Das weite Land
Theater

„Das weite Land“ und „NV / Night Vater / Vienna“: Chaos im Herzen

Manipulation und Kastration: Zum Saisonstart fahren die Wiener Bühnen schwere Geschütze auf.

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Es wird unschön enden, das ist von Beginn an klar. Das Suff-Level auf der Bühne des Wiener Volkstheaters ist bedrohlich hoch. Ein Paar im Öl beschimpft sich, bisweilen aggressiv, dann wieder zart als "fucking cunt" und "fucking prick", ein famoses Kamerateam vergrößert die blutige, oft absurd komische Live-Action der beiden auf riesige Leinwände. Fake-Fäkalien kommen zum Einsatz, und am Ende gibt es eine Kastration mit letalem Ausgang. "NV/Night Vater/Vienna" nennt sich die seriell angelegte Performance des US-Avantgardekünstlers Paul McCarthy, 77, die er mit der 34-jährigen Berliner Schauspielerin Lilith Stangenberg (bekannt aus dem Film "Wild")entwickelt hat. Keine geringe Leistung: Es ist hohe Kunst, dermaßen abgefuckt zu spielen, vor allem Stangenberg gelingt das großartig.

Das Problem des Abends ist vielmehr, dass er im luftleeren Raum hängt. Die behauptete Referenz bleibt unsichtbar: Liliana Cavanis Film "Der Nachtportier" (1974) spielt mit der NS-Vergangenheit; McCarthys Hitlerbärtchen ist ein bisschen wenig Kontext. Wenn es um Gewalt in Hetero-Beziehungen geht, drängt sich der Vergleich mit dem Schweden Markus Öhrn auf; in dessen radikalen Arbeiten geht es tatsächlich darum, die komplexe Struktur von Eskalation zu zeigen. Und damit zu beweisen, dass Gewalt durchaus eine Logik hat, gegen die man angehen kann. Absurdes Detail: Volkstheater-Intendant Kay Voges setzt mit seiner Begeisterung für die ergrauten Avantgarde-Bad-Boys McCarthy und Jonathan Meese, der in dieser Saison auch wieder dabei sein wird, im Grunde nur fort, was der erfolglose Festwochen-Intendant Tomas Zierhofer-Kin begonnen hat. Warum hat Wiens Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler dann Zierhofer-Kin 2018 vorzeitig entlassen?

Gediegener, aber nicht minder brutal geht es im Akademietheater zu. Schnitzlers Tragikomödie "Das weite Land" hat man noch nie so schneidend, so existenziell und dermaßen dunkel gesehen wie in der Version von Barbara Frey. Extra Dry wird da dem Salonstoff alles Süßliche ausgetrieben. Übrig bleibt ein Psychothriller: Man weiß nie genau, wer wen aus welchen Gründen in den Selbstmord treiben möchte. Das eigene Unglück erzeugt einen subtilen Sadismus. Großartig, wie Katharina Lorenz die betrogene Frau zuerst als Opfer anlegt, bis immer mehr ihre Täterinnenseiten hervortreten.

Michael Maertens ist als ihr Mann alles andere als schillernd, er hat eine veritable Midlife-Crisis, liebäugelt mit dem Tod. Überhaupt ist das Sterben omnipräsent, gleich zu Beginn erzählt eine sonore Stimme, wann welche Fliegen, Maden und Käfer ihr Fresswerk im Leichnam angehen. Ein faszinierender Trip in die Abgründe der menschlichen Seele, die nicht nur ein weites, sondern vor allem ein ungemütliches Land ist.

 

Karin   Cerny

Karin Cerny