David Cronenberg in Cannes: Libido und Chirurgie

Mit "Crimes of the Future" wirbelt David Cronenberg den lahmen Wettbewerb in Cannes auf.

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Das "Neue Fleisch", das der kanadische Kinofuturist David Cronenberg schon 1983 in seinem Body-Horror-Klassiker "Videodrome" ausgerufen hat, es hört nicht auf zu wachsen. Die Körper verwandeln sich, passen sich an eine veränderte Umwelt an. Eine mutierende, sich ihrer Auslöschung nähernde Erde setzt eine abgründige Evolution in Gang. Davon geht Cronenberg, 79, in "Crimes of the Future" aus, acht Jahre nach seiner letzten Regiearbeit "Maps to the Stars". Tatsächlich schreibt Cronenberg damit eines seiner frühesten Werke, das er 1970 ebenfalls "Crimes of the Future" nannte, weiter. Erneut geht es dem Regisseur avancierter Körperschocker wie "Die Fliege" (1986) oder "Dead Ringers" (1988) um die Verklammerung von Libido und Chirurgie, um Mutation und Erweiterung der menschlichen Physis, um operative Eingriffe, die anderen Zwecken als bloß kosmetischen oder medizinischen dienen.

Viggo Mortensen tritt in "Crimes of the Future" als am eigenen Leib experimentierender Künstler auf,  der sich die in ihm wie Tumore entwickelnden neuen Organe öffentlich entnehmen lässt, Léa Seydoux fungiert als seine Partnerin. Ihre öffentlichen Performances beschwören den Erotizismus der Chirurgie herauf, "Surgery is the new sex" lautet ihr Wahlspruch.

Als der Film am Montagabend im Wettbewerb der Filmfestspiele in Cannes zur Weltpremiere kam, reagierte das Publikum absehbar irritiert. Denn Cronenberg jongliert, wie gewohnt, provokant mit scheinbar abwegigen Ideen: Menschen lassen sich in seiner Erzählung modische Schnitte in Gesicht und Bauchdecke verpassen, um ihre Attraktivität zu erhöhen, eine Autopsiemaschine dringt publicity-wirksam unter die Bauchdecke einer kindlichen Leiche, und die skulpturalen Betten, in denen der Künstler schläft, arbeiten mit einer Software, die dem chronischen Schmerz des darin Schlafenden entgegenwirken soll. In dieser abgründigen Groteske fallen Begriffe wie "Designer-Krebs" und "Organtätowierung", plastikverarbeitende Verdauungssysteme bilden sich aus, und man ruft Schönheitswettbewerbe für innere Organe aus.

"Crimes of the Future", im sommerlich überhitzten Griechenland 2021 gedreht, ist ein radikal gedämpfter, mytho-futuristischer Noir-Schocker geworden, ein Werk des Transhumanismus und der Post-Suspense – der bislang mit Abstand souveränste Film des Festivals. Denn Cronenberg denkt darin längst Bestehendes (etwa die Sucht, Körper und Gesicht zu verändern) nur ein, zwei Schritte weiter. Wie real die Grundlagen der scheinbar so surrealen Motive in "Crimes of the Future" sind, zeigte ein radikaler Dokumentarfilm in dem – heuer besonders hochklassig programmierten – Cannes-Nebenfestival Quinzaine des réalisateurs: Das britisch-schweizerische Kinoforschungs-Duo Lucien Castaing-Taylor und Véréna Paravel ("Leviathan") erkundet in "De humani corporis fabrica" das Treiben in einem Pariser Krankenhaus, unter besonderer Berücksichtigung invasiver Operations- und Körperdurchleuchtungstechniken. Und es ist frappant, wie ähnlich viele ihre Motive jenen Cronenbergs sind.

Der von filigranen Maschinen, Kameras und Greifarmen traktierte Menschenkörper wird hier zum blutigen Hauptschauplatz: Schrauben werden ins Rückgrat gedreht und in Gehirne gedrillt, Schläuche durch Harnröhren gezogen, Tumore abgetrennt und filetiert. Der "Akt des Sehens mit eigenen Augen", wie ein berühmt expliziter Autopsiefilm des US-Avantgardisten Stan Brakhage von 1971 heißt, ist nötig, wenn es um die ganz handfeste Frage geht, was genau mit unseren Körpern in den Institutionen geschieht, die für deren Behandlung und Entsorgung zuständig sind.

Stefan   Grissemann

Stefan Grissemann

leitet seit 2002 das Kulturressort des profil. Freut sich über befremdliche Kunst, anstrengende Musik und waghalsige Filme.