Rapper Asap Rocky posiert in grauem Anzug vor grauem Hintergrund
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Don't Be Dumb: A$AP Rocky veröffentlicht sein ewig verschobenes Album

A$AP Rocky veröffentlicht – nach fast acht Jahren – wieder ein Album. Das ist natürlich ein Ereignis. Aber was für eines?

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Für die Titelgeschichte der jüngsten „Hollywood Issue“ der „Vanity Fair“ modelte der 37-jährige New Yorker Rapper, Schauspieler und Gesamtkünstler Rakim Mayers alias A$AP Rocky in Dior und Dries van Noten (und einem Hut aus dem Kostümverleih) als eine Art Piratenparvenü am Strand von Los Angeles. Im begleitenden Interview erklärte er sich, offenbar ohne wirkliche Ironie, zum „Renaissancemenschen“, dem „die großen Künste“ – also im Wesentlichen Musik, Kino, Mode – ein und alles wären.

Selbstbewusstsein kann man nicht kaufen. Stil aber auch nicht.

Beides ist Mayers üppig gegeben. Er entsteht in seinem Fall durch das unermüdliche, produktive Herstellen von Verbindungen. Man muss natürlich aufpassen, dass dabei eher Unerwartetes verknüpft wird; sonst ist das Resultat keine Kunst, sondern Malen nach Zahlen. Diese Gefahr besteht im Gesamtwerk von A$AP Rocky, der Streetstyle und Raf Simons verbindet, aber auch Gucci und Rikers Island, eher nicht. Er hat mit Rod Stewart und Winona Ryder gearbeitet, mit Puma und Bottega Veneta und mit sehr, sehr vielen zeitgenössischen Größen der US-Rap-Szene. Erstaunlich selten kommt ihm dabei der Sinn für banales Brand-Building dazwischen und deshalb ein müdes Ergebnis heraus, aber das wird vom besagten Selbstbewusstsein und der dann doch irgendwo ironischen Zurückgelehntheit des Künstlers sehr effektiv übertüncht, zu dessen größten Stärken es laut dem Musikmagazin „Pitchfork“ gehört, „dass er Verszeilen cooler klingen lassen kann, als sie eigentlich sind“.

In der neuen Single „Punk Rocky“ gibt es so eine Zeile, sie lautet: „I wanna fall in love, don’t want no broken heart, don’t wanna grow apart.“ Das Klischee hat da schon beide Beine in der Tür, wird aber gleich wieder verscheucht: Im für das Verständnis von A$AP Rocky sehr wichtigen Video zu „Punk Rocky“ singt diesen Vers ausgerechnet: das geschwollene Auge des Rappers. Die Verletzung stammt vom Kontakt mit einem – vom White-Trash-Nachbarn bestellten – Polizeibeamten, die beschworene Liebe gilt wohl der von Winona Ryder dargestellten Nachbarin, und diese Mischung wird bis zum drastischen Ende des Videos immer noch explosiver. Dass A$AP Rocky während all dessen eine Haube aus rosaroten Lockenwicklern trägt, macht den Konflikt, der hier in greller Comic-Haftigkeit nacherzählt wird, nicht weniger düster. Das Video wurde zwei Tage vor den tödlichen Schüssen eines ICE-Beamten auf Renee Nicole Good in Minneapolis veröffentlicht.

Rakim Mayers ist in Harlem geboren und groß geworden, und dass seine Schwester Erika B. heißt, deutet schon auf eine gewisse Rap-Affinität seiner Eltern hin (siehe: Eric B. & Rakim). Der junge Rakim fügte sich gern der Familientradition, schloss sich schon als Teenager der HipHop-Crew A$AP Mob an und veröffentlichte 2011 erste Tracks, die ihm gleich einen hoch dotierten Plattenvertrag bescherten und als New Yorker Botschafter des damals noch jungen Cloud Rap etablierten, jenes tempo- und euphoriemäßig stark heruntergedrosselten Rap-Genres, dessen weltweit maßgeblicher Vertreter A$AP Rocky bald wurde, was ihm von Anhängern der reinen Lehre trotz aller Street-Credibility natürlich als Ausverkauf angekreidet wurde.

Die reine Lehre war aber noch nie seine erste Priorität. Schon früh bandelte Mayers mit der Welt der High Fashion an; dies verschaffte ihm im Vorjahr sogar einen Job als Co-Vorsitzender der jährlichen Met-Gala, was in Sachen Stilpapst-Sein doch schon in einer sehr hohen Liga spielt. Ebenfalls im Vorjahr war A$AP Rocky, der privat als Plus-1 von Rihanna durch die Welt geht, auch in Spike Lees neuem Film „Highest 2 Lowest“ und in Mary Bronsteins „If I Had Legs I’d Kick You“ zu sehen; nebenbei betreibt er die Kreativagentur AWGE, die unter anderem für Moncler, Mercedes oder JW Anderson tätig war.

Seinen Haupterwerb hat der 37-Jährige derweil ein bisschen vernachlässigt, seit „Testing“ (2018) ist kein Studioalbum mehr von ihm erschienen, seit 2022 wird der Nachfolger „Don’t Be Dumb“ bereits angekündigt, der nun endlich erscheint – und Verbindungen knüpft: Die Illustrationen am Cover stammen von Tim Burton, als Produzenten sind Dean Blunt, Pharrell Williams und Madlib am Werk, der Filmkomponist Danny Elfman hat einige Songs arrangiert, und in den (wie gesagt sehr wichtigen) Musikvideos zum Album wird der Surrealismus weiter auf jene Spitze getrieben, die vor Monaten schon das herausragende Video zum Track „Taylor Swif“ (sic) erklommen hat: Wo dort Delphine aus den Straßen von Kyiv auftauchten, wird im neuen „Helicopter“ die Welt komplett zum PlayStation-Game.

Stil kann man übrigens doch kaufen: Die rosa Lockenwicklerhaube aus „Punk Rocky“ ist im Webshop von AWGE erhältlich und kostet knapp 88 Euro. Exklusive Versandkosten.

Sebastian Hofer

Sebastian Hofer

schreibt seit 2002 im profil über Gesellschaft und Popkultur. Ist seit 2020 Textchef und seit 2025 stellvertretender Chefredakteur dieses Magazins.