Ein Ausgebrannter: Matt Damon als Odysseus in Nolans "Odyssey"
Fantasy als Gegengift: Christopher Nolans lyrisches Kinospektakel „The Odyssey“
Wer in den vergangenen Wochen den offiziellen Trailer und die kursierenden Fotos zu Christopher Nolans Kino-Adaption der „Odyssee“ betrachtet hat (rund 50 Millionen Menschen haben allein den Ankündigungs-Clip inzwischen auf YouTube gesehen), musste befürchten, dass der jüngste Film des gebürtigen Londoners ein ästhetisch eher ödes, farblich gedämpftes, seltsam staatstragendes Historienepos darstellen werde – mit depressiven Kriegern in mythischen Landschaften und knorrigen Segelschiffen auf windgepeitschten Meeren, die Gesichter hinter korinthischen Helmen verborgen, die Körper im Überlebenskampf mürbe geworden.
Aber die Idee hinter dem PR-Understatement ist nachvollziehbar: Man sollte, wenn man mit einem Filmspektakel Eindruck an den Kinokassen schinden möchte, nicht zu viel von seinen entscheidenden Motiven verschenken, seine raffiniert komponierten Erregungsmittel nicht schon vor der Zeit offenlegen. Ihr wollt erleben, in welch albtraumhafte Szenarien der mythische Held Odysseus gerät? Besucht ein Lichtspielhaus in eurer Nähe!
Zudem bietet das hochprofilierte Projekt „The Odyssey“ so etwas wie eine doppelte Markenversicherung: Christopher Nolan, 56, Regisseur von „Inception“ (2010), „Dunkirk“ (2017) und der „Dark Knight“-Trilogie (2005–2012), gehört zu den großen Stilisten eines Gegenwartskinos, in dem künstlerische Potenz kein Ausschlussgrund für kommerzielle Schlagkraft ist; und Homers fast drei Jahrtausende altes Heldenepos gilt ohnehin als die Genesis des westlichen Storytelling, als eine Art Urknall des seriellen Fantasierens.
Die zehnjährige Reise des todesverachtenden Königs von Ithaka, auf den die von zahllosen verschlagenen Verehrern belagerte Penelope (gespielt von Anne Hathaway) daheim treu wartet, bereitet Nolan – der Vorlage soweit folgend – als Stationendrama auf, dessen Chronologie er jedoch absichtsvoll zerschlägt. Matt Damon als Held des Trojanischen Kriegs, der unterwegs wie durch ein Wunder allem Terror lebendig entgeht, legt seine Rolle vergrübelt an – ein Ausgebrannter, den nur die Utopie der Rückkehr noch am Leben hält –, während Odysseus‘ Sohn Telemachos (Tom Holland) sich auf die Suche nach dem verloren geglaubten Vater macht.
The Odyssey
Die Irrfahrt des Odysseus und seiner stetig dezimierten Getreuen führt durch Schmutz, Panik und Hunger direkt in die Gefilde des Magischen und Übernatürlichen: zu den mörderischen Sirenen, den Hexen, Riesen, Meeresmonstern, Untoten und Zyklopen.
Der globale Filmstart der „Odyssey“ ist mit ungewöhnlichen Erwartungen verbunden; man konnte schon im Vorfeld bemerken, wie viel Hollywood-Druck auf Nolans prospektivem Sommerkino-Welthit, seinem ersten seit „Oppenheimer“ vor drei Jahren liegt: Das Produktions- und Verleihunternehmen Universal Pictures hat all jenen, die den Film vorab zu sehen bekamen, eine strikte Berichterstattungssperrfrist auferlegt – um zu gewährleisten, dass alle Kritiken gleichzeitig mit der Veröffentlichung des Werks erscheinen (und potentielle Verrisse die Einspielergebnisse des so entscheidenden ersten Wochenendes möglichst wenig schmälern).
Zucker für den Affen – und die Dichtkunst
Tatsächlich kann man Nolans Inszenierung das Bemühen ansehen, den schmalen Grat zwischen Popcorn-Fantasy und Hochkultur zu beschreiten, in anderen Worten: dem Affen Zucker zu geben, ohne dabei Homers lyrisches Niveau zu verraten. Es dauert, ehe der Film Fahrt aufnehmen kann, Prolog und Exposition sind lang geraten, ihre Dialoge weitschweifig. Aber das ist der Preis des Vergnügens: Nur die Geduldigen, die sich dazu verpflichten, das vielköpfige Personal der Handlung und ihre Beziehungen zueinander kennenzulernen, erreichen unbeschadet die leichtfertigeren Passagen dieses Films.
Nolan praktiziert den Kurzschluss von griechischer Antike und Kino-Postmoderne. An seinem Gelingen hat auch der fragile Soundtrack des schwedischen Komponisten Ludwig Göransson Anteil. Der Regisseur und Autor Christopher Nolan dreht aus Prinzip mit analogem Filmmaterial, in realen Kulissen, meidet digitale Effekte weitgehend. Mit dem niederländischen Kameramann Hoyte van Hoytema arbeitet er bereits seit „Interstellar“ (2014), „The Odyssey“ markiert ihre fünfte Zusammenarbeit, diesmal im fotografisch hochauflösenden IMAX-Format.
Regisseur und Autor Christopher Nolan mit seinem Team bei den Dreharbeiten an "The Odyssey"
Seit seinen frühen Tagen setzt sich das Kino mit Homers „Odyssee“ auseinander, in Italien kondensierte man das Epos bereits 1911 zu einem 44-minütigen Schnelldurchlauf; 1954 trat Kirk Douglas als draufgängerischer Ulysses in Szene, und der Russe Andrei Kontschalowski setzte 1997 Armand Assante ins Zentrum eines TV-Zweiteilers namens „Die Abenteuer des Odysseus“. Nolans Update kommt nun zur rechten Zeit: Eine Kino-„Odyssee“, die nicht nur den erstaunlichen Stand der Möglichkeiten des analogen Bewegtbilds demonstriert, sondern auch das menschenvernichtende Delirium des Krieges in irrlichternden Fantasy-Sequenzen abzubilden vermag, kann die in Trümmern liegende Welt jenseits der Kinos gut brauchen.