Hans Platzgumer
Hans Platzgumer

© Chris Laine

Kultur
05/04/2020

Hans Platzgumers Lockdown-Logbuch: Sperrzonenleben (VI)

Der Tiroler Schriftsteller, Musiker und Produzent Hans Platzgumer schreibt seit Beginn der Ausgangsbeschränkungen an einem Lockdown-Logbuch. profil veröffentlicht Auszüge

In seinem früheren Leben war Hans Platzgumer, 51, eine internationale Rockgröße (H.P. Zinker, Die Goldenen Zitronen) und ein gefragter Produzent (Tocotronic, André Heller). Inzwischen mischt der Tiroler mit Romanen („Am Rand“, „Drei Sekunden Jetzt“) und Essays munter die Literatur auf. In seinem Roman „Der Elefantenfuß“, der zeitgleich zur Katastrophe von Fukushima in die Buchhandlung gelangte, thematisiert Platzgumer detailliert das Reaktorunglück von Tschernobyl anno 1986. Vor gut anderthalb Monaten übertitelte Platzgumer einer der ersten Abschnitte seines siebenteiligen Corona-Logbuchs mit „Die Chance“. Der vorläufige letzte Beitrag trägt die Überschrift „Ich umarme dich“.

Mai

Nach sieben biblischen Wochen hebt die Regierung die Ausgangsbeschränkungen auf. Ich beende meine Lockdown-Chronologie. Die Dringlichkeit der literarischen Verarbeitung ist nicht mehr gegeben, denn die Umgebung des Protokollanten befindet sich weder in einem akuten Ausnahme-, noch gewohnten Normalzustand. Er lehnt sich auf seinem Stuhl zurück. Die Zeit, als die Welt vor seinem Fenster menschenleer war und still zu stehen schien, verschwindet im Nebel der Erinnerung.

Das Virus, das uns mit roher Gewalt aus dem Alltag riss, ist nur mehr dank einiger Masken präsent, die getragen werden. Bald wird auch das außer Mode kommen. Auch die rot-weiß-roten Masken unserer Soldaten werden sich nicht auf Dauer halten. Laut gesundheitstechnischen Studien sind unsere Masken ohnehin „eher infektionsfördernd“. Die Kiste am Eingang des Supermarkts, in die Kunden greifen, um sich eine oder gleich mehrere Masken herauszufischen, wirkt auf mich eher wie eine Virenschleuder als eine sterile Umgebung. Manchmal sehe ich Passanten, die ihren Mund-Nasen-Schutz nur über den Mund tragen. So bekommen sie besser Luft, ich kann es ihnen nicht verdenken. Einen eigenartigen Anblick geben jene ab, die die Maske nur übers Kinn tragen. Sie atmen unbeschwert und verstehen das Utensil als eine Art Bartschutz. Auch auf dem Kopf getragene Masken, die am ehesten als Mütze oder Kopfschmuck zu bezeichnen wären, sind zu sehen.

Dennoch: Einen guten Monat lang ist die Strategie der Regierung aufgegangen, der Bevölkerung möglichst große Angst vor dem Virus einzujagen. Der Kanzler prophezeite, dass bald jeder von uns einen Corona-Toten in seinem Bekanntenkreis haben werde und der Zusammenbruch unseres Gesundheitssystems drohe. Der Zweck heiligte die Mittel. Das Virus nahm in Österreich nicht ansatzweise bedrohliche Ausmaße an. Deshalb werden von staatlicher Seite aus nun keine Verbote mehr ausgesprochen, höchstens Empfehlungen, in erster Linie wird Relativierung betrieben. Es wird behauptet, dass wir uns ohnehin jederzeit untereinander besuchen hätten können und der Staat niemals in die Privatsphäre der Bürger eingreifen wollte. Haben wir uns das nur eingebildet? Die Regierung habe niemals Panik machen wollen und ebenso wenig überreagiert. Inzwischen aber hat sie ein Problem: Die Leute glauben ihr nicht mehr alles. Zu vieles, was behauptet wurde, entsprach nicht den Tatsachen. Wer schenkt heute noch Virologen Vertrauen? Zu viele fadenscheinige Infektiologen, Epidemiologen, Pandemiologen haben sich in den Vordergrund gedrängt, zu viele Prognosen sich als waghalsig erwiesen, als wissenschaftlich nicht fundiert. Populärwissenschafter lenkten die Aufmerksamkeit auf sich, ernsthaftere Kollegen konnten nur aus dem Abseits anmahnen, was eigentlich die Wissenschaft ausmachen würde: Exaktheit, Neutralität, Messbarkeit, Beweisführung.

Ich erinnere mich, wie zu Beginn von der Notwendigkeit „verlässlicher Informationen“ und Transparenz die Rede war. Dieses Bemühen war in einer Informationsgesellschaft zum Scheitern verurteilt, in der jeder und jede augenblicklich Mitwissen und Mitspracherecht verlangt, das Sujet jedoch keine verlässlichen Daten hergibt. Aus der Not heraus wurde im Handumdrehen ein allgemeines Expertentum erschaffen, Menschen mit oder ohne Ausbildung, Erfahrung, Kenntnis kamen zu Wort, verkündeten Vermutungen als Tatsachen und lösten die Grenze zwischen Wissen und Glauben auf. Es braucht heute keine Rechtspopulisten oder Geheimdienste, um Fake News zu streuen oder Unsagbares zu sagen; wir erledigen es selber und richten damit Schaden an.

Gestern verlautbarte ein deutscher Infektiologe im öffentlich-rechtlichen Radio, es müsse vermieden werden, dass „Menschen unterschiedlicher Herkunft“ aufeinanderträfen. Vielleicht verfolgte dieser Mann – wie so viele – edle gesundheitliche Motive, in erster Linie aber unterfütterte er auf wissenschaftlicher Basis rassistische, xenophobe, die Gesellschaft destabilisierende Tendenzen. Es ist ein Segen, dass seine Stimme als nur eine von unzähligen im Sog unseres anarchischen Informationsflusses unterging. Seine Ratschläge sind in der durch den Lockdown von einem zusätzlichen digitalen Schub erfassten Welt schnell Datenmüll geworden.

Durch unser unübersichtliches Rasen entsteht aber nicht nur virtueller Müll, Beeinflussung und Konfusion, sondern auch eine neue Freiheit. Wenn kaum mehr etwas zählt, zählen auch Fehler kaum. Wenn andere sich schon zu weit hinauswagen und offensichtlich ihre Grenzen überschreiten, so darf ich es auch. Die Hemmschwelle sinkt, die Demokratisierung steigt, es können Dinge geschehen, die sich vorher niemand hätte vorstellen können – im negativen wie positiven Sinn. Ein neuer Mut, eine neue Selbstermächtigung tritt hervor. Das ist gleichwohl beängstigend wie befreiend. Vielleicht entsteht in dieser Berührung des Unmöglichen auch Neugier, Wissensdurst?

Zumindest ist unsere Gesellschaft eine vielstimmigere geworden. Nicht länger ist entschieden, wer recht hat und wer nicht. Je mehr Experten dazu geholt werden, desto mehr Unwissen wird offen gelegt, Pluralismus entsteht.

Hätte die Coronakrise unser Land nur wenige Monate früher getroffen, hätte keine gewählte, sondern eine reine Expertenregierung damit umgehen müssen. Wählerumfragen hätten keine Rolle gespielt. Es wäre interessant gewesen zu sehen, wie von Experten beratene Expertenminister unter Kanzlerin Bierlein das Land durch diese Situation navigiert hätten. Hätte sie gewagt, weniger autoritär aufzutreten und mehr Nichtwissen zuzugeben? Nichtwissen ist keine Schande, solange es nicht als sein Gegenteil verkauft wird.

Während all diesem Aufruhr schleicht sich das Virus, das dafür verantwortlich war, durch die Hintertür hinaus, versteckt sich dort, lauert auf seine nächste Chance und hinterlässt uns ein Trümmerfeld. Noch sind wir machtlos gegen es. Wenigstens aber brachte es nicht nur Zerstörung mit sich. Es öffnete ein mögliches Lernfenster für die Menschheit, riss es weit auf. Unverbesserliche Weltverbesserer wie ich setzten jede Menge Hoffnungen in dieses Momentum. Wir wünschten uns, dass die sich selbst in Überfluss erstickende und aus von sich selbst entfremdeten Individuen bestehende Konsumgesellschaft zur Besinnung kommen könnte. Wir könnten mit all dem destruktiven Unfug aufhören, den wir uns schleichend angewöhnt haben. Vor anderthalb Monaten betitelte ich dieses Logbuch „Die Chance“. Heute endet es.

Das Virus verfolgt nichts als das Ziel seines Überlebens. Wir Menschen, seine Wirte, sind zwar noch nicht imstande, es auszulöschen, wenigstens aber, es mit Sinn zu füllen. Wenn wir das tun, ist nicht alles umsonst. Die Pandemie ist wie unser Dasein ganz allgemein ein sinnfernes Geschehen, ein vergängliches Ereignis. Es nimmt irgendwann Fahrt auf, entwickelt eine Eigendynamik, beeinflusst verschiedene Geschehnisse und vergeht wieder. Fragen werden aufgeworfen und bleiben unbeantwortet. Uns bleibt nichts anderes übrig als der Versuch des Interpretierens. Fangen wir also damit an. Schütteln wir die Irrationalität ab, die so viele von uns ergriffen hat. Entledigen wir uns der Angst, die uns lähmt und am Denken hindert. Angst macht unfrei. In der Coronakrise wird sie gezielt eingesetzt. Erst wenn wir sie überwunden haben, können wir weiterkommen und die Dinge hinterfragen. Und wenn wir schon dabei sind, dann überdenken wir am besten gleich möglichst gleich alles. Wenn nicht jetzt, dann nie.

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