Cordula Simon: „Es krankt überall“

Cordula Simon: „Es krankt überall“

In Cordula Simons neuem Roman „Wie man schlafen soll“ dreht sich alles um den Weltuntergang. Die Autorin über Zukunftsängste, Blasenbildungen und Krokodillederhandtaschen.

profil: Was hat Sie als junge Autorin dazu veranlasst, in Ihrem neuen Buch „Wie man schlafen soll“ die Zukunft der Welt so schwarz zu malen?
Cordula Simon: Ich habe den Eindruck, dass es an allen Ecken und Enden bröckelt. Die Wirtschaftskrise, politische Krisen, man weiß nicht mehr, wo es hin geht. Die Leute entwickeln merkbar Zukunftsängste, und es gibt ja mittlerweile auch schon den Terminus „Generation Zukunftsangst“. Früher war eine auf fünf Jahre befristete Anstellung etwas Schlechtes, heute ist man froh, wenn man überhaupt so lange Arbeit hat. Man merkt es auch an einer Initiative des Club of Rome: Da will man Frauen dafür bezahlen, wenn sie bis zu einem gewissen Alter maximal ein Kind bekommen haben, weil dem Planeten nicht mehr Menschen zumutbar seien. Es krankt überall.

profil: Ein Kritiker hat über Ihr Buch geschrieben, dass es als Zukunftsparabel nicht tauglich sei. War es Ihre Intention, eine futuristische Vision zu gestalten?
Simon: Hoffentlich wird die Welt nicht so, wie ich sie in meinem Buch darstelle, das wäre ziemlich traurig. Aber in dem Roman geht es um Dinge, die jetzt gerade passieren. Deshalb sollten sie auch einen Platz in der Literatur haben, wenn man diese als Spiegel der Gegenwart sehen will. Man kann es natürlich auch nur als nette Weltuntergangs-Geschichte lesen.


Wir haben eine digitale Revolution – und das wird problematisch.

profil: In Ihrem Buch rechnen Sie mit allen behandelten Thematiken schonungslos ab. Kapitalismus, digitale Medien und die Rohstoffindustrie sind nur drei Beispiele dafür. Gibt es auch eine Richtung, in die Sie nicht mit Pessimismus blicken?
Simon: Ich glaube, dass die Menschen wohlwollender werden, wenn sie einander gegenüber stehen, weil sie sich in den anderen wiederfinden. Die Menschen sind weniger grausam als früher. Daran muss ich glauben, was bliebe sonst noch?

profil: Weniger grausam? Trotz der gegenwärtig extremen gesellschaftspolitischen Entwicklungen?
Simon: Da geht es eher um Zukunftsängste, die teilweise auch medial geschürt werden. Wenn man sieht, dass immer mehr Menschen zuwandern und von unserer wirtschaftlichen Situation profitieren wollen, wissen viele Leute nicht, wie das funktionieren soll. Es gibt auch kein endgültiges Lösungskonzept, um die Menschen gut integrieren zu können und einen Weg zu finden, der für alle das bestmögliche Ergebnis bietet. Noch dazu befinden wir uns momentan in einem kulturellen Wandel. Wir haben eine digitale Revolution – und das wird problematisch. Wenn man sich von klein auf nur noch digital beschäftigt und Kinder nicht mehr spielen, fehlen ihnen soziale Erfahrungen und möglicherweise auch die nötigen synaptischen Verbindungen. Ich bin keine Neurowissenschafterin, aber das ist schon bedrohlich.

profil: Fehlt es uns an Bildung?
Simon: Ja, und dazu kommt, dass immer mehr Lehrer klagen, es gebe eine Art Leseverweigerung. Warum sollte ich mir das auch antun: einen langen Text zu lesen, wenn es auch kurze Ausschnitte tun? Im Schnitt bleibt jeder Nutzer 40 Sekunden auf einer Webseite, da sinkt auch die Aufmerksamkeitsspanne. Es freut mich jedes Mal, wenn ich mit Leuten an einem Tisch sitze und wir einfach diskutieren, ohne dass jemand bei einer Frage zu googlen anfängt.


Viele Autoren haben etwas geteilt, wofür ich mich sehr geschämt habe.

profil: In Ihrem Buch scheitern drei Figuren aus gesellschaftlich völlig unterschiedlichen Milieus am Leben. Liegt das daran, dass den Menschen die soziale Kompetenz verloren gegangen ist?
Simon: Sie leben sehr isoliert, haben dadurch auch keinen sozialen Kontext. Mittlerweile verlernen wir das auch. Jeder versteckt sich hinter einem digitalen Medium, da werden Mimik und Gestik nicht mitgeliefert. Menschen haben also Schwierigkeiten, miteinander umzugehen, wenn man einander konkret gegenüber sitzt. Es ist auch erstaunlich, wie schnell sich Menschen in sozialen Netzwerken über Kleinigkeiten echauffieren. Nach der Bundespräsidentenwahl gab es in meinem Facebook-Dunstkreis sehr viel Aggression. Die Österreicher seien so dumm. „Dumm“ ist aber kein Erklärungsmodell. Viele Autoren haben etwas geteilt, wofür ich mich sehr geschämt habe: „Die Österreicher sind das einzige Volk, das durch Erfahrung dümmer wird.“ Angeblich von Karl Kraus. Nur: Kraus hat das niemals geschrieben. Es ist einfach daneben, wenn man sich zu einer intellektuellen, linken Elite zählt und dann etwas postet, ohne zu wissen, woher das kommt. Grundsätzlich finde ich, dass man mehr nachdenken sollte, erstens bevor man wählt und zweitens bevor man postet.

profil: Denken Sie, dass diese Aggression auch im realen Leben ausgebrochen wäre oder nur hinter der Schutzmauer der sozialen Medien?
Simon: Mittlerweile hat diese Blasenbildung auch im echten Leben einen Platz. An amerikanischen Universitäten ist das bemerkbar. In Yale wurde vor Halloween in einer Aussendung darum gebeten, bestimmte Kostüme nicht anzuziehen, weil sie beleidigend wirken könnten. Ein Professor, der daraufhin meinte, dass man doch einfach kommunizieren könne, wieso sich jemand von einem Kostüm angegriffen fühlt, wurde nach einer Riesendemo ein Jahr lang freigestellt. Und in Berkeley haben schwarze Studierende an der Uni für „Safe Spaces“ demonstriert, in denen Weiße nicht zugelassen sein sollten; da frage ich mich, ob sie wirklich alle Gleichheitsbestrebungen der letzten 70 Jahre im Klo runter spülen wollen.

profil: Sehen Sie in diesen „Safe Spaces“ einen politischen Rückschritt?
Simon: Ein Problem, das ich mit diesem Begriff habe, ist, dass man damit automatisch alles, was außerhalb jenes Raums liegt, als unsicher deklariert. Ich merke, dass „Safe Spaces“ grundsätzlich eine gute Sache sind, wenn Menschen mit ihren Sorgen dort hingehen können, aber nicht, wenn man nach Rasse, Geschlecht oder sonst was ordnet. Lernen bedeutet auch, dass man Menschen mit anderen Meinungen kennenlernt, man sich austauscht und mit seinem Vorwissen überzeugt oder überzeugt werden kann. Das sehe ich auch beim Thema Pornografie. Viele Leute verdammen das Thema von vornherein, dabei ist es ein Feld, in dem es auch Ecken gibt, wo Frauen nicht missbraucht werden. Und dann wird behauptet, dass Männer, die Pornos schauen, zu Vergewaltigern werden. Das entmündigt Männer völlig. Nicht jede Phantasie muss ausgelebt werden.


Wenn die wirtschaftliche Situation bei uns den Bach runter geht, wird es auch in Österreich bald ähnlich sein.

profil: Hat das Pendeln zwischen der Ukraine und Österreich Ihren literarischen Blick auf ökonomische und politische Katastrophen geschärft?
Simon: Schwer zu sagen, aber eines fällt auf: dass man in der Ukraine an wunderbaren alten Häusern vorbei geht – und eine Straßenecke weiter steht man vor einem hässlichen Sowjetbau. Wenn die wirtschaftliche Situation bei uns den Bach runter geht, wird es auch in Österreich bald ähnlich sein. Solche Dinge fallen mir auf, aber ob ich sie auch bewusst in meinen Roman mit einflechte oder ob das nur unbewusst durch mich fließt, kann ich nicht sagen. Es macht aber für den Leser auch keinen Unterschied.

profil: Sie meinen, in Österreich könnten bald ukrainische Verhältnisse herrschen?
Simon: Ja, schon. Sehr viele Dinge sind in der Ukraine der Elite vorbehalten, und bei uns wird die Mittelschicht auch langsam ausgedünnt. In der Ukraine gibt es gefühlt zwei Arten von Autos: Lexus und Lada. Das zeigt die Kontraste, obwohl die Ukraine kein armes Land ist, nur eines mit sehr vielen armen Menschen.

profil: Haben Sie einen konkreten Vorschlag zur Abwendung des Unheils, in dem die Welt Ihres Romans endet? Engagieren Sie sich denn selbst für den Umweltschutz?
Simon: Jeder sollte in seinem Rahmen machen, was geht. Ich bin Vegetarierin. Ich merke aber immer mehr, dass in meinem Umfeld das Bewusstsein dafür wächst, dass das Fleisch, das konsumiert wird, ruhig mehr kosten kann, wenn es dafür regional ist. Das wäre schon ein guter Weg. Ich habe auch ein Problem mit jeder Art von Extremismus. Leute, die alten Damen Farbbeutel auf ihre Pelzmäntel werfen, finde ich lächerlich. Ich habe selbst eine Krokodillederhandtasche, die ist vom Flohmarkt. Ich denke, das ist für meinen ökologischen Fußabdruck besser, als ein billiges Imitat aus China einfliegen zu lassen. Man muss immer überlegen, was global das Beste ist – und einen Schritt weiter denken. Wenn jeder einen Schritt für sich selbst macht, ist das schon gut, eine Patentlösung kann es da nicht geben. Frische Vorschläge von Menschen, die sich gerade in Wirtschaft und juristischen Belangen sehr gut auskennen, würden unserer Politik allerdings auch gut tun.

Cordula Simon , 30, studierte deutsche und russische Philologie in Graz und Odessa. Mit „Wie man schlafen soll“ veröffentlicht sie bereits ihren dritten Roman. Nach ihrem Debüt „Der potemkinsche Hund“ (2012), wurde sie 2013 mit „Ostrov Mogila“ für den Bachmannpreis nominiert. Gemeinsam ist ihren Geschichten der Hang zur Apokalypse. Im neuesten Buch werden drei Figuren aus unterschiedlichsten Milieus in einer künstlich geschaffenen, smarten Stadt, rund um eine Raffinerie, in den Blick genommen. In einer von Klimakatastrophen zerstörten Welt scheitern sie auf ihrer Suche nach dem Glück.

Cordula Simon: Wie man schlafen soll. Residenz, 196 S., EUR 20,–
Buchpräsentation mit Cordula Simon am 28.9. um 19 Uhr im Literaturhaus Graz