David Finchers Thriller „Gone Girl“: Szenen einer Ehe

David Finchers Thriller „Gone Girl“: Szenen einer Ehe

Regisseur der aufsteigenden Panik: Eine Begegnung mit David Fincher, der in seinem jüngsten Thriller „Gone Girl“ böse Spiele mit dem Publikum veranstaltet.

Von Thomas Edlinger und Stefan Grissemann

Das Post-it mit der gekritzelten Aufforderung „Kill Self“ wird im Kalender alle paar Tage umgeklebt, die Erinnerung an die geplante Selbsteliminierung kurzerhand verschoben. Die flüchtige Titelheldin, die in dem Thriller „Gone Girl“ unerkannt durchs ländliche Amerika streift, hat nämlich noch ein paar unschöne Dinge zu erledigen. Aber davon weiß gerade niemand etwas, denn tatsächlich geht die Welt davon aus, dass die vermisste Amy (Rosamund Pike), eine allem Anschein nach arglose, aber berühmte junge Frau aus gutem Haus, entführt oder, wahrscheinlicher, gleich umgebracht und entsorgt wurde. Als Hauptverdächtiger tritt Amys Mann Nick (Ben Affleck) unfreiwillig ins Rampenlicht: Er ist vom Geld seiner Frau abhängig, hat eine heimliche Affäre und benimmt sich vor den Kameras der angereisten Journalisten so idiotisch, dass der Eindruck entsteht, er wolle sich den Medien als mutmaßlicher Täter geradezu andienen.

Als er merkt, wie sehr er sich selbst in die Enge manövriert hat, geht er in die Offensive. Am Fernsehen führt dabei, während die durchdrehende Amy ihre Intrigen blutig zuspitzt, kein Weg vorbei – am ausgekochten Unhappy-End auch nicht. David Finchers aufwendige Adaption des Bestsellers „Gone Girl – Das perfekte Opfer“ ( siehe Filmkritik hier ) macht sich ebenso lustvoll sarkastisch wie die 2012 erschienene Romanvorlage der Ex-Journalistin Gillian Flynn an die Arbeit: Fincher entwirft eine herbe, bisweilen vergnügliche Allegorie auf den Irrsinn ehelicher Machtspiele, zudem eine Studie moderner Medienekstasen und der allgegenwärtigen Shitstorm-Provokationen sozialer Netzwerker.

Aufs Glatteis
„Gone Girl“ startet diese Woche, wenige Tage nach der Uraufführung beim New York Film Festival, praktisch weltweit in den Kinos. Die kritische Rezeption des Werks im Vorfeld scheint eher hymnisch auszufallen: Eine Inszenierung von „chirurgischer Präzision“ nahm der Kritiker des Branchenblatts „Variety“ wahr, einen „auf hypnotische Weise perversen Film“ der Kollege beim New Yorker „Time Out“.

Als Regisseur ist der Amerikaner David Fincher, 52, für diesen Stoff fast schon zu naheliegend: Die neue Arbeit des „Fight Club“-Zynikers, Thriller-Spezialisten („Seven“, „The Game“, „Panic Room“, „Zodiac“) und Serienproduzenten („House of Cards“) mutet, von fern betrachtet, wie eine Überblendung der Facebook-Historie „The Network“ (2010) mit der Stieg-Larsson-Verfilmung „The Girl with the Dragon Tattoo“ (2011) an.

Entsprechend pragmatisch legt Fincher „Gone Girl“ an: Aber auch damit führt er sein Publikum nur aufs Glatteis, denn während der ersten 45 (der insgesamt 145) Minuten seines Films meint man, einem konventionellen Thriller mit allzu papierenen Meta-Ironie-Dialogen beizuwohnen. Erst danach entwickeln der Stoff und die Inszenierung ihre Schärfe, und „Gone Girl“ wächst sich zur giftigen Ehesatire und zum trocken servierten Mediendrama aus.

Vorvergangene Woche empfing Fincher profil in einer der üblichen Fünf-Stern-Residenzen, in einer Suite des Londoner Soho Hotel, einem noblen, etwas überdekorierten Backsteinbau nahe der berühmten Carnaby Street, zwischen Themse und Hyde Park. Er bestätigte gleich eingangs sein Interesse an der psychoanalytischen Deutung dieser Geschichte: Ihn habe vor allem „die narzisstische Dimension der Verführung“ interessiert. „Wir versuchen alle, die perfekte Fassade zu wahren – als guter Ehemann, als guter Christ oder auch nur als guter Nachbar. Wenn wir dann aber meinen, unseren jeweiligen Traumpartner getroffen zu haben, wird es delikat. Dann nämlich müssen sich zwei narzisstische Idealbilder zusammenraufen. Das ist kompliziert genug. Die hohen Scheidungsraten in den USA sprechen Bände.“

Satire mit ernstem Hintergrund
In „Gone Girl“ stoßen zwei konträre Elemente hart gegeneinander, die sich unter anderem in der Arbeit der Polizei und eines Anwalts manifestieren: der Professionalismus des Zweifels und die Notwendigkeit, Menschen zu vertrauen. „Es gibt in meinem Film Figuren, die den von Ben Affleck gespielten Protagonisten umkreisen und ihn in jedem Fall für ein Arschloch halten, egal, was er sagt. Andere denken, er sei definitiv ein guter Mensch, der das Pech hatte, im falschen Moment am falschen Ort zu sein. Die Unterschiede dieser Einschätzung machen den Witz des Films aus. Letztlich ergeben sie eine Satire. Die Erzählform meines Films hat etwas Verspieltes, aber die Satire selbst hat einen durchaus ernsten Hintergrund.“

Der dunkle Ambient-Soundtrack, den Industrial-Star Trent Reznor (Nine Inch Nails) ko-komponierte, signalisiert das Aufsteigen des Unheimlichen aus dem Alltäglichen einer Ehe. Aber darüber will Fincher nicht sprechen; die technischen Aspekte seines Berufs liegen ihm näher als ideologische Subtexte: „Der Film sollte keine traumartige Atmosphäre verbreiten. Ich habe mit Jeff Cronenweth, meinem Kameramann, mehr über die Idee von Reality-TV als über Kino diskutiert. Es ging uns nicht darum, diese Erzählung hübsch und gut ausgeleuchtet aussehen zu lassen. Wann immer es möglich war, haben wir mit einem Minimum an zusätzlichem Licht gearbeitet. Für jene Szenen, die wir in einem Hotelzimmer drehten, schalteten wir einfach das Licht über dem Badezimmerspiegel an und den Fernseher ein – das reichte schon.“

Die junge Britin Rosamund Pike ist das Zentrum des Unternehmens „Gone Girl“; ihre fulminante Interpretation weiblicher Psychopathologie geht beherzt über den Krimi-Realismus hinaus, den Fincher zunächst im Sinn hat, und setzt ihre Figur (und damit auch die Erzählung) mit erstaunlicher Wandlungsfähigkeit in den passenden (Horror-)Genre-Rahmen. Ben Afflecks Part ist weniger glamourös, aber ebenfalls auf Undurchschaubarkeit, auf das Spiel mit falschen Schlüssen angelegt. Er grinst, wo er nicht grinsen sollte, macht sich verdächtig, ohne es zu wollen.

Vampiristische Lust
Einer der eindrücklichsten Momente in Flynns Buch sei jener, als Nick bei der Pressekonferenz von einer Unbekannten zu einem Selfie gedrängt werde, meint Fincher. „Er steht neben einem Poster seiner abgängigen Frau und irgendjemand sagt: Smile! Nick denkt nicht nach, macht einfach, was von ihm verlangt wird. Kaum hat er es getan, fragt er sich, warum er sich dazu hat hinreißen lassen, aber es ist zu spät. Das Foto verbreitet sich rasend schnell, und plötzlich fragt sich jeder, warum der Typ in ausgerechnet dieser Situation lächelt? Als ich erwog, die Hauptrolle an Ben Affleck zu vergeben, googelte ich Fotos von ihm – und fand mindestens 15 gute Beispiele für dieses merkwürdige Grinsen.“

„Gone Girl“ beschäftigt sich satirisch mit den Kurzschlüssen zwischen den Medien, zwischen der Welt der Cable-News und den Erregungen im World Wide Web. Im Rahmen dieser medialen Heimtücke kommt vor allem das Fernsehen schlecht weg. Der Regisseur widerspricht halbherzig: Es gehe in seinem Film „weniger um die Medien als um eine Art von vampiristischer Lust, die von öffentlichen Tragödien in den Menschen ausgelöst wird. Die Leute, die im Vorgarten die Blumen unliebsamer Fremder ruinieren, sind nicht von der ,New York Times‘, sondern ganz normale Bürger.“ Aber die Massenmedien sind dann doch Finchers Ziel: „Ich berichte ja nicht von Journalisten mit differenzierter Weltsicht, sondern von Revolverjournalismus, von Leuten, die ganze Lynchmobs aufhetzen.“

Am Ende von Finchers Schocker „Seven“ wurde suggeriert, dass sich der abgetrennte Kopf von Gwyneth Paltrow in einer Schachtel fand. Heute buhlt die Terrormiliz IS mit obszönen Enthauptungsvideos um globale Aufmerksamkeit und Mitglieder, die solchen Inszenierungen offenbar nicht abgeneigt sind, diese als ultimative Geste der Rebellion sogar gutheißen. Von Medienrealitäten dieser Art zeigt sich Fincher nicht unbeeindruckt; er gesteht, dass es auch seine Haltung als Filmemacher verändert.

Exekutionsvideos sehe er sich allerdings sehr entschieden nicht an: „Dazu bin ich zu sensibel.“ Eines stehe aber fest, meint er noch: Wenn er heute ein Remake von „Seven“ plante, würde er „sehr viel vorsichtiger mit solchen erzählerischen Mitteln umgehen“.