Die Lösung liegt in dem Eklat, der die Veröffentlichung von „Corsage“ im Sommer 2022 begleitete: Als bekannt wurde, dass der im Film als Kaiser Franz Joseph besetzte Schauspieler Florian Teichtmeister wegen massenhaften Besitzes von Kindesmissbrauchsmaterial angeklagt werden würde, schlugen die Wellen auch über Kreutzer zusammen, die stets betonte, von den Abgründen ihres Darstellers zum Zeitpunkt der Dreharbeiten – im Frühling und Sommer 2021 – nichts gewusst zu haben. Dennoch holten Teile der Kollegenschaft zum Schlag gegen die Regisseurin aus, verurteilten deren angeblich interessengeleitetes Wegschauen und das scheinbare Desinteresse daran, den Vorwürfen gegen Teichtmeister konsequent nachzugehen.
Die Dreharbeiten an „Corsage“ waren Anfang Juli 2021 zu Ende, als die ersten Gerüchte von Teichtmeisters Pädophilie die Runde machten. Den zunächst noch anonymen Vorwürfen zum Trotz lud die Filmproduktion Teichtmeister zu Filmpremieren und Promotion-Arbeit ein.
Allen habe er „glaubhaft versichert“, er sei unschuldig und lediglich Opfer eines Racheakts seiner Ex-Freundin, hieß es damals von fast allen, die mit Teichtmeister gearbeitet haben. „Es gibt jetzt viele, die damals schon alles gewusst haben“, sagte die Regisseurin im Gespräch mit profil 2022 mit leiser Bitterkeit. „Ich gehöre nicht dazu. Ich beschäftige mich jetzt vor allem mit der Frage, wie wir das in Zukunft besser machen können.“ Österreich habe gute Maßnahmen, Regeln und Verhaltensrichtlinien für den wertschätzenden und diskriminierungsfreien Umgang beim Dreh. Für den schwierigen Umgang mit öffentlichen, aber anonymisierten Missbrauchsvorwürfen zu Mitgliedern eines Filmteams fehlten solche Regeln und Verhaltensrichtlinien noch. „Daran müssen wir in der Filmbranche dringend arbeiten.“
Die Affäre um „Corsage“ hatte Folgen. Zwar wurde der Film in fast 100 Länder verkauft und hat dabei Millionen Menschen weltweit erreicht, aber die eigentlich fällige Oscar-Nominierung für den besten fremdsprachigen Film scheiterte: „Corsage“ galt Hollywoods Academy nach der heftig geführten Debatte um die Verantwortung von Regie und Produktion für einen pädophilen Darsteller wohl als gebrandmarkt, Die Wiener Produktionsfirma versuchte in einer Aussendung noch, den Schaden zu begrenzen. „Tatsache ist, dass in unserem Film ein Schauspieler mitwirkt, der mit seiner privaten Sucht nach Darstellungen von Kindesmissbrauch zum Leid unzähliger Kinder beigetragen hat. Und dieses Thema überstrahlt derzeit alles - auch für uns. Das ist jetzt wichtiger als jeder Filmpreis.“ Und Kreutzer setzte, wütend über die aus ihrer Sicht unfaire Stigmatisierung, Taten: Im Juni 2023 hielt Kreutzer bei der österreichischen Filmpreisgala eine umstrittene Rede, in der sie das Problem als nicht bloß ihres, sondern als grassierendes Branchensymptom geißelte – und drei Kollegen anonym beschuldigte, sexuelle Übergriffe während deren Dreharbeiten begangen zu haben. Die Spekulationen, die sie damit lostrat, sorgten für grell aufflammende Diskussionen über Sinn und Kontraproduktivität insinuierender #MeToo-Schuldzuweisungen.
Der Fall Teichtmeister liegt als Schatten nun über „Gentle Monster“. Zwar erzählt Marie Kreutzer in ihrem neuen Film – den sie bereits, wie sie sagt, 2020 zu entwickeln begonnen habe – keineswegs ihre eigenen Erlebnisse nach, sondern konstruiert einen anders gelagerten, aber doch verwandten Fall von Vertrauensverlust: Die private Idylle einer renommierten Pianistin (Seydoux) wird zerschmettert, als die Polizei überraschend vor ihrem Traumhaus im Grünen steht, um alle Rechner, Handys und Festplatten ihres Mannes (Laurence Rupp) zu beschlagnahmen. Gegen diesen wird wegen Anklage wegen des Downloads zahlloser Kindesmissbrauchsdarstellungen ermittelt.
„Gentle Monster“, erzählt aus der Perspektive der von Léa Seydoux hochdifferenziert agierenden Protagonistin, studiert all die psychischen Ausnahmezustände einer Frau, deren Leben jäh zusammenkracht: ihre Angst, ihren Zorn, ihr Entsetzen, die Panik angesichts der offenen Frage, ob ihr Partner auch das gemeinsame Kind in Mitleidenschaft gezogen habe – und die vage Hoffnung auf eine halbwegs vernünftige Erklärung für die grauenhaften Bilder und Filme auf dessen Datenträgern. Hat er, ohne Neigung zu diesem Material, nur für ein Dokumentarfilmprojekt recherchiert? Lediglich Profit aus dem Weiterverkauf dieser Dateien geschlagen, weil sie beide für ihr neues Leben dringend Geld gebraucht hatten?
Kreutzer geht ihr Grundmotiv, die Konsequenzen patriarchaler Missbrauchstaten, sehr gründlich an: Jedes Detail verweist auf das dem Film zugrundeliegende Thema, sogar die (von Männern verfassten) Songtexte, die im Film zitiert werden: von „Would I Lie to You“ bis „Boys Don’t Cry“. Auch der erzählerische Nebenstrang einer Pädokriminalistin (Jella Haase) berichtet von einem sexuell übergriffigen Mann. So erscheint „Gentle Monster“ als überdeterminiertes, gleichsam hermetisch geschlossenes System, in dem fast alles einer Basisbotschaft dient, ins Thesenhafte zu kippen droht. Die elegante, farblich gedämpfte Fotografie Judith Kaufmanns und die unbedingte Nähe zu der Charakterdarstellerin Léa Seydoux, die Kreutzer sucht, tun dem Film hingegen sehr gut. Die unter dem Vorsitz des südkoreanischen Gewaltsatirikers Park Chan-wook („Oldboy“, „No Other Choice“) arbeitende Jury wird über „Gentle Monster“ zu urteilen haben.