Der neue Austropop läuft Gefahr, in alte Klischees zurückzukippen

Lokale Lotsen: Der Nino aus Wien und Ernst Molden (v. li.)

Lokale Lotsen: Der Nino aus Wien und Ernst Molden (v. li.)

Der international gefeierte neue Austropop zelebriert den nationalen Schulterschluss – und läuft dabei Gefahr, in alte Klischees zurückzukippen. Robert Rotifer misstraut der Idylle.

Dieser Text entstand zwar ein paar Tage vor der Verleihung der Amadeus Awards 2015 am Sonntag, der großen Betriebsfeier des österreichischen Musikgeschäfts, aber es ist anzunehmen, dass die mehrfach nominierten Bands Wanda und Bilderbuch dort die eine oder andere Trophäe in Händen gehalten haben werden. Neben einem schlüssigen ästhetischen Konzept verbindet beide die Bereitschaft, über die bescheidenen Weihen ihrer angestammten Indie-Kultur hinaus zu denken. Wanda taumelten vergangenes Jahr, wie ihr Entdecker und Manager Stefan Redelsteiner gern erzählt, bereits als fertige Rockstars aus dem Proberaum ins Sonnenlicht. Die Chuzpe von Bilderbuch illustriert wiederum die schöne Geschichte, derzufolge sie sich 2013 beim Wiener Popfest einfach uneingeladen auf die Bühne des Brut im Künstlerhaus stellten. Im Jahr darauf hatten sie denselben Ort längst ausverkauft, heuer stiegen sie mit ihrem dritten Album „Schick Schock“ bekanntlich auf Nummer eins in die Charts ein.

Kein Zweifel also, dass diese beiden Bands sich ihren beachtlichen kommerziellen Erfolg selbst erschuftet haben. Tatsächlich aber hat sich seit Ende der Nullerjahre vor allem in der Bundeshauptstadt ein lebhaft brodelndes Popgeschehen zusammengebraut, das nur darauf wartete, von bornierten Medien und Veranstaltern endlich für voll genommen zu werden. Der Autor selbst war Mitinitiator des erwähnten Wiener Popfests: Dieses wollte schon 2010 beweisen, dass diese Bands imstande waren, als Headliner ihre eigenen Festivals zu bespielen. Darüber gibt es nun, fünf Jahre später, keine Debatte mehr. Am 17. April werden Wanda ein kokett als „The First Waltz“ angekündigtes, nur von heimischen Bands bestrittenen Programm im Wiener Gasometer anführen. Österreichische Indie-Rockbands waren dort bisher nur als Anheizer gebucht worden. Die Euphorie in der Szene ist entsprechend groß.


Da wird mit Kunst wieder einmal nationale Selbstbestätigung betrieben (Andreas Spechtl - Ja, Panik)

In ihrer medialen Übersetzung hat sich dazu inzwischen aber eine ganz andere Dynamik gesellt: das Ausmotten der Vokabel „Austropop“ als Vehikel eines nationalen „Wir“-Gefühls. Die Pop-Charts des deutschsprachigen Raums werden bereits wie die Ski-WM-Klassements mit (AUT) hinter den Bandnamen gelesen. „Wir“ seien „wieder goschert“, schreibt etwa der „Wiener“. Aus der Entfernung des im englischen Exil arbeitenden Pop-Korrespondenten bringt der via soziale Medien herüberschwappende Pop-Patriotismus die Alarmglocken zum Schrillen. Ein E-Mail-Austausch mit Andreas Spechtl, Sänger und Texter der Band Ja, Panik, die selbst nach Jahren in Berlin noch ungefragt mit zum Österreicher-Boom gerechnet wird, bestätigt diesen Eindruck: „Da wird mit Kunst wieder einmal nationale Selbstbestätigung betrieben“, schreibt Spechtl: „Und niemand von den Protagonisten wehrt sich wirklich dagegen. Weil’s ja auch eine gut funktionierende Marke ist.“

Allerdings: Das Ösi-Ding gibt derzeit vor allem in den deutschen Medien eine gute Story her. Ihr Widerhall in der Heimat bedient so manchen Minderwertigkeitskomplex. „Córdoba 1978 oder Falco, das sind Sachen, die einem irrsinnig auf die Nerven gehen, wenn man aus unserer Generation kommt“, meinte der popkulturell gewandte Bilderbuch-Sänger Maurice Ernst unlängst im „Spiegel“-Interview, „und dieser Klischees haben wir uns jetzt bewusst angenommen, wir haben die alten Helden verwurschtelt“. Die Gefahr dabei ist freilich, dass jene „Verwurschtelung“ dort, wo sie bei den Massen ankommt, gleich wieder ins Klischee zurückkippt.
Anders als der alte Austropop zeichnet sich das österreichische Pop-Biotop der Gegenwart, aus dem Wanda und Bilderbuch kommen, durch seine ungeheure stilistische Vielfalt aus – vom multikulturellen HipHop bis zum elektronisch erneuerten Kunstlied.

Wo sind die Frauen?

Ist es wirklich nur Zufall, dass der neue Austropop-Konsens nach Jahren, in denen die teils herausfordernd spröde Musik von Frauen wie Gustav, Clara Luzia oder Soap&Skin die Szene dominierte, nun von zwei rein männlichen Rockbands verkörpert wird? Und lässt sich dieser Konsens, wie die Optimisten hoffen, erweitern? Wird etwa Anna Attar alias Monsterheart ihren Weg in die Ohren der Massen finden, wenn sie den Wanda-Abend im Gasometer eröffnet?

Der Britpop der 1990er-Jahre bietet sich als popgeschichtliche Analogie an: Auch dort erreichten zwei brillante Bands über die Identifikation mit ihrer nationalen Identität unerwartet mehrheitsfähigen Appeal. Eine von ihnen, Blur, fand nach Jahren des Herumprobierens Erfolg mit ihrer spielerischen Aneignung der lokalen Popgeschichte. Die andere Band, Oasis, erwarb sich nationalen Volksheldenstatus, indem sie in ihren mit britischen Pop-Zitaten gespickten Songs den lässigen Gockel raushängen ließ. Viele hofften, diese beiden Bands würden in ihrem Gefolge die halbe Indie-Szene in die Charts mitnehmen. Doch am Ende hatte der Mainstream keinen Appetit auf die Freaks aus dem hinteren Glied, und der Traum vom Britpop verebbte schmählich in der regressiven Reproduktion nationaler Klischees.

Weniger Austro geht kaum

Österreich hat Ähnliches in der dekadenten Phase des Austropop schon einmal erlebt und, wenn man ehrlich ist, auch in der Blüteperiode eines Falco – siehe jenen internationalen Hit, dessen vor Österreich-Klischees triefender Titel der eingangs erwähnten Pop-Preis-Gala ihren Namen gab.

Österreichs Musikszene konnte sich aus diesem Mief erst in den Neunzigern befreien, einerseits mit wortloser Elektronik, andererseits mit Attwengers offensiv anti-spießiger Neudeutung des Dialekt-Idioms. Ein Glücksfall immerhin, dass sich nun, im Moment des erneuten Auftauchens des Austropop-Begriffs, der von dessen erster Inkarnation gebrannte 47-jährige Ernst Molden und sein junger Kollege, Der Nino aus Wien, als sattelfeste Lotsen aus der potenziellen Sackgasse anbieten. Ihr derzeit auf Rang drei der Verkaufscharts rangierendes Album „Unser Österreich“ interpretiert die lokale Pop-Geschichte auf für Hurra-Patriotismus ungeeignet brüchige Art.

„Wir wollen den Austropop weder retten noch rehabilitieren“, meinte Molden jüngst in einem Interview mit der Stadtzeitung „Falter“. Aber: „Je lokaler man sich äußert, desto mehr bejaht man die Vielfalt dieser Welt.“ Man versteht, wie er das meint, möchte aber entgegenhalten, dass der Pop seine Vielfalt stets gerade im magischen Überwinden lokaler Identitäten gefunden hat. Wie das geht, kann man nicht zuletzt in jenen ethnisch-unauthentischen Blues-Licks hören, mit denen Ernst Molden selbst das ursprünglich im New Yorker Funk verhaftete „Ganz Wien“ von Falco garniert. Weniger Austro geht kaum.