Literaturjahr 2019: Von Houellebecq bis Lipus, Roth und Streeruwitz

Michel Houellebecq

Michel Houellebecq

Das Literaturjahr 2019 verspricht interessante Debüts und eine Wiederentdeckung.

Wird 2019 das Jahr mit zwei Literaturnobelpreisen? Oder fällt der Preis wie schon 2018 aus? Zu Jahresbeginn scheint beides möglich. Denn ob das nun für die Kür zuständige Komitee aus fünf Mitgliedern der Schwedischen Akademie und fünf externen Beratern den verfahrenen Karren tatsächlich aus dem Dreck ziehen kann, ist fraglich. Dabei wäre die Krise des gedruckten Buches an sich schon Sorge genug.

Immerhin hat die Literaturbranche glücklicherweise nicht nur genügend Preise, sondern auch ausreichend andere Fixpunkte, an denen sie sich alljährlich orientieren kann - allen voran die beiden großen Branchentreffs Leipziger Buchmesse (21. bis 24. März, heuriges Schwerpunktland ist Tschechien) und Frankfurter Buchmesse (16. bis 20. Oktober, Gastland ist heuer Norwegen). Wichtige österreichische Termine sind das Wettlesen um den Bachmann-Preis in Klagenfurt (heuer bereits im Juni, und zwar vom 26. bis zum 30.), die Vergabe des österreichischen Buchpreises Anfang November und die Buch.Wien von 6. bis 10. November.

Houllebecqs Abrechnung

Was die ungebrochene Flut an Neuerscheinungen angeht (allein im deutschsprachigen Raum werden jährlich weit über 70.000 neue Titel veröffentlicht), so beginnt das Literaturjahr buchstäblich mit einem Knalleffekt: Am 7. Jänner erscheint bei DuMont die deutsche Übersetzung des neuen Romans von Michel Houellebecq, nur wenige Tage nach Frankreich, wo "Serotonine" mit einer Auflage von 320.000 Exemplaren an den Start geht. In dem erneut skandalträchtigen Buch, in dem der depressive 46-jährige Protagonist mit der modernen Gesellschaft, der Politik und mit sich selbst abrechnet, sollen die Proteste der "Gelbwesten" bereits antizipiert worden sein, sickerte vorab durch.

Derart Spektakuläres hat die heimische Autorenriege 2019 nicht zu bieten. Doch immerhin sind neue Romane u.a. von Staatspreisträger Florjan Lipus, Gerhard Roth, Marlene Streeruwitz und Vea Kaiser angekündigt. Auch der 30. Todestag von Thomas Bernhard (12. Februar) und der 50. Todestag von Gerhard Fritsch (22. März) sorgen für einige Neuerscheinungen oder Wiederauflagen.

Ende Jänner erscheint der neue Roman des US-Autors mit österreichischen Wurzeln John Wray, der 2017 beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb reüssierte und den Deutschlandfunk-Preis gewann. "Gotteskind" spielt in Pakistan. Die junge Heldin verkleidet sich als Mann, um den Islam studieren zu können. Am 29. Jänner wird das Buch im Wiener Rabenhof vorgestellt. Franzobel lässt in seinem neuen Krimi (Zsolnay) einen "Rechtswalzer" tanzen, Julya Rabinowich hat ein Jugendbuch geschrieben ("Hinter Glas", Hanser). Armin Thurnher erinnert sich in "Fähre nach Manhattan" (Zsolnay) an 1967, sein Jahr in Amerika, Alfred Komarek verführt in "Alfred" (Haymon) zur Entschleunigung und zum Innehalten.

Thomas Bernhard-Bildband

André Heller gibt zu Thomas Bernhards Todestag im Brandstätter Verlag einen von Hertha Hurnaus fotografierten Bildband über das "Hab & Gut" des Dichters in seinem Ohlsdorfer Vierkanter heraus. Gastautoren gehen darin Fragen der Mode und des Stils nach: "Wie hat er gewohnt, womit hat er sich umgeben? Wie war seine Schallplattensammlung? Welche Bücher wählte er für seine Bibliothek aus?" Im Residenz Verlag erscheint eine Ausgabe von Thomas Bernhards autobiografischen Romanen mit Aquarellen von Erwin Wurm. Der Suhrkamp Verlag bringt im Juni eine Bernhard-Anthologie, die dem Bild des Misanthropen die Glücksmomente seines Werkes entgegenhält: "Ich nehme das als weiteren Beweis meiner Glücksexistenz".

Der Februar bringt neben dem Roman "Blauwal der Erinnerung" (Kiepenheuer & Witsch) der regierenden Bachmann-Preisträgerin Tanja Maljartschuk und einem neuen Roman von Reinhard Kaiser-Mühlecker ("Enteignung", S. Fischer) die Debütromane von Marko Dinic ("Die guten Tage", Zsolnay), der in Wien lebenden Burgenländerin Barbara Zeman ("Immerjahn", Lesung am 5. Februar im Literaturhaus Wien), die von ihrem Verlag Hoffmann und Campe als "das neue österreichische Wunderkind" angepriesen wird, sowie der Kärntnerinnen Katharina Pressl ("Andere Sorgen", Residenz) und Angela Lehner ("Vater unser", Hanser Berlin). Von Clemens J. Setz erscheint der Erzählband "Der Trost runder Dinge" (Suhrkamp), von Gerhard Fritsch eine Ausgabe seiner Tagebücher ("Man darf nicht leben, wie man will", Residenz).

Im März erscheint "Schotter" des neuen Staatspreisträgers Florjan Lipus. "Der Schotter, den Florjan Lipus hier beschwört, bedeckt die ansonsten leere Fläche zwischen den Baracken eines Frauenkonzentrationslagers. Es könnte das KZ Ravensbrück sein, wo seine Mutter ermordet wurde, nachdem sie als Partisanen verkleidete Gestapo-Männer bewirtet hatte", heißt es im Verlag Jung und Jung über dieses "Klagelied im Widerspruch gegen das Vergessen und die Vergeblichkeit des Leidens". Einen ganz anderen Ton schlägt Vea Kaiser an, die in ihrem dritten Roman "Rückwärtswalzer oder Die Manen der Familie Prischinger" (Kiepenheuer&Witsch) "voller Verve, Witz und Herzenswärme" von einer Familie aus dem Waldviertel und einer 1.029 Kilometer langen Reise nach Montenegro erzählt. Das Buch wird am 11. März im Wiener Rabenhof vorgestellt, wo zwei Tage davor Ernst Molden in "Das Nischenviech" (Deuticke) über "die wilden Tiere meines Lebens" berichtet.

Viele Highlights

Bereits zweimal war Heinrich Steinfest für den Deutschen Buchpreis nominiert. Anfang März erscheint nach längerer Pause wieder ein neues Abenteuer seines einarmigen Detektivs Cheng: "Der schlaflose Cheng" (Piper). 2016 schaffte es die Vorarlberger Autorin Eva Schmidt nach langer Publikationspause bei ihrem Comeback auf Anhieb auf die Buchpreis-Shortlist. Bei Jung und Jung erscheint nun mit "Die untalentierte Lügnerin" der nächste Roman der 66-Jährigen: "Eine junge Frau wagt den Aufbruch in ein neues Leben. Sie muss sich dazu von allem trennen, was ihr Halt gibt, auch von den Lügen, die ihre Familie zusammenhalten", beschreibt der Verlag den "gleichermaßen feinsinnigen wie aufregenden Roman über den Wunsch nach Nähe und die Sehnsucht nach Grenzüberschreitung". "weg" heißt der bei Rowohlt Berlin erscheinende neue Roman von Doris Knecht, den die Autorin am 13. März im Wiener Atelier Theater vorstellt. Karl-Markus Gauß hat sich im Vorfeld seines 65. Geburtstags (14. Mai) auf eine "Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer" (Zsolnay) begeben.

Anfang April erscheint "Lyophilia" von Ann Cotten. "'Lyophilia' erinnert an Tarkowskijs Special Effects", lässt der Suhrkamp Verlag über Form und Inhalt rätseln. "Wo der mögliche Realismus aufhört, fließt heiß und pochend Emotion heraus." Weniger groß dürfte der Überraschungseffekt bei Erich Hackls gesammelten Reden und Schriften ("Im Leben mehr Glück", Diogenes) und Gerhard Roths neuem Venedig-Roman "Die Hölle ist leer, die Teufel sind alle hier" (S. Fischer) sein, die beide am 24. April erscheinen.

Für Mai ist u.a. "Flammenwand.", der in Stockholm spielende neue Roman von Marlene Streeruwitz angekündigt. "Durch eine verräterische Liebesgeschichte entfaltet sich in Marlene Streeruwitz' furiosem Roman die Krise der Gegenwart", wirbt der S. Fischer Verlag. Kurt Palms "Monster" (Deuticke) sind die lang erwartete Fortsetzung seines Bestsellers "Bad Fucking", in der u.a. ein lesbisches Vampirpärchen und eine Innenministerin auftreten. Die Wiederentdeckung der schillernden Autorin und "roten Gräfin" Hermynia Zur Mühlen (geb. 1883 in Wien, gest. 1951 in England) hat sich eine Werkausgabe zur Aufgabe gemacht, die Ulrich Weinzierl im Zsolnay Verlag herausgibt. Hat man die vier Bände durchgearbeitet, ist auch schon der Sommer nicht mehr weit. Und mit ihm die Vorschauen auf die Herbstprogramme der Verlage ...

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