© RR Filmproduktion

Kultur
10/23/2021

Georg Stefan Troller: Vorstoß ins Intimste

Ein Amerikaner in Paris: Die Historikerin und Dokumentaristin Helene Maimann über den genialen Menschenporträtisten Georg Stefan Troller, der in wenigen Wochen seinen 100. Geburtstag feiern wird. [E-Paper]

Über viele Jahre hatte sich sein Äußeres kaum geändert. Als ich ihn kennenlernte, sah er aus, wie ich mir einen Musketier vorstelle. Das junge, fast faltenlose Gesicht kontrastierte mit seinem weißen Bart, die Oberlippe verbarg ein mächtiger Schnurrbart. Das pechschwarze Haupthaar wurde jeden Morgen mit einem nassen Kamm glattgebügelt, um die dichte Krause, Trollers Kummer seit Kindertagen, zu bändigen.

Inzwischen ist es schütter und weiß, aber eigensinnig wie eh und je. Er zieht einen langen, tiefen Scheitel über das linke Ohr und legt die Haare quer über den Kopf auf die andere Seite, sodass sie sich am Ende kringeln wie kleine Medusententakel.
 

Georg Stefan Troller ist in den letzten Jahren wirklich und wahrhaftig alt geworden, braucht eine Hörhilfe, sieht schlecht, geht schlecht. Lange Zeit hat er das Alter nur widerwillig zur Kenntnis genommen. Als ihm Robert Schindel, Schriftsteller und enger Freund, einen Stock empfahl, lehnte er ab. Wie sieht denn das aus, sagte er. Inzwischen sind Gesicht, Moustache und Bart fast durchscheinend geworden, und er setzt mühsam einen Fuß vor den anderen. Aber sein Geist schwingt sich nach wie vor empor in immer neuen Büchern, sein scharfer Verstand ist hellwach. Ruft man ihn an, fließt das Gespräch dahin ohne Stocken. Seine Wortlust ist ungebrochen, die Stimme ohne Risse, er hat alle Namen und Orte parat, findet jede Telefonnummer.

Dann kehrt er zurück zu seinem alten Hermes-Baby, der geliebten Schreibmaschine. An die 20 Bücher hat er darauf verfasst. Alle Briefe und Manuskripte entstehen darauf, mit handschriftlichen Korrekturen. Er besitzt weder Computer noch Internet-Zugang. Ein Faxgerät ist das einzige Zugeständnis an moderne Kommunikation. Seit Neuestem hat er ein SmartphoSeit Neuestem hat er ein Smartphone.

George, französisch ausgesprochen, ist ein Amerikaner in Paris, „denn ich habe diesen Pass, und ich zahle diese Steuern, obwohl ich seit 1949 in Paris lebe. Es waren die Amerikaner, die mir das Leben gerettet haben, nicht die Franzosen, und schon gar nicht die Österreicher.“ Geboren in Wien, daheim in der deutschen Sprache, sonst nirgendwo. Am 10. Dezember feiert er seinen 100. Geburtstag – die „ersten hundert Jahre“, wie sein neuestes Buch kokett verkündet.

Lesen Sie jetzt weiter:

Die ganze Geschichte finden Sie in der profil-Ausgabe 42/2021 - hier als E-Paper.

Sie haben noch kein Abo? Testen Sie profil 4 Wochen kostenlos.

 

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.