Diagonale 2015: Ein Festivaltagebuch aus Graz

Diagonale 2015: Ein Festivaltagebuch aus Graz

Verstörte Figuren, verfremdete Welt: Das Filmfestival Diagonale bot düstere, welthaltige Erzählungen. Ein Tagebuch.

Dienstag, 17.3.

20 Uhr, List-Halle. Diagonale-Chefin Barbara Pichler hält, sechs Jahre nach Amtsantritt, ihre letzte Eröffnungsrede; ab 2016 wird das Grazer Festival des österreichischen Films von dem jungen Kuratorenduo Sebastian Höglinger und Peter Schernhuber geleitet werden. Die Stimmung in der Mehrzweckhalle ist wie stets gedämpft, eine Atmosphäre der Neugier und des Kampfgeistes ist hier, in Anwesenheit gelangweilter Lokalpolitiker und Sponsorenvertreter, nicht herzustellen. Dabei geht es Pichler um den Kampf für eine unberechenbare Kunst: Sie betont noch einmal die soziale Relevanz jenes Kinos, das es zu verteidigen gilt, und die Notwendigkeit, sich über Budgetdebatten und -nöte nicht zu ästhetischem Konformismus zwingen zu lassen. Allerdings kann der Eröffnungsfilm, Karl Markovics’ „Superwelt“, dieser legitimen Utopie nur bedingt gerecht werden. Die Erzählung von der Supermarktkassiererin, die glaubt, Gottes Stimme in ihrem Kopf zu hören, und verwirrt in die Welt zieht, leidet an dramaturgischen Schwächen, und die Inszenierung an dem Vorsatz, sowohl dem Leben der „kleinen Leute“ als auch den Entertainmentlaunen eines größeren Publikums gerecht zu werden. Man müsse „wegkommen vom falschen Image österreichischer Feel-Bad-Movies“, sagte der Regisseur unlängst in einem profil-Interview. Denn man könne sich in heimischen Filmen „auch bestens unterhalten“ (Hier finden Sie das gesamte Gespräch mit Markovics). Nostalgie spüre sie derzeit übrigens ebenso wenig wie Sentimentalität, meint Pichler später, im Trubel der Eröffnungsfeier, und ein bisschen hört sich das an, als wunderte sie sich darüber selbst.

Mittwoch, 18.3.

18 Uhr, UCI Annenhof, Saal 6. Ein namenloser Film steht an. Er arbeite an der „Abschaffung des Regisseurs“, sagt Ludwig Wüst, der Mann, der „(Ohne Titel)“ erdacht hat, kühl. Die Kamera drückte er seiner Hauptdarstellerin (Gina Mattiello) in die Hand und ließ sie die fiktive Reise, von der dieser Film berichtet, ohne ihn aufzeichnen – freilich exakt nach seinen visuellen Vorgaben. Wüst gehört zu den radikalsten Vertretern des neuen österreichischen Kinos. Lineares Erzählen verweigert er konsequent zugunsten von Unschärfen, Spiegelungen, bloßen Andeutungen des späten Vergeltungsschlags einer vor Jahrzehnten vergewaltigten Frau. Die spröde, zwischen Wahrnehmungsexperiment und klassischem Autorenfilm changierende Form, die Wüst wählt, ist der seelischen Krise der Heldin angemessen. „(Ohne Titel)“ lotet filmische Basisprobleme aus: die Zusammenhänge von Schrift und Stimme, Körper und Psyche, Licht und Raum.

Donnerstag, 19.3.

13.30 Uhr, KIZ Royal. Die wild wuchernde Fantasie der heimischen Avantgarde wird in der Schiene „Innovatives Kino“ manifest. In Programm zwei werden alte Noir- und Kunstfilmszenen im 3D-Verfahren neu ineinander geschraubt (in Virgil Widrichs „Back Track“), Festplatten an den Rand des Absturzes gebracht (Rainer Kohlbergers „moon blink“) und abseitige Musical-Kitschmotive überhöht (Stephanie Winters „Tristes déserts“). Man traut seinen Augen nicht: Das ist die Grundbedingung eines Kinos, das sich als „innovativ“ versteht.

20.30 Uhr, Schubertkino. Der größere der beiden Säle ist bis auf den letzten Platz besetzt, mit Spannung erwartet man das Filmporträt einer heiklen Institution: „Wie die Anderen“ dringt ins Innere der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Tulln vor. Regisseur Constantin Wulff zeigt in zurückhaltender Form Fallstudien und Mikrodramen, die beängstigenden, faszinierenden und schmerzlichen Geschichten, die sich hier tagtäglich ereignen. Gelassen protokolliert er, mithilfe der agilen, nie nervösen Kameraarbeit Johannes Hammels, die Abläufe im Haus, die Therapie- und Supervisionsgespräche, weist nebenbei auch auf den schmalen Grat zwischen Verhaltensauffälligkeit und psychischer Erkrankung hin. Es spricht für die offene Atmosphäre, in der dieser Film entstand, dass es darin sogar eine Szene gibt, die von der Erschöpfung der Belegschaft, von Fachärztemangel und drohenden Leistungseinbußen zeugt – im Rahmen einer heftig geführten internen Konfrontation, in der Paulus Hochgatterer, Leiter der Ambulanz, den mühsam unterdrückten Zorn seines überforderten Ärzteteams zu kontern hat.

Freitag, 20.3.

21 Uhr, Rechbauer-Kino. Auftritt einer weiteren psychisch Versehrten: Florence Burnier-Bauer erstattet Bericht von der sexuellen Gewalt, mit der sie ihr Leben lang, unter anderem in Otto Muehls Kommune, konfrontiert war. Der Dokumentarist Paul Poet hat „My Talk with Florence“, sein gut zweistündiges Interview, das er bereits vor Jahren führte, gegen alle kulturpolitischen Widerstände und Belehrungen bewusst roh, formlos belassen, um dieser Frau, die mit nachvollziehbarer Wut die Missbrauchsgeschichten ihres Lebens erzählt, eine Arena zu bieten. Und sie nützt sie für einen Rundumschlag, der von Kunst und Selbstzerstörung, Drogen und Prostitution, Verbrechen und Armut handelt. Burnier-Bauers provokantes Lachen passt zu ihrer offenen Weigerung, sich in Selbstmitleid fallen zu lassen.

Samstag, 21.3.

11.30 Uhr, Schubertkino, Saal 1. Wüsts Psychodrama bleibt nicht der einzige titellose Film dieses Festivals. In einem Screening für den 2014 verstorbenen Michael Glawogger gewährt die Cutterin Mona Willi Einblicke in ihre Arbeit mit dem vom Regisseur hinterlassenen Material, das er in den ersten viereinhalb von zwölf geplanten Monaten für sein „Untitled“-Projekt gesammelt hat, für einen Weltreisefilm ohne jede thematische oder ästhetische Einengung. Die 15 Minuten Film, die sie für die Diagonale präpariert habe, sagt Willi, seien nur ein erster Versuch, ein Konzept für die erst herzustellende Fragmentfassung von „Untitled“ zu finden. Das Ergebnis sieht dennoch beeindruckend aus: ein forderndes, lyrisches Gewebe aus Kampf- und Fahrtbildern, ein mit musikalischen Interventionen von Wolfgang Mitterer und einer aus dem Off eingesprochenen Erzählung William Vollmanns hochverdichtetes Konstrukt, das vorläufig sein mag, aber demonstriert, wie Glawogger zuletzt gearbeitet hat, wie kompromisslos er seine Poetik des Dokumentarischen entwickelt hat, in der sich Alltag und Exotik, Konzeption und Improvisation in etwas genuin Neues, höchst Persönliches verwandeln.

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