Venedig: Goldener Löwe für philippinische Tolstoi-Hommage

Regisseur Lav Diaz mit dem Goldenen Löwen

Regisseur Lav Diaz mit dem Goldenen Löwen

Die 73. Filmfestspiele in Venedig endeten überraschend.

Der philippinische Filmemacher Lav Diaz gehört zu den eigensinnigsten Geistern des internationalen Autorenfilms. Seine Werke sprengen gern alle zeitlichen und formalen Rahmenvereinbarungen des traditionellen Kunstkinos; sie sind nicht selten sechs oder neun Stunden lang, meist in kargem Schwarz-Weiß gedreht und von gemessener Langsamkeit. Diaz’ jüngster Film, „The Woman Who Left“, ist allerdings eine vergleichsweise kurze Erzählung: Die nur 225 Minuten kurze Geschichte einer Vergangenheitsbewältigung wurde gestern Abend mit dem Goldenen Löwen der 73. Filmfestspiele am Lido ausgezeichnet.

Diaz erzählt in „The Woman Who Left“ von einer Frau, die 30 Jahre lang wegen eines Mordes, den sie nicht begangen hatte, im Gefängnis saß. Sie probiert, als die wahre Mörderin ihre Schuld gesteht, den Wiedereinstieg in ihr Leben, die Kontaktaufnahme mit ihren beiden Kindern, die Korrektur eines schief gegangenen Lebens. Die ehemalige Lehrerin verschenkt ihr Haus und macht sich auf eine Reise, deren Ziel nicht feststeht: Will sie karitativ tätig sein? Versucht sie einen Neustart? Will sie bloß Rache üben an dem Mann, der sie einst belastete? Lav Diaz’ Inszenierung, gesetzt in silbrige, oft stilisiert-alltägliche Videobilder ohne Musik und Nahaufnahmen, ist eine sehr freie Adaption der Kurzgeschichte „Gott sieht die Wahrheit, sagt sie aber nicht sogleich“ von Leo Tolstoi, sie thematisiert Existenzielles – bedrohte Familien, politisches Chaos, die Idee der Vergebung, den Wunsch nach Sühne. Ein philippinischer Film Noir, ein radikaler Preisträger.

Zweifelhafte Entscheidungen

So nachvollziehbar die Feier eines großen Unorthodoxen wie Lav Diaz erschien, so zweifelhaft muteten andere Entscheidungen an: Die von dem britischen Bond-Regisseur Sam Mendes („Skyfall“, „American Beauty“) geleitete Jury vergab ihren Großen Preis an den allzu polierten Thriller „Nocturnal Animals“, den zweiten Film des US-Modedesigners Tom Ford, der da von David Lynch und David Fincher träumt, bei allem Konzeptualismus und aller „Abgründigkeit“ aber nichts genuin Eigenes zuwege gebracht hat. Den Spezialpreis der Jury fasste die iranisch-amerikanische Regisseurin Ana Lily Amirpour für ihre leider ebenfalls epigonal konstruierte Kannibalismus-Groteske „The Bad Batch“ aus, die zwischen Tarantino, Italo-Western und Terry Gilliams barocken Dystopien schillerte. Das beste Drehbuch erkannte man in Pablo Larrains Witwenporträt „Jackie“ (Autor: Noah Oppenheim), und als beste Regisseure wurden mysteriöserweise zwei Filmemacher ausgezeichnet, deren Arbeiten zu den inszenatorisch schwächsten dieses Festivals gehörten: der Mexikaner Amat Escalante für seine prätentiöse surrealistische Parabel „La Region Salvaje (The Untamed)“ und der Russe Andrej Kontschalowski für das altbackene Holocaust-Theater „Paradise".

Den Darstellerpreisen immerhin konnte man folgen: Die junge Amerikanerin Emma Stone wurde für ihre Performance in Damien Chazelles dynamischem Retro-Musical „La La Land“ gewürdigt, der Argentinier Oscar Martinez für seine Leistung als Literaturnobelpreisträger in der Charakterkomödie „The Distinguished Citizen“. Als beste Nachwuchsdarstellerin wurde schließlich noch die hochtalentierte 21-jährige Deutsche Paula Beer ausgezeichnet: Sie spielt in Francois Ozons historischem Melodram „Frantz“ eine junge Frau kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs, die ihren Verlobten in den Schützengräben des großen Schlachtens verloren hat und einem melancholischen Franzosen verfällt, der ihren vormaligen Liebsten offenbar gekannt hat – die Beziehung der jungen Männer zueinander ist von einem Geheimnis überschattet. Im Oktober wird Ozons faszinierende Psychostudie bereits in Österreichs Kinos starten.