Hape Kerkeling: „Das ist die unverschämteste Frage, die mir je gestellt wurde!“

Hape Kerkeling: „Das ist die unverschämteste Frage, die mir je gestellt wurde!“

Hape Kerkeling ist Bestsellerautor, Sänger, Komiker und Moderator. Ein kommentiertes Gespräch mit dem Entertainer über traurige Clowns, das Ende der 20.15-Uhr-TV-Kultur, sein neues Buch und Kerkelings geplantes Karriereende als Fernseh-Conférencier.

Interview: Wolfgang Paterno

Das Luxushotel „Frankfurter Hof“ in Frankfurts Innenstadt. TV-Entertainer Hape Kerkeling, 49, erscheint in der „Bücher-Lounge“ und lässt sich in den wuchtigen Ohrensessel fallen, in dem er die kommende halbe Stunde gegen das Versinken ankämpfen wird. Kerkeling hat nach seinem Bestseller „Ich bin dann mal weg“ (2006) ein neues Buch verfasst: „Der Junge muss an die frische Luft“ ist die Geschichte von Kerkelings Heranwachsen, die Nacherzählung vieler schöner Kindheitsmomente und des einen traumatischen Augenblicks, als sich Kerkelings Mutter das Leben nahm.

Die PR-Chefin von Kerkelings Verlag schlägt Alarm: Das druckfrische Exemplar von „Der Junge muss an die frische Luft“ müsse sehr beliebt sein, weil es aus der „Bücher-Lounge“ geklaut worden sei. „Ach, Eva“, sagt Kerkeling, „das warst bestimmt du, um mir Freude zu bereiten.“

profil: Herr Kerkeling, sind Sie der lustigste Deutsche?
Hape Kerkeling: Das sollen andere beurteilen. In einer Zeitschrift stolperte ich einmal über eine Meldung, in der sich die Österreicher beschwerten, dass die Deutschen deren Nationalhelden wie Mozart und Christoph Waltz für sich beanspruchten. Wenn das so ist, lautete der Kommentar des Journalisten, fordern wir Kerkeling. Ich musste sehr lachen und war geschmeichelt.

profil: Darf man Sie als „Show-Legende“ bezeichnen?
Kerkeling: Da komme ich mir alt vor. Muss eine „Show-Legende“ nicht viel mehr geleistet haben?

profil: In Ihrer Werksbiografie fehlt der ganz große Film, die legendäre Show.
Kerkeling: Ich musste mich früh daran gewöhnen, auf Ablehnung zu stoßen. Meine Filme und TV-Arbeiten waren kaum je auf Anhieb erfolgreich, immer erst beim zweiten Mal. Mittlerweile sind meine Kinofilme regelrechter Kult. Bei ihrer Premiere war die TV-Kinosatire „Kein Pardon“ besonders in Österreich ein Riesenflop, vielleicht sogar der schlechteste deutsche Film, der je in die österreichischen Kinos gekommen ist.

profil: Kränkt es Sie, wenn man Ihr Schaffen auf Gag-Klassiker wie „Hurz“ und Ihren Auftritt als Königin Beatrix reduziert?
Kerkeling: Überhaupt nicht. Das sind Duftmarken, die ich setzen durfte, für die ich bis heute dankbar bin. Ich könnte nicht sagen, dass ich diese Sketches nicht mehr sehen kann.

profil: Ihr Pilger-Buch „Ich bin dann mal weg“ war wochenlang auf den Bestsellerlisten, Ihr Auftritt als Beatrix schrieb Fernsehgeschichte. Es scheint mitunter, als werde alles, was Sie berühren, zu Gold.
Kerkeling: Dabei handelt es sich nun tatsächlich um eine Legende. Man spricht von den sieben mageren und den sieben fetten Jahren. Ich hatte bedeutend mehr als sieben magere Jahre: Schicht im Schacht, wie es im Ruhrgebiet heißt. Inzwischen sind freilich die fetten Jahre angebrochen, deutlich mehr als sieben übrigens.

profil: Es heißt oft, Clowns seien jenseits der Manege tieftraurige Gestalten. Stimmt das?
Kerkeling: Im Zirkus mochte ich keine Clowns. Ich wartete lieber auf die Raubkatzen und den Löwenbändiger. Clowns sind immer traurig – was auch an der Musik liegt, mit der die Auftritte der Spaßmacher unterlegt werden. Die unsäglich einsam singende Säge signalisiert: Oh, der arme lustige Mann. Ich bin jedenfalls kein Clown.

profil: Ist es für Sie irritierend, in der Öffentlichkeit ständig erkannt zu werden?
Kerkeling: Ich werde ja nicht auf Schritt und Tritt erkannt. Das beschränkt sich auch ganz auf den deutschen Sprachraum. In der Regel habe ich damit kein Problem. Je größer die Stadt, desto geringer die Reaktion. Das Erkennen bedeutet ja auch Feedback, für das ich dankbar bin. Es wäre doch schade, ginge mein Treiben ganz ins Leere. Beim Brötchenholen in der Jogginghose kann ich aber gern darauf verzichten.

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Kerkeling-Shows wie „Total normal“ und „Darüber lacht die Welt“ liefen in der Regel zwei Jahre lang. Die Moderation des TV-Klassikers „Wetten, dass..?“ lehnte Kerkeling gleich zwei Mal ab, 1992 und 2011. Kerkeling, der einstige TV-Anarchist, der sich vor heimlich gefilmtes Bildungspublikum stellte und dieses mit „Hurz“-Schreien regelrecht malträtierte, gibt inzwischen den Grandseigneur des Mediums. Er führte durch große Galas wie die Verleihung der „Goldenen Kamera“ und Shows wie den „Großen Deutsch-Test“.

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profil: Sind Sie ein Volkskomiker?
Kerkeling: Das wäre ich sehr gerne.

profil: Was zeichnet einen solchen aus?
Kerkeling: Er ist mit seinen humoristischen Inhalten nah am Alltag der Menschen. An ihren Gefühlen, ihrem Erleben. Er kann sie mit der Wahrheit zum Lachen bringen. In der Regel lachen Menschen nämlich nur über die Wahrheit. Über diese sogar besonders offen.

profil: Ist es Ihre Aufgabe, Menschen glücklich zu machen?
Kerkeling: „Glücklich“ ist ein großes Wort. Wie wäre es mit: „heiterer“, „fröhlicher“, „gelassener“? Menschen glücklich zu machen, das gelingt mir nicht.

profil: Wie lautet Ihr Rezept gegen künstlerische Selbstzufriedenheit?
Kerkeling: Jede Selbstgefälligkeit findet ihr jähes Ende, wenn ich mir Aufzeichnungen von Sendungen ansehe, an denen ich mitgewirkt habe.
profil: Denken Sie sich dann: „Was für eine Hackfresse?“

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Die „Hackfresse“ ist ein Zitat aus „Der Junge muss an die frische Luft“. Das Buch wurde bisher eher einseitig rezipiert, als Drama eines Achtjährigen, der 1973 seine Mutter durch Suizid verliert. Dabei entrollt Kerkeling als eine Art literarischer Conférencier darin auch die Geschichte einer Berufsfindung: die Geburt der Komik aus der Tragödie. „Der Junge muss an die frische Luft“ beschreibt nicht zuletzt eine historische Episode Westdeutschlands: kleinstbürgerlich-katholische Kindheit im Ruhrgebiet zwischen Wirtschaftswunder und Weltkriegstrauma, der kleine Hans-Peter, aus dem später Hape wird, im Krämerladen der Oma, zwischen vom Leben gebeutelten Menschen, die dort Einkäufe und Tratsch erledigten. Aus diesen Archetypen des Kleinbürgertums modelliert Kerkeling seine Art der Komik.

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Kerkeling: Es kommt vor, dass ich bei Nahaufnahmen denke: „Die Hackfresse lässt wieder mal grüßen!“ Das klingt aber härter, als es in Wirklichkeit ist. Ich gehe mit mir nicht übertrieben hart ins Gericht. Ich bin realistisch im Umgang mit mir selbst und was meine Wirkung auf Mitmenschen betrifft.

profil: Mit 17 Jahren debütierten Sie im Fernsehen. Mögen Sie die Aufzeichnung, in der Sie im roten Pullover vorgeben, zig Sprachen fließend zu sprechen?
Kerkeling: Da blickt mir ein schüchterner Mann entgegen, der seine Sache ganz gut macht. Das ist durchaus rührend. Dieser Junge hat dafür gesorgt, dass ich der bin, der ich geworden bin. Deswegen bin ich ihm dankbar. Der Jugendliche im roten Pullover bin ich aber längst nicht mehr.

profil: Ihr erster TV-Auftritt wirkt erstaunlich professionell.
Kerkeling: Wirklich? Auf mich wirkt das eher wie ein Schluck Wasser in der Kurve! Dennoch hege ich bis heute eine unheimliche Sympathie für mich selbst. Ich kann verstehen, dass die damaligen Zuschauer sagten: Der ist doch nett, so süß. Damals wunderte ich mich. Heute verstehe ich das.

profil: Muss man Ihr neues Buch mögen?
Kerkeling: Nein. So wie ich als Komiker kein Staatsschauspieler bin, gerate ich als Schriftsteller nicht unter Literaturnobelpreisverdacht. In einer der ersten Rezensionen von „Ich bin dann mal weg“ war zu lesen, ich sei ein „Volksdichter“. Das ist keine Beleidigung, sondern ein großes Kompliment.

profil: „Ich bin dann mal weg“ verkaufte sich über fünf Millionen Mal.
Kerkeling: Es war wohl eine Aneinanderreihung von Zufällen, die zu diesem Erfolg führte. Als das Buch in den Handel kam, sagten viele Buchhändler: „Kerkeling – bekannter Name. Jakobsweg – tolles Thema. Aber zusammen? Absolutes Kassengift.“ Der Verlag tröstete mich damals: „Wenn’s nix wird, probieren wir halt ein zweites Buch.“

profil: Als Routinier des Komischen müssen Sie das wissen: Was ist gute Unterhaltung?
Kerkeling: Gute Unterhaltung orientiert sich nah an der Lebensrealität der Zuschauer, nah am Menschen. Gute Unterhaltung ist nachvollziehbar, mit einem durchaus kräftigen Zug ins Abstruse und Absurde. Gute Unterhaltung nimmt sich auch nicht bierernst und stellt sich nicht über die Dinge, sondern positioniert sich selbst mittendrin.

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Kerkelings Humor kennt keine ätzenden Untertöne, keine Bösartigkeit. Bis heute merkt man, dass seine Vorbilder die großen Alleinunterhalter des deutschen Fernsehens waren, Showprofis wie Rudi Carrell und Joachim Fuchsberger. Auch wenn Kerkeling bisweilen als „Anarcho-Clown“ apostrophiert wurde, neigt er zu einer familienfreundlichen, fast schon überkorrekten Vorstellung von Komik. Humor soll zum Lachen anregen, nicht zum Spott. Vielleicht macht genau das Kerkeling zum letzten großen Nachkriegs-Entertainer.

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profil: Von der Politik hielten Sie sich stets fern. Wollten Sie die Welt nicht verändern?
Kerkeling: Ich wollte sie nie verändern, sondern mich immer nur laut über sie beklagen.

profil: Würde Ihr Aktionismus in der heutigen Fernsehlandschaft überhaupt noch auffallen?
Kerkeling: Keine Ahnung, ob das heute noch funktionieren würde. Fernsehen hat längst nicht mehr die Bedeutung, die es noch vor zehn Jahren hatte. Innovatives in Sachen Entertainment findet im Internet statt, weniger im TV, und dann nur in Spartenkanälen.

profil: Ist die Zeit der großen Samstagabend-Show vorbei?
Kerkeling: Vermutlich, ja. Obwohl: Mit jeder guten Idee kann man Menschen wieder um dieses elektronische Lagerfeuer sammeln.

profil: Wie lange wird sich der kollektive 20.15-Uhr-Fernsehbeginn noch halten können?
Kerkeling: Die Gesellschaft ist im Umbruch. Setzt sich der Fernsehzuschauer am Samstagabend vor „Wetten, dass..?“, weiß er über den Moderator, die Wetten, die Hintergründe und die Machart der Sendung viel besser Bescheid als das Publikum vor einem Jahrzehnt. Der Zuschauer ist nicht mehr allein Konsument, der sich verzaubern lassen will. Man ist heute Fachmann, nicht mehr Zuschauer.

profil: Die Unterhaltungsbedürfnisse haben sich drastisch verändert.
Kerkeling: Menschen wollen nicht mehr so lange ununterbrochen vor dem Fernseher sitzen. Sie sind dankbar für die ständigen Werbepausen. Das US-Fernsehen besteht nur noch aus Häppchen-Journalismus und Häppchen-Spielfilmen, aus leicht Verdaulichem von einer Minute dreißig. Viele Menschen wollen und können sich mehr gar nicht mehr merken. Das ist verrückt, aber es ist so.

profil: Ist es schwieriger geworden, Menschen zu unterhalten?
Kerkeling: Nicht unbedingt. Was Bestand haben wird: ein Mann und ein Klavier vor Publikum. Das wird immer funktionieren, weil es die Basis jedes Showgedankens ist. Die Schattierungen davon, sei es nun Fernsehen oder Kino, sind aktuell in Frage gestellt, die klassische Paul-Kuhn- oder Udo-Jürgens-Grundsituation aber nicht. Das wird es immer geben: ein Mensch auf einer Bühne vor Publikum, ohne Netz und doppelten
Boden.

profil: In vielen TV-Shows regiert der Biedersinn. Wo bleibt die gute alte Irritation?
Kerkeling: Noch vor zehn Jahren konnte man Grenzen mutig vernachlässigen. Heute sind alle Geschmackschranken überschritten. Es geht nur noch um das Drüber und Noch-mehr-Drüber. Geordnete, kompakte Biederkeit und spießige Sendungen sind die gegenläufige Tendenz.

profil: Die hohe Zeit der Parodie scheint ebenfalls vorbei. Bedauern Sie das?
Kerkeling: Charakterköpfe, die sich zur Parodie eignen, gibt es kaum mehr, keine Politiker, Schauspieler und Künstler, die Eigenes und Markantes hätten. Wer wäre es denn noch wert, dass man ihn parodierte? Der unverwechselbare Hans Moser ist längst tot.

profil: Können Sie noch hansmosern?
Kerkeling: Ja, aber nicht auf Kommando und automatisch gegen Geld. Bei Moser muss ich mich schon einen Moment reinfühlen. Ich muss mich sammeln: Wo ist der Moser in mir? Wo ist die Stimmlage? Der Blick?

profil: Schlämmern können Sie, ohne vorher nachzudenken?

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Zackbumm. Kerkeling senkt seine Stimme auf Brummbass und ist Horst Schlämmer, seit 2005 die wohl bekannteste Figur des Unterhaltungskünstlers. Schlämmer ist stellvertretender Chefredakteur des „Grevenbroicher Tagblatts“, stilecht mit Trenchcoat, Überbiss und Alkoholproblem.

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profil: Sie entziehen sich seit Längerem dem Fernsehen. Planen Sie den Umstieg zum Zitronenbauer in Ihrer Wahlheimat Italien?
Kerkeling: Zitronen sind nicht mein Ding, eher Oliven. Ich war 30 Jahre lang Entertainer, mit mehr Höhen als Tiefen. Ich mag mein Schicksal nicht weiter herausfordern.

profil: Hat Sie das Alter milde gemacht?
Kerkeling: Das ist die unverschämteste Frage, die mir je gestellt wurde! Ich sehe aus wie 25! Sie sprechen mit mir wie mit Altbundeskanzler Kreisky!

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Kerkeling wendet sich im Halbernst an die ebenfalls anwesende Managerin. „Elke“, sagt er: „Punkt! Der Mann ist raus.“ Das Leben, antwortet Elke, habe ihn, Kerkeling, milder gemacht. Kerkeling sagt: „Ja, natürlich.“ Dann redet er weiter.

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Kerkeling: Ob das Alter mich mild stimmt? Ja, irgendwie schon. Wie blöd, darauf Ja zu sagen. Das ist so unklug, aber es ist so.

profil: Themenwechsel: Haben die Deutschen Humor?
Kerkeling: Durchaus. Das lässt sich schön an der Spanischen Treppe in Rom beobachten. Italiener sind absolut tabulos, die ganze Stadt bekommt es mit, wenn Familienfotos gemacht werden. Franzosen drapieren sich elegant, Engländer stehen ordentlich. Die Deutschen sagen: „Helga, geh du da hin! Einen Schritt noch nach links! Noch ein Stückchen! Jetzt lass doch mal die Frau durch!“ Deutsche versuchen entspannt zu sein, indem sie ihr Entspannt-Sein ordnen.

profil: In „Der Junge muss an die frische Luft“ ist zu lesen, Sie hätten von Natur aus eine komische Wirkung. Wie darf man das verstehen?
Kerkeling: Mir entgleiten gern die Gesichtszüge. Das ist bei Frau Merkel übrigens auch zu beobachten. Meine Emotionen sind im Gesicht ablesbar – und lassen sich kaum verstecken. In der Regel machen Menschen das nicht, weil sie eine Maske tragen. Das versuche ich auch, nur es gelingt mir nicht immer. Das Resultat ist oft Komik.

profil: Als anteillos verhandelnder Geschäftsmann sehen Sie sich nicht?
Kerkeling: Nein. Mein Visavis würde sofort sagen: „Den haben wir im Sack.“

profil: Sie schreiben vom „künstlerischen Freitod“. Muss man sich Sorgen machen?
Kerkeling: Wie gesagt: „künstlerisch“. Ich beende meine Karriere vor der Kamera aus freien Stücken. Ich werde keine großen Shows mehr machen.

profil: Wie blicken Sie auf Ihre Laufbahn zurück?
Kerkeling: Mit Staunen. Und dem Gedanken: Was habe ich bloß für ein Sammelsurium abgeliefert – das mir aber vollkommen entspricht.

profil: In Ihrem Kindheitsbuch zitieren Sie auch die hinduistische Weisheit, wonach die Welt ein „vorübereilendes Schauspiel“ sei. Wird man auf Ihrer Beerdigung lachen dürfen?
Kerkeling: Ja. Ich werde auch nicht böse sein.

Hape Kerkeling: Der Junge muss an die frische Luft. Meine Kindheit und ich. Piper, 320 S., EUR 20,60

Mitarbeit: Sebastian Hofer