Jelineks Benko-Attacke: Ihr neues Stück „Unter Tieren”
„Wo wächst man hin, wenn man nicht mehr weiterwachsen kann?“ setzt Elfriede Jelinek die rhetorische Kernfrage in den Textberg über die soziale Brutalität des Kapitalismus – und gibt gleich im ersten Satz ihres neuen Stücks „Unter Tieren“ die ideologischen Wegweiser, indem sie die Tauben „picketty, picketty“ gurren lässt, als Referenz auf Frankreichs linken Starökonomen Thomas Piketty. Er forderte in seinem Klassiker „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ eine radikale Umverteilung.
Im Zuschauerraum des Burgtheaters knistert es vergangene Woche in Event-Aufgeregtheit, Staatssekretär Sepp Schellhorn ist da und jede Menge Jelinek-Ultras.
Regisseur Nicolas Stemann, der wie einst Claus Peymann und Christoph Schlingensief das volle Vertrauen der Literaturnobelpreisträgerin besitzt, tritt gleich anfangs auf die Bühne und erklärt, dass Jelinek den Regisseur „eigentlich als den zweiten Autor“ betrachte und man mit dem von ihr zur Verfügung gestellten „Rohstoff“ tatsächlich machen dürfe, was man wolle. Er betont den Experimentalcharakter der Veranstaltung, die als eine Art Vorglühen für die eigentliche Premiere im Sommer bei den Salzburger Festspielen (im Herbst wird die Produktion dann ans Burgtheater transferiert) verstanden werden könne: