Cannes-Tagebuch (VII): Liebe deinen Vergewaltiger!

Cannes-Tagebuch (VII): Liebe deinen Vergewaltiger!

Isabelle Huppert beendet semi-drastisch das Wettbewerbsprogramm 2016.

Künstlerische Crash-Landungen von Nicolas Winding Refn und Sean Penn sowie enttäuschende Neuigkeiten von Asghar Farhadi und Xavier Dolan: Die zweite Hälfte der diesjährigen Filmfestspiele in Cannes geriet, trotz vereinzelter Pluspunkte (Cristian Mungius „Bacalaureat“ und der Dardenne-Krimi „Un fille inconnue“), merklich schwächer als die erste.

Daran konnte dann auch der Niederländer Paul Verhoeven nichts mehr ändern, dessen turbulente Vergewaltigungs-Groteske „Elle“ den Wettbewerb am Samstag, einen Tag vor der Preisverleihung, zu Ende brachte. Immerhin verfügt der Regisseur über eine äußerst eindrucksvolle Hauptdarstellerin: Isabelle Huppert, drastischen Rollen bekanntlich nicht abgeneigt, scheint jeden Augenblick hier zu genießen – als sympathische Soziopathin, sexuell hochaktive Tochter eines Massenmörders, die über die wiederholte Vergewaltigung durch einen ungebetenen Maskierten in ihrem Haus auf den sadomasochistischen Geschmack kommt.


Verhoeven nutzt jede sich ihm bietende Chance, kleine abwegige Pointen und Geschmacklosigkeiten einzubringen

„Elle“ ist exakt so absurd, wie diese Kurzzusammenfassung klingt – und Verhoeven, der Regisseur von „RoboCop“ (1987), „Basic Instinct“ (1992) und „Starship Troopers“ (1997), nutzt jede sich ihm bietende Chance, kleine abwegige Pointen und Geschmacklosigkeiten einzubringen, ohne den Mainstream-Appeal seiner stilistisch eher unterambitionierten Inszenierung zu minimieren. So bietet „Elle“ wenig mehr als ein bisschen abgründigen Spaß und einen allerdings auch im erotisch-komischen Fach extrem nuancierten Star.

Anfang Juni übrigens wird Verhoeven in Wien erwartet: Im Österreichischen Filmmuseum, wo man ihm ab 3. Juni eine groß angelegte Retrospektive widmet, wird er über seine Filme sprechen und eine Masterclass geben. Spaßgarantie!