Die Fotografin Elfie Semotan blickt ernst in die Kamera, im Hintergrund unscharf ein buntes Kunstwerk
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Ihr Blick wusste alles: Erinnerung an die Fotokünstlerin Elfie Semotan, 1941–2026

Elfie Semotan, Österreichs bedeutendste Fotografin, starb vor wenigen Tagen 84-jährig an einem Herzstillstand. Mode und Kunst gingen in ihrem Werk eine rare Liaison ein.

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Mit ernstem Blick porträtierte sie sich selbst, streng gekleidet, der Blick verengt, kühl gepanzert in Härte und Souveränität – wie die Gegenwartsvariante einer zu allem entschlossenen Rächerin, einer antiken Tragödie entsprungen. Allerdings übte Elfie Semotan keine Vergeltung, hatte keine Verwendung für Kriegspathos und Opfergesten. Sie war vielmehr auf der Jagd nach einer bestimmten Haltung, auf der Suche nach einem Weg, mit dem eigenen Bild umzugehen.

Denn gern stand sie nicht vor der Kamera, obwohl sie lange als Model gearbeitet hatte und bis ins hohe Alter von unleugbarer Schönheit war, aber das Posieren hatte sie stets, wie sie bekannte, Stress und Überwindung gekostet. Semotan war alles andere als eine Selbstdarstellerin, trotz ihres überaus charismatischen Wesens, setzte sich in öffentlichen Räumen niemals „in Szene", sie ruhte in sich, in gewissermaßen naturgegebener Formvollendung, über die sie nicht erst nachdenken, die sie nicht herstellen musste; im persönlichen Gespräch war sie leise, fast ein wenig schüchtern, ohne jegliches Interesse, sich in irgendeinen sinnlosen Mittelpunkt zu spielen. 

Sie lebte und dachte fotografisch

Lieber blickte sie in die Räume und die Gesichter der Menschen, aber vorsichtig, unauffällig. Die Welt anzuschauen, sie in gute Bilder zu verwandeln, das war ihre Leidenschaft, sie lebte, arbeitete und dachte fotografisch. Lange wurde Elfie Semotan als bloße Mode- und Werbefotografin verkannt, dabei ließ sie die Grenzen zwischen Kunst und Auftrag bald leichterhand verschwimmen, stattete ihre fashion shoots mit kreativen Irritationen aus und ihre persönlichen Arbeiten mit rätselhaftem Glanz. Die Intelligenz ihres Blicks verwandelte Werbliches in Welthaltiges und Beiläufiges in Kostbares.

Elfie Semotan, im Hochsommer 1941 geboren in Wels, Absolventin der Modeschule Hetzendorf, zog es früh aus Österreich weg: Als Model ging sie 1961 nach Paris, liierte sich dort mit dem Exilkanadier John Cook, der schrieb, fotografierte und Filme drehen wollte. 1969 war sie mit ihm zurück in Wien, begann zu fotografieren.

Die Künstlerin Elfie Semotan, lächelnd
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Ihre erfolgreiche Kampagne für das Wäscheunternehmen Palmers erregte Ende der 1970er-Jahre (wie später auch ihre Römerquelle-Plakate) die Gemüter, weil sie in ihren Bildern scheinbar sexistische Motive ins Feministische schillern ließ. Es ging Semotan immer darum, die je eigene (nicht die landläufige) Schönheit derer, die sie porträtierte, zu betonen, den Menschen vor ihrer Kamera gerecht zu werden. 

Weltmagazine wie „Vogue“, „Elle“, „Esquire“, „­Harper’s Bazaar“ und der „­New Yorker“ begannen sie zu buchen, ab 1986 arbeitete sie zudem mit dem (und für den) Modeschöpfer Helmut Lang, den sie zu ihren Freunden zählte. Zu Künstlern fühlte sie sich hingezogen: Mit Kurt Kocherscheidt, mit dem sie zwei Kinder hatte, und Martin Kippenberger war sie verheiratet, lebt und arbeitete in Wien, New York und ihrem Refugium im burgenländischen Jennersdorf. 

„Eleganz und Wärme“

Alle schreiben über ihr großartiges Werk, zu Recht natürlich“, sagt die Wiener Künstlerin Elisabeth Förster-Streffleur, die mit Elfie Semotan seit fast sechs Jahrzehnten befreundet war, sie in Paris 1967 kennengelernt hatte. Aber wer schreibt über ihre unvergängliche Schönheit, ihre äußere und innere Eleganz, ihren unfehlbaren Geschmack, ihre Hände, mit denen sie so sehr zupacken konnte? Wer schreibt über ihre Energie, ihre Nachdenklichkeit, ihre Verbundenheit mit den Freunden, die große Wärme hinter ihrer vermeintlichen Kühle?“ 

Am vergangenen Samstag ist Elfie Semotan, sieben Wochen vor ihrem 85. Geburtstag, beim Schwimmen im Freibad Jennersdorf an einem Herzstillstand verstorben. Der Puls ihrer aus Scharfsinn und Verführungskraft gebauten Bilder schlägt weiter.

Stefan Grissemann

Stefan Grissemann

leitet seit 2002 das Kulturressort des profil. Freut sich über befremdliche Kunst, anstrengende Musik und waghalsige Filme.