Literaturnobelpreis: Bob Dylans verdienter Triumph

Bob Dylan

Bob Dylan

Bob Dylan erhält den Literaturnobelpreis 2016. Das ist erstens klug und charmant – und zweitens eine längst fällige Würdigung des künstlerischen Mehrwerts der Popkultur.

Der Geehrte würdigte die außergewöhnlichen Umstände mit keinem Wort. Er spielte ein solides 90-Minuten-Set in Las Vegas, lieferte pflichtschuldig eine Zugabe („Blowin’ in The Wind“) und verließ die Bühne kommentarlos. Wenige Stunden zuvor hatte die Königlich Schwedische Akademie der Wissenschaften in Stockholm bekannt gegeben, dass der Nobelpreis für Literatur 2016 an den US-amerikanischen Singer/Songwriter Bob Dylan, 75, gehe. Eine Sensation: Niemals zuvor war die prestigeträchtigste Auszeichnung ihrer Art einem Vertreter der Populärmusik zugesprochen worden. Doch Dylan schwieg. Vielleicht hatte der schottische Schriftsteller Irvine Welsh („Trainspotting“) mit einem missmutigen Tweet schon alles Wesentliche gesagt. Die Entscheidung des Nobel-Komitees sei fehlgeleitete Nostalgie, „herausgerissen aus den ranzigen Prostatas seniler, sabbernder Hippies“. Grumpy Old Bob hätte kaum respektloser und kratzbürstiger aufgeigen können. Es wäre nach Pulitzer, Grammy und Oscar jedenfalls nicht der erste Preis, den er mit rechtschaffener Gleichgültigkeit quittiert.

Dylan wurde schon seit vielen Jahren zum engeren Kreis der Nobel-Favoriten gezählt, zunächst eher scherzeshalber, im Lauf der Zeit jedoch mit steigendem Nachdruck: Warum sollte der literarische Rang eines Liedermachers jenem eines Romanciers nicht gleichwertig sein können? Und erfährt hochklassige Poesie allein dadurch eine irreparable Entwertung, dass sie mit Gitarrenbegleitung vorgetragen wird? Dylan habe rätselhafte, dunkle und sehr komplexe symbolistische Texte geschrieben, meinte die Literaturkritikerin Sigrid Löffler. Diese stellten aber keine eigenständige Lyrik dar, weil sie nur gesungen funktionierten. Dasselbe Verdikt könnte man auch auf den nach Löfflers Einschätzung sicher über jeden prosaischen Verdacht erhabenen mittelalterlichen Minnesänger Walther von der Vogelweide anwenden. Zugegeben, er bekam den Nobelpreis zwar nicht, aber vor allem deshalb, weil die Schwedische Akademie im 12. Jahrhundert noch nichts zu melden hatte.

Längst fälliger Paradigmenwechsel

Am 13. Oktober 2016 vollzog sie einen längst fälligen Paradigmenwechsel, indem sie zum einen erstmals die literarische Relevanz eines Lebenswerkes würdigte, das sich nicht in Büchern offenbart, sondern auf Tonträgern. Zum anderen ließ sie der Popkultur eine quasi amtliche Wertschätzung zuteil werden. Dass ausgerechnet Irvine Welsh so muffig darauf reagierte, ist wohl weniger einem schlecht unterdrückten Neidreflex geschuldet als der frommen Sehnsucht nach jener Widerspenstigkeit, die Pop auszeichnete, als das Establishment noch zum Feindbild taugte – in den frühen 1960er-Jahren zum Beispiel mit Bob Dylan in der Rolle des politisch bewegten Protestsängers.

Niemandem jedoch war diese Rolle so suspekt und lästig wie ihm selbst, weshalb er zur elektrischen Gitarre griff und in der Folge keine Gelegenheit ausließ, es sich mit seiner fanatischen Anhängerschaft gründlich zu verscherzen und sie paradoxerweise gerade auf diese Weise über Jahrzehnte hinweg bei der Stange zu halten. Die Mitglieder der Stockholmer Akadamie dürften – wie Millionen andere Menschen einer gewissen Altersschicht – mit Dylans Liedgut sozialisiert worden sein. Durch den Literaturnobelpreis beglaubigen sie nebenbei gleichsam die eigene Biografie, was wiederum die Relevanz der kulturellen Gegenwart unterstreicht – auch wenn diese Gegenwart schon ein wenig in die Jahre gekommen ist.

Lyrische Kraft auch ohne musikalischen Kontext

Die bange Frage, ob Bob Dylan jenseits taktischer und symbolischer Erwägungen (höchste Zeit, dass endlich mal ein Rocker zum Zug kommt!) einen würdigen Preisträger abgibt, hat Sigrid Löffler zufriedenstellend, weil vollkommen falsch beantwortet. Denn im Unterschied zu der von ihr vertretenen Lehrmeinung funktionieren Dylans Texte sehr wohl, ohne gesungen zu werden (ganz abgesehen einmal von Dylans durchaus diskutablen sängerischen Qualitäten). Ihre lyrische Kraft wird durch Melodie und Rhythmus zweifellos verstärkt, ist darauf aber nicht zwingend angewiesen. Die Magie von „Subterranean Homesick Blues“ hält auch der profanen Druckversion stand:
„Maggie comes fleet foot / Face full of black soot / Talkin’ that the heat put / Plants in the bed but / The phone’s tapped anyway / Maggie says that many say / They must bust in early May / Orders from the D. A.“

Am selben Tag, als Bob Dylan vom Nobelpreiskomitee gesalbt wurde, starb der italienische Theaterautor, Schauspieler und Satiriker Dario Fo, 1997 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Die Entgeisterung kannte damals keine Grenzen: Was um alles in der Welt hatte ein lombardischer „Clown“ im Olymp verloren? Wie immer lag die Akademie nach Einschätzung der fachzuständigen Eliten daneben, diesmal aber kolossal – und es sollte fast 20 Jahre dauern, bis sie sich endlich wieder traute, den Kunst- und Kultursnobs eine lange Nase zu drehen.

2017 ist dann endlich Erika Fuchs an der Reihe – postum.