist sie auch keiner. Bei Society-Events sieht man sie selten. Bergmann ist ein Arbeitstier. Sie kann streng und stur sein, wenn es um die Sache geht, aber sie hat Handschlagqualität. Aus der harten Peymann-Schule hervorgegangen, neigt sie allerdings dazu, ein Kontrollfreak zu sein. Sie ist, wie man sich jemanden aus dem Ruhrpott vorstellt: hart, aber herzlich.

Welchen Stellenwert hatte neue Dramatik?

Die zeitgenössische Dramatik war und ist an der Burg ein zentrales Anliegen, die Zahl der Ur- und Erstaufführungen seit 2014 kann sich sehen lassen. Insbesondere neue Stücke aus Österreich, von Ewald Palmetshofer, Thomas Köck, Ferdinand Schmalz, Josef Winkler, der spannenden jungen Dramatikerin Miroslava Svolikova – und posthum sogar von Wolfgang Bauer – wurden präsentiert. Bergmann hatte große Stoffe versprochen – und geliefert.

In ihrem persönlichen Theatergeschmack blieb die neue Direktorin, die privat eine Leseratte ist, allerdings gerade bei Klassikern oft erstaunlich konventionell. Ausgerechnet Hermann Bahrs sexistische Seitensprung-Komödie „Das Konzert“ sei eines ihrer Lieblingsstücke, gestand Bergmann, die den Sommertheater-Hit prompt 2015 in einer fast schon provokant biederen Version von Felix Prader auf die Bühne brachte. Überhaupt zeigte man ein bisschen zu viel seichten Boulevard. Klar, jedes große Theater braucht seine Unterhaltungsknüller, die ein Publikum anlocken, das keine gewagten Regiekonzepte sehen möchte. Bergmann wollte mit leichter Kost die Besucherquote hoch halten. Das wäre nicht schlimm, hätte sie zum Ausgleich bei anderen Inszenierungen auf volles Risiko gesetzt. Aber dies war leider zu selten der Fall.

Als Anwältin geschmähter Stücke nahm Bergmann den Knittelvers-Bestseller „Jedermann“, der jedes Jahr verlässlich die Kassen der Salzburger Festspiele füllt, gegen Kritik in Schutz. Sie hatte die zündende Idee, das moralinsaure Werk neu schreiben zu lassen. In dem Wiener Neo-Volksstück-Autor Ferdinand Schmalz fand sie einen kongenialen Mitstreiter, der lustvoll an der alten Sprache schraubte und den Klassiker entstaubte. Mit der Gerhart-Hauptmann-Adaption „Vor Sonnenaufgang“ legte der heimische Autor Ewald Palmetshofer in der Regie von Dušan David Pařízek eine feine Studie über zwischenmenschliche Vereisung vor. Sein Burg-Debüt hatte der Dramatiker Palmetshofer aber bereits unter Hartmann gefeiert, wie übrigens auch viele Regisseure, die Bergmann einfach von ihrem Vorgänger übernahm: von Pařízek über Bastian Kraft bis zu Nikolaus Habjan, den Hartmann ans Haus geholt hatte – allerdings zunächst nur als Puppenspieler. Als Regisseur debütierte Habjan erst kürzlich mit Werner Schwabs „Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos“ am Akademietheater – einer eher blutleeren Kunstanstrengung.

Einen guten Riecher bewies Bergmann allerdings damit, den Roman „Die Welt im Rücken“, in dem der deutsche Autor Thomas Melle von seiner bipolaren Störung erzählt, in die Hände von Schauspieler Joachim Meyerhoff und Regisseur Jan Bosse zu legen. Oft braucht gutes Theater eben nicht viel mehr als einen tollen Schauspieler, der sich den Stoff radikal aneignet.

Wie stand es um die Auslastung?

Der Schuldenberg ist abgetragen, das Burgtheater schreibt wieder schwarze Zahlen. Man merkte dem Programm nicht unbedingt an, dass jeder Euro doppelt umgedreht werden musste. Am ehesten spürte man den Sparzwang noch in der zaghaften, oft anbiedernden Art dessen, was schließlich auf dem Spielplan landete. Die Auslastung lag bei rund 77 Prozent stabil, die Einnahmen konnten gesteigert werden. Was das Finanzielle betrifft, waren Bergmann und ihr kaufmännischer Geschäftsführer Thomas Königstorfer Vorzeigeschüler.

Welche Schauspielerinnen und Schauspieler waren zu sehen?

Das Volkstheater unter Anna Badora wird gern gescholten, aber was man vergisst: Im ersten Jahr ist es dem Haus am Weghuberpark tatsächlich gelungen, eine Burg-Schauspielerin abzuwerben. Das gab es in der Geschichte beider Häuser noch nie. Die kraftvolle Stefanie Reinsperger wechselte zu Badora – mittlerweile ist sie freilich weitergezogen nach Berlin. Bergmann hat an der Burg keinen würdigen Ersatz gefunden. Unter den Schauspielkräften, die sie verpflichtet hat, finden sich etwa Andrea Wenzel und Marie-Luise Stockinger – solide Akteurinnen, aber Stars sind sie nicht. Unter den Neuzugängen in der Ära Bergmann fehlen die markanten, herausragenden Schauspielerpersönlichkeiten. Gesichter, die man nun auch außerhalb von Theaterkreisen kennen würde. Warum muss ausgerechnet die künstlerisch schwache Alina Fritsch zum Ensemble gehören? Weil sie die Tochter von Burg-Schauspielerin Regina Fritsch ist? Bergmann war auch zu gutmütig, sie hat im Bereich Schauspiel kaum Personal ausgetauscht. Umso verständlicher ist es, dass ihr Nachfolger Martin Kušej, der ab Herbst das Burgtheater leiten wird, neue Leute mitbringen möchte – selbst, wenn das im individuellen Fall für langgediente Ensemblemitglieder ein großer Einschnitt ist.

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