Johannes Krisch bei einem Auftritt im Schwimmenden Salon 2015.
Zum Tod von Johannes Krisch: Der Charakter-Archäologe
Auf die Frage, welche Art von Schauspielstil er gar nicht vertragen könne, antwortete er, ohne zu überlegen: „die Poltermimen“. Das Gespräch fand 2015, damals im Vorfeld zu Elisabeth Scharangs Unterweger-Verfilmung „Jack “ statt, in der Johannes Krisch Österreichs mythenumwobenen Serienkiller und Prostituiertenmörder Jack Unterweger ein böses Denkmal setzte.
Wie bei all seinen Figuren hobelte der gelernte Tischler aus einfachen Verhältnissen, der als Kind „von der Oma das Burgtheater nur von außen gezeigt bekommen hatte“, behutsam Schicht für Schicht ab, bis er zum Fundament einer Psyche drang – in dem Fall jener eines geltungsgierigen Manipulators und grausamen Narzissten.
Krisch war kein Lautmaler, sondern das absolute Gegenteil eines Poltermimen, ein akribischer und nuancenreicher Charakter-Archäologe, der vorsichtig und in Schichten einen Menschen in all seinen Abgründen und Schwächen offen legte.
Egal, ob in seinen umjubelten Raimund- und Nestroy-Bravourperformances am Burgtheater oder in Götz Spielmanns Oscar-nominiertem Psychothriller „Revanche“, in dem er einem Ganoven-Loser, abgefüllt mit Ambitionen, Leidenschaft und Jämmerlichkeit, sein Gesicht lieh. Er konnte Strizzi genauso gut wie Shakespeare.
Seine Filmrollen, zuletzt tauchte er in Wes Andersons „Der phönizische Meisterstreich“ auf, wählte er nach dem Oskar-Werner-Prinzip aus: „Der hat, wenn man ihn für einen Film kontaktiert und ,Haben Sie Zeit?' gefragt hat, geantwortet: 'Ich weiß nicht, ob ich mir die Zeit nehmen will.' Schließlich ist man als Künstler kein Hund, der auf Befehl über eine Schnur springt.“
Das sei inzwischen verloren gegangen, ergänzte er: „Sich Zeit zu nehmen, sich miteinander künstlerisch auseinanderzusetzen und herauszufinden, ob man miteinander überhaupt arbeiten will.“ Er selbst wollte offenbar nicht mehr unter der neuen Direktion des Martin Kušej – und verließ 2019 nach 30 Jahren am Haus (er war mit 21 zu einem der jüngsten Ensemble-Mitglieder geworden) das Burgtheater, in dem er sich zunehmend verloren gefühlt hatte.
In Herbert Föttingers „Theater in der Josefstadt“ fand er eine neue Heimat; mit der Titelrolle des subversiven Fleischhauer-Widerständlers „Bockerer“ hinterließ er einen darstellerischen Meilenstein. Selbst als den fünffachen Vater (Krisch hat drei Söhne aus erster Ehe und zwei Kinder mit der Schauspielerin Larissa Fuchs) zunehmend die Kräfte verließen – eine Krebsdiagnose und ein schwerer Bühnensturz am Berliner Ensemble hatten ihn schon 2015 „zum Entschleunigen“ verdammt –, sammelte er alle Energie, um seinem Credo eines „Theatertiers“ gerecht zu werden.
„Wenn der Johannes auf die Bühne tritt, gehen die Lichter an“, fand seine langjährige Bühnenkollegin Maria Happel. Auch seine Rockstar-Qualitäten stellte er oftmals unter Beweis. Seine „Jeanny“-Interpretation in Thomas Rabitschs Falco-Tribute-Band war legendär.
Seine großen Mentoren und Idole waren Gert Voss und Karlheinz Hackl. Damals erklärte er, dass es ihn nahezu persönlich kränke, dass in keiner der Garderoben ein Foto an ihre legendären Benutzer erinnere. Über seine Kunst sagte er damals: „Ich lasse mich in keine Schublade zwängen. Und schlage gerne Haken der Unvorhersehbarkeit. Abgesehen davon: Ich bügle meine Hemden selbst. Zwar immer nur vorne, aber selbst. Bei meinen Hemden ist es wie beim Theater: Niemand soll sehen, was hinter den Kulissen vorgeht. “