Cannes-Tagebuch (VIII): Goldene Palme für „I, Daniel Blake”

Szene aus "I, Daniel Blake"

Szene aus "I, Daniel Blake"

Plädoyer für das geradlinige Kino: Die Preisträger der 69. Filmfestspiele an der Croisette.

Eine andere Welt sei nicht bloß möglich, sagte Regisseur Ken Loach, Überraschungssieger der 69. Filmfestspiele in Cannes am Sonntagabend – sie sei vor allem nötig. Das soziale Engagement, mit dem der bald 80-jährige Brite seit über fünf Jahrzehnten Filme macht, ist glaubhaft und sympathisch, wenn auch nicht unbedingt eine Garantie für künstlerisches Raffinement. Zum bereits 13. Mal wurde der Veteran heuer in den Wettbewerb des größten Filmfestivals der Welt eingeladen, in Cannes ist er seit je Fixstarter. Dass er für „I, Daniel Blake“ – in ihrem sozialen Realismus und ihrer Pathosneigung eine sehr typische Loach-Inszenierung – nun die Goldene Palme gewinnen sollte, war dennoch nicht abzusehen; zu medioker erschien der Film, getragen zwar von einem zupackenden Hauptdarsteller, dem Stand-Up-Comedian Dave Johns, und dem bisweilen sehr pointierten Drehbuch Paul Lavertys, zu absehbar seine Dramaturgie.

Schnell zupackendes Kino

Überhaupt schlug die Jury unter „Mad Max“-Erfinder George Miller alle Hinweise der in Cannes versammelten internationalen Filmkritik in den Wind, wohl um die Welt ein wenig zu überraschen – oder auch nur, um zu demonstrieren, dass sie simples, geradliniges, schnell zupackendes Kino den spröderen, intellektuelleren Schöpfungen wie Maren Ades „Toni Erdmann“ oder Cristi Puius „Sieranevada“ jedenfalls vorzog. Nur so ist es zu erklären, dass ein gedanklich schlichter Pseudo-Teenager- und Posing-Road-Movie wie Andrea Arnolds „American Honey“ und Xavier Dolans hysterisch-überzogene Familienabrechnung „Bis ans Ende der Welt“ an die Jury-Preise kommen konnte, nur unter diesen Umständen kam ein bühnenhaftes Moraldrama wie „Salesman“ des Iraners Asghar Farhadi für die Kategorien bestes Drehbuch und besten Darsteller in Frage.

Hohes Alter

Immerhin belohnte man zwei mutige Regisseure wie den Rumänen Cristian Mungiu (für seine Korruptionsstudie „Bacalaureat“) und den Franzosen Olivier Assayas (für seinen Mode-Geisterfilm „Personal Shopper“) mit dem Preis für die besten Inszenierungen. Im Mai des kommenden Jahres wird vermutlich alles noch staatstragender werden: Wenn die elitärste Kinoausstellung dieses Planeten den Eintritt ins hohe Alter feiern wird, ist mit noch weniger Konzentration auf die Essenzen des Autorenfilms zu rechnen.