Das Schauspielduo Özgü Namal und Tansu Biçer mit ernsten Gesichtern hinter Fensterglas
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Gift der Verführung: İlker Çatak und sein vielschichtiger Film „Gelbe Briefe“

Ein Schauplatztausch – Berlin ist Ankara, Hamburg ist Istanbul – hebt diese Erzählung ins Universelle: Der deutsch-türkische Filmemacher İlker Çatak legt mit „Gelbe Briefe“ ein klaustrophobisches Politdrama vor. Von Netflix lässt er sich nicht einkaufen, sagt er im profil-Interview.

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Ein türkisches Künstlerpaar, erfolgreich in der Theaterszene aktiv, sie als charismatische Bühnengröße, er als Dramatiker und Universitätsprofessor, gerät – weil es sich Vertretern der autokratischen Regierung widersetzt – in „Gelbe Briefe“ ins Visier der Behörden und in eine existenzbedrohende Abwärtsspirale: Derya, gespielt von TV- und Filmstar Özgü Namal, und Aziz (der Theatermacher Tansu Biçer) erleben, wie die gelenkte Zerrüttung ihrer Karrieren auch ihre Ehe und Familie zu zerstören droht. „Gelbe Briefe“ hat, eindringlich gespielt und kompetent fotografiert von Kamerafrau Judith Kaufmann, vor wenigen Wochen den Wettbewerb der Filmfestspiele in Berlin gewonnen, den Goldenen Bären, den Hauptpreis des Festivals erhalten.

Der deutsch-türkische Filmemacher İlker Çatak, 42, ist Spezialist für ethische Grauzonen und soziale Dilemmata. Seine Oscar-nominierte Arbeit „Das Lehrerzimmer“ (2023) ergründete klug Vorurteile und Entscheidungsnot, in „Gelbe Briefe“ stellt er nun erneut komplexe Fragen: Wie eigennützig darf man in Kunst und Wissenschaft agieren, um sich dennoch als oppositionell begreifen zu können? Ist die Arbeit an politischem Theater bereits ein Akt des Widerstands? 

Der zivile Tod

Çatak wurde in Berlin als Sohn türkischer Immigranten geboren, als Teenager lebte er in der Türkei. Zunächst war er unsicher, erzählt er im profil-Gespräch, ob er, der selbst politische Verfolgung nie erlebt hat, der Richtige für diese Geschichte sei. Sein türkischer Koproduzent sagte ihm, er dürfe keine Angst vor der eigenen Courage haben: „Aber wenn du dich unwohl dabei fühlst, einen Film über die Türkei zu machen – warum drehen wir ihn nicht in Deutschland? Wir schicken den Film halt ins Exil. Und das ergab plötzlich Sinn, denn das Konzept des zivilen Todes, den unsere Figuren erfahren, gab es ja auch in Nazideutschland und der DDR. So wurde das auch ein Film über deutsche Geschichte, über ein paar Gefahren, die uns in Deutschland erwarten, wenn wir nicht achtsam sind.“

Der Berliner Regisseur İlker Çatak blickt frontal, verschmitzt lächelnd in die Kamera
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Der Kunstgriff, Ankara durch Berlin und Istanbul durch Hamburg „darstellen“ zu lassen, sorgt für eine universellere Lesart der debattierten Polit- und Moralkrisen. Der Name Erdoğan wird an keiner Stelle erwähnt.Ich wollte, dass der Film zeitlos bleibt“, sagt Çatak. Man würdigt ja einen Menschen auch, indem man seinen Namen ausspricht. Deshalb wollten wir weder Parteien benennen, noch irgendwelche Politiker.“ Tatsächlich ist ein autoritäres Regime, das Druck ausübt auf oppositionelle Kunstschaffende, ja leider keine türkische Spezialität. Man könnte Çataks Erzählung, obwohl sie in der Türkei spielt und auf Türkisch gedreht wurde, auch gegenwärtigen amerikanischen Verhältnissen anmessen. „Allerdings wussten wir, als wir 2021 zu schreiben begannen, auch nicht, wohin die Welt sich entwickeln würde. Trump war noch lange nicht wiedergewählt. Dass das jetzt aktueller denn je ist, kann einen nicht freuen, zeigt aber die Relevanz des Films.“

„Immer beängstigend"

Über das Heimatland seiner Eltern spricht İlker Çatak ungern, er empfindet die absehbare Kritik, die er auf Anfrage natürlich äußert, auch als etwas wohlfeil für einen Künstler, der in Berlin – im Gegensatz zu seinen türkischen Kolleginnen und Kollegen – gut subventionierte Filme dreht. „Ich kann dazu nur sagen: Ich bin sehr besorgt. Es ist immer beängstigend, wenn man sieht, dass Oppositionelle und Menschenrechtler im Gefängnis sitzen, Journalisten eingeschüchtert werden.“ 

„Gelbe Briefe“ lotet das unsichere Terrain zwischen einer vorgeblich intakten Demokratie und einer wachsenden politischen Oppression aus – mit all den Konsequenzen, die diese Gemengelage bedingt. Die Frage, ob man politische Haltung angesichts eines täglich nötigen Pragmatismus des Überlebens erhalten kann oder soll, interessiere ihn viel mehr, als bloß einen Staat moralisch zu verurteilen, sagt Çatak. „Ich bin an deutschen Schulen groß geworden, und natürlich wird dort weiterhin über den Naziterror unterrichtet, und alle versichern sich, dass sie da nie mitgemacht hätten. Aber hätte ich wirklich nicht mitgemacht? Wäre ich in den Widerstand gegangen oder hätte ich geschwiegen? Das ist eine Frage, die mich schon immer beschäftigt hat.“ Geschichte wiederhole sich nicht, sie reime sich. „Das interessiert mich: Wie wir uns dazu als Menschen, als Zivilgesellschaft verhalten. Gehen wir da mit? Arrangieren wir uns? Machen wir es uns gemütlich? Oder bleiben wir im Widerstand? Sind wir einfach still und sitzen es aus? Wenn ich mich vor das weiße Blatt Papier setze, muss ich mir auch die Frage stellen, was mache ich eigentlich? Bringe ich Substanzielles, Eigenes hervor? Oder nehme ich das Angebot von Netflix oder Amazon an? Kooperiere mit Konzernchefs, die industriell denken und Qualitätsmedien kaputtschlagen. Aber ich habe vielleicht auch ökonomische Notwendigkeiten. Ach, dann mache ich das halt schnell? Ist ein gemachtes Nest, da setze ich mich kurz rein?“ 

Verurteilen oder differenziert denken?

Er hoffe sehr, dass der Film nicht als Anklage derer verstanden werde, die unter politischem Druck Kompromisse eingehen. Denn er wolle sich nicht über Menschen erheben. „Es ist halt viel schwieriger, sich dem süßen Gift der Verführung zu entziehen, als sich der Knute zu stellen. Als Geschichtenerzähler muss ich eine gewisse Distanz wahren und sie nachvollziehbar machen. Als Privatperson kann ich das verurteilen, als Erzähler muss ich differenzierter denken.“ 

İlker Çatak ist ein cinephiler Regisseur, kennt die globale Arthouse-Szene sehr genau. Dabei hat er einst Betriebswirtschaftslehre studiert – bis seine Kinoleidenschaft dazwischenkam. „Wenn man aus der Arbeiterklasse kommt, wächst man nicht mit Kunst, nicht mit den Truffauts und Godards dieser Welt auf. Bei mir war‘s eher so: Junge, mach was Anständiges, was Stabiles, dann sicherst du dich ab und kannst dich um dein Hobby kümmern. Als ich das Filmemachen zum Beruf machte, musste ich meinen Eltern erst erklären, was ein Regisseur so macht. Als ich die Uni geschmissen habe, war das erstmal eine Katastrophe, weil sie ihr Leben lang dafür gearbeitet hatten, dass endlich jemand aus der Familie studiert.“ Inzwischen allerdings, lacht İlker Çatak noch, seien seine Eltern allerdings „irre stolz“ auf ihren erfolgreichen Sohn. 

Am Mittwoch, 15.4., um 20 Uhr, kann man "Gelbe Briefe" in Verbindung mit einer politischen Diskussion erleben: „Politik, Macht und Verantwortung – Zwischen Freiheit und Kontrolle“, mit Kübra Atasoy (Vorsitzende und Geschäftsführerin von Asyl in Not), Kenan Güngör (Soziologe, Leiter des Forschungsbüros think.difference), Moderation: Duygu Özkan (Historikerin, Außenpolitik Redakteurin "Die Presse")
Filmcasino, Margaretenstraße 78, 1050 Wien
Stefan Grissemann

Stefan Grissemann

leitet seit 2002 das Kulturressort des profil. Freut sich über befremdliche Kunst, anstrengende Musik und waghalsige Filme.