Digitaler Farbrausch in Cannes: „The Assassin“ von Hou Hsiao-hsien

The Assassin

The Assassin

Der unglaublichste Film der diesjährigen Auswahl bei den Filmfestspielen von Cannes kam aus Asien.

Glanz und Elend liegen in Cannes traditionell nah beieinander. Mit ein paar unerklärlichen Programmentscheidungen (und fadenscheinigen Arbeiten wie Matteo Garrones Fantasyfilm „Tale of Tales“ oder Gus Van Sants Sterbemelodram „The Sea of Trees“) hatte man das Vertrauen in den Wettbewerb der 68. Filmfestspiele bereits in der ersten Hälfte einigermaßen destabilisiert.

"The Assassin" von Hou Hsiao-Hsien

In seiner Endphase hat die ehrwürdige „Offizielle Auswahl“ nun aber noch einmal beträchtlich an Niveau gewonnen. Der Franzose Guillaume Nicloux, dessen bauernschlaue Houellebecq-Kidnapping-Farce unlängst im Kino überraschte, setzt mit „Valley of Love“ sein konzeptuelles Spiel mit kultureller Prominenz fort: Er lässt Isabelle Huppert und Gérard Depardieu als reales Starschauspieler-Duo, aber als fiktives, einander fremd gewordenes Elternpaar in der Hitze der nordamerikanischen Wüste, im Death Valley zusammenkommen, wo die beiden eine Art Therapietrip auf den Spuren ihres verstorbenen gemeinsamen Sohnes absolvieren. Ein in seinen Ansprüchen durchaus limitiertes, dennoch ausgesprochen eigenwilliges Werk. Auch der junge Mexikaner Michel Franco behandelt in seinem ersten amerikanischen Film das schmerzhafte Sujet des verfrühten Sterbens: „Chronic“ bietet das karge Drama eines psychisch angeschlagenen Privatpflegers (stille Brillanz: Tim Roth), der schwerkranke Menschen in den Tod begleitet. Von der unnötigen Schlusspointe abgesehen: ein pessimistisches Trauerspiel von erstaunlicher emotionaler Resonanz.

Irrwitzig choreografierte Duelle

Der unglaublichste Film der diesjährigen Auswahl kam dann aber doch aus Asien: Hou Hsio-hsien, 68, lebende Legende des neuen taiwanesischen Kinos („The Puppetmaster“; „Goodbye South, Goodbye“) knüpft mit dem historischen Zeremoniendrama „The Assassin“ direkt bei seinem Meisterwerk „Flowers of Shanghai“ (1998) an – diesmal allerdings mit digitalen Bildern, deren ganz eigene Schönheit im Gegenwartskino ihresgleichen sucht. Hou führt in die späte Tang-Dynastie, ins China des 9. Jahrhunderts, wo er den Feldzug einer von Kind an zur Kriegerin ausgebildeten jungen Frau (von überirdischer Eleganz: Shu Qi) illustriert; die Inszenierung reduziert die kämpferische Artistik, die ja eigentlich das Zentrum des alten Wuxia-Genres darstellt, auf ein Minimum, zeigt jäh vollzogene, irrwitzig choreografierte, aber oft nur ein paar Sekunden kurze Duelle – und konzentriert sich stattdessen auf den höfischen Alltag, auf die leise über ihr Schicksal räsonierenden Menschen, auf die kostbaren Textilien, die ornamentale Ausstattung, die sanft bewegten, da und dort Unschärfe produzierenden Schleier, das leise flackernde Kerzenlicht, in das die Räume getaucht sind. Man meint, nie zuvor einen derart raffinierten Umgang mit elektronischen Spielfilmbildern gesehen zu haben: „The Assassin“ ist ein Trancefilm, dessen stilistische Strenge die Basis seiner ungeheuren Anmut bildet.