Marie Kreutzer im Imperial Shop Vienna in der Hofburg

Marie Kreutzer: „Ich fühle mich da wahnsinnig lebendig“

Bei den Filmfestspielen in Cannes präsentiert Regisseurin Marie Kreutzer „Corsage“. Ihre Freude darüber ist jedoch gedämpft.

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Wer kennt diese Frau? Wer wollte behaupten, zu wissen, wie sie „wirklich“ war? All die Bücher, die sich um Leben, Werk und Wirkung der Kaiserin Elisabeth von Österreich-Ungarn (1837–1898) ranken, ergeben zusammengenommen kein schlüssiges Bild. In den Sisi-Biografien schillere die Regentin „zwischen großer Warmherzigkeit und Eiseskälte“, sagt die Filmemacherin Marie Kreutzer. „Da ist alles präsent. Insofern kann man es eh nicht ,richtig‘ erzählen.“ Die Freiheit, sich aus den Quellen ihre eigene Sisi-Komposition zu formen, die nicht nur als Echo durch die Steilwände der Geschichte hallt, sondern auch der Gegenwart etwas von Bedeutung mitzuteilen hat, war für die Regisseurin entscheidend. „Ich kämpfe für die Vielschichtigkeit weiblicher Figuren.“

Davon zeugt auch der kurze Video-Teaser zu „Corsage“, der die Kaiserin in vier knappen Einstellungen zeigt: Erst kann sie sich das Lachen während eines noblen Dinners nicht verkneifen, dann schneidet sie sich einsam, mit versunkenem Blick, ins lange Haar, zuletzt springt sie auf und lässt die Tischgesellschaft hinter sich – um eine Zigarette zu rauchen. Sisi wird in „Corsage“ wohl als eine Art Basismodell weiblichen Widerstandsgeists figurieren.

Marie Kreutzer, geboren 1977 in Graz, wird die Weltpremiere ihres jüngsten Films am Freitag dieser Woche im Salle Debussy des neben dem Alten Hafen in Cannes liegenden Kino-Palais vor über tausend Menschen absolvieren – und dabei ein aufwendiges Historiendrama vom Stapel lassen, das die üblichen Budgets des heimi-schen Kinos bei Weitem sprengt: Stolze 7,3 Millionen Euro hat die österreichisch-deutsch-französisch-luxemburgische Koproduktion gekostet, die in der den Wettbewerb flankierenden, jüngeren Namen und Positionen vorbehaltenen Schiene „Un certain regard“ läuft. Die Dreharbeiten fanden im März und Juni 2021, unter komplizierenden Covid-Bedingungen, in Luxemburg, Belgien, Frankreich und Niederösterreich statt, die Innenszenen wurden nicht in der Hofburg, sondern im Habsburger-Schloss Eckartsau in Szene gesetzt.

Einen Film dieser Größenordnung habe sie davor bewusst vermieden, erzählt die Regisseurin im profil-Gespräch an einem hochsommerlich anmutenden Mai-Nachmittag, ein paar Tage vor ihrer Abreise an die Côte d’Azur, sie hatte nie zuvor international koproduziert. „Es war das erste Mal, dass ich ein Team hatte, in dem ich nicht mehr alle Leute kannte.“ Aber das sei eben das Schwierige an diesem Beruf: „Man soll einerseits seiner künstlerischen Vision folgen, andererseits aber trifft man auf so viel Widerspruch, auf Leute aus Förderung und Produktion, die einem ständig erklären wollen, wie es anders oder besser geht. Unsere Vierländer-Koproduktion hat am Ende ziemlich gut funktioniert, aber ich merke, dass ich jetzt zwei Jahre lang dauernd verhandelt und gekämpft habe, und ich spüre, wie ausgepowert ich bin.“ 

Wer einen Film über die mythische Sisi drehen will, braucht nicht nur eine begabte Schauspielerin, sondern auch eine besonders charismatische. Das Erbe von Lil Dagover, Romy Schneider und Ava Gardner anzutreten, die als Sisi-Darstellerinnen einst reüssiert haben, ist nicht ganz einfach. Der luxemburgischen Schauspielerin Vicky Krieps, die in den vergangenen fünf Jahren – seit ihrem Auftritt in Paul Thomas Andersons Liebes- und Textildrama „Der seidene Faden“ (2017) – eine unerwartet schnelle Weltkarriere hingelegt hat, ist dies allerdings zuzutrauen. Mit ihr arbeitete Marie Kreutzer bereits 2015, in „Was hat uns bloß so ruiniert“, einer Komödie, die sich kritisch-liebevoll mit den Lebensstilen und schmerzlichen Reifeprozessen der bourgeoisen Bohème auseinandersetzte. 

„Vicky ist sehr unberechenbar, was ich an ihr liebe, das macht sie so faszinierend“, schwärmt Kreutzer. „Sie ist total erstaunlich, ich weiß selbst nie, was passieren wird, wenn die Kamera läuft. Ich würde sie aber nie zähmen wollen.“ Mit ihr zu drehen, sei „immer intensiv und aufregend“. Und: „Sie ist ein echter Hippie, geht mit allen völlig zwanglos um, ob Superstar oder dritte Maskenbildnerin.“ Nie habe sie sich derart kräfteraubend auf eine Rolle vorbereiten müssen, erklärte Vicky Krieps in profil noch vor den Dreharbeiten im März 2021. Sie stelle in „Corsage“ die Kaiserin um die 40, in einer Lebenskrise dar, habe dafür Fechten, Reiten im Damensitz, Ungarisch und Eisschwimmen gelernt. Ihre Sisi-Faszination habe übrigens schon mit 14 begonnen, sagte die Schauspielerin. „Sie kam mir so fremd vor, dass sie mich nicht losgelassen hat. Ihr Leben ist wie ein Puzzle, man kann es auseinandernehmen und immer neu zusammenstecken. Sie war fortschrittlich, hat sich aber gleichzeitig freiwillig extrem einschnüren lassen, sie ist im Damensattel geritten, obwohl das gar nicht mehr nötig gewesen wäre. Solche Widersprüche interessieren mich.“ 

Eine klassische Filmbiografie habe sie nie im Sinn gehabt, betont Kreutzer noch, denn ein Leben abzubilden, das glücke kaum je im Kino. „Es gibt so viele Sisi-SpezialistInnen, wie es VirologInnen gibt. Ich wollte nicht einfach die Geschichten nacherzählen, die man ohnehin über Sisi zu kennen glaubt, sondern in dem Material etwas finden, das mich thematisch inspiriert.“ Sie habe es reizvoll gefunden, sich der Fakten zu bedienen, „aber nur in dem Ausmaß, wie ich sie für meine Geschichte verwenden konnte. Ich verabschiedete mich von Anfang an von einer vermeintlichen historischen Korrektheit.“ Und sie zitiert ihre Kollegin Jessica Hausner, die in einem Interview, in dem die historische Korrektheit ihres Kleist-Films „Amour fou“ bezweifelt wurde, die Gegenfrage stellte: „Wieso? Waren Sie dabei?“ Dies treffe das Grundproblem des historischen Erzählens, so Kreutzer. 

Vermutlich war sie auch deshalb bislang auf Gegenwartserzählungen konzentriert: Mit dem differenzierten Ensemblefilm „Die Vaterlosen“, der den Spätfolgen des Aufwachsens in einer Kommune nachspürt, debütierte sie 2011 im Kino. Und sie machte als junges Talent, das weder an kabarettistischem Kino noch an Genrefilmen oder elitärer Arthouse-Ware gesteigertes Interesse zeigte, damit auf sich aufmerksam. An der Filmakademie hatte sie zwischen 1998 und 2005 Buch und Dramaturgie studiert, ihr Interesse an psychologischer Figurenzeichnung bildete sie dort aus. Mit den beiden nachfolgenden Filmen – dem Krebsdrama „Gruber geht“ (2015, nach einem Roman von Doris Knecht) und der Bubble-Studie „Was hat uns bloß so ruiniert“ (2016) – erwies sie sich als publikumswirksam, aber künstlerisch ein wenig glücklos.

Das Schizophrenie- und Neoliberalismus-Drama „Der Boden unter den Füßen“ (2019) gelang, trotz eines gewissen Zeitgeist-Überdrucks, besser, vor allem schauspielerisch: Man konnte sehen, wie gut und genau Marie Kreutzer ihre Darstellerinnen (darunter Valerie Pachner und Pia Hierzegger) zu führen versteht. „Ich arbeite am Set sehr offen, ohne Markierungen, das Ensemble muss sich frei bewegen können. Das ist ungewöhnlich – und eine Herausforderung für Kamera und Licht.“ Gelegentlich inszeniert Kreutzer auch fürs Fernsehen, hat eine Stadtkomödie („Die Notlüge“, 2017, um Josef Hader) und einen Landkrimi namens „Vier“ (2022), mit Regina Fritsch und Julia Franz Richter, gedreht. 

Ihre Drehbücher hat sie, mit Ausnahme der von Pia Hierzegger verfassten „Notlüge“, alle selbst und allein geschrieben. Anders könne sie nicht arbeiten. „Das passiert wie in einem Nebel. Am Ende weiß ich oft gar nicht mehr, wie ich zu bestimmten Passagen gekommen bin.“ Der Plot zu „Corsage“ fiel ihr ein, als sie las, dass Sisi sich ab einem gewissen Alter nicht mehr öffentlich gezeigt hat – und wenn, dann nur schwarz verschleiert. „Sie ließ sich doubeln und nicht mehr malen, sie forderte die Künstler auf, aus bestehenden Gemälden einfach ein neues zu basteln. Sie verschwand vor aller Augen.“ Ein Opfer wollte sie aus Sisi partout nicht machen, „keine bemitleidenswerte, leidende, keine arme schöne Frau zeigen, sondern eine, die auch Aggression und Wut hat, unbequem ist. Eine, die sich immer mehr aus dieser Form und diesem Platz bewegt, der ihr zugewiesen wird.“ Die verkitschten Romy-Schneider-Sisi-Filme habe sie übrigens erst während des Schreibens gesichtet. Als Kind in einem alternativen Elternhaus hatte sie diese nie gesehen.

Neben ihrer Regiearbeit ist Marie Kreutzer auch unübersehbar kulturpolitisch aktiv. Sie kämpfte sehr öffentlich um die (inzwischen realisierte) Frauenquote in der Filmförderung, und auch in Aufsichtsräten und Gremien lenkt sie gerne Entscheidungen mit. „Menschen, die Bilder produzieren“, sagt sie, „haben Verantwortung.“ Es geht darum, wie man besetzt, wie man Geschlechterbilder erzählt, „da spüre ich die Verpflichtung, meiner Haltung treu zu sein. Es ist fast tragisch, welche Frauen- und Männerbilder uns im Kino immer noch als völlig selbstverständlich erzählt werden.“

Als die Einladung nach Cannes offiziell wurde, gab Marie Kreutzer dies mit einem erstaunlich melancholischen Posting bekannt. Die Qualität eines Films habe mit dessen Erfolg wenig zu tun: Es gehe um Politik und Geschmack – und „auch hier herrscht das Patriarchat“. Sie lese keine Kritiken und konfrontiere sich nicht mit Komplimenten, sie brauche diese Schutzschicht, die zu errichten sie „Zeit, Kraft und Tränen gekostet hat“, und diese sei „noch nicht undurchlässig“. Ihre Freude sei „deshalb ein wenig gedämpft“, ihre „Zweifel an sich und der Filmwelt atmen immer mit“. 

Es sei eben ein absurder Beruf, erklärt Marie Kreutzer diese Nachricht, „denn man braucht dazu einander stark widersprechende Eigenschaften: Man soll durchlässig bleiben und zugleich alles aushalten können. Das gelingt mir nicht immer. Ich merke, dass es jetzt schon ein sehr langer Kampf auf vielen Ebenen war, insofern spüre ich die Freude über die Einladung nach Cannes gerade nicht so stark. Und das hat auch mit der Weltlage zu tun. Es ist eben gerade sehr schwer, das alles emotional zu vereinbaren.“ Zudem habe sie das Gefühl, man komme in diesem Beruf nie an. „Ich weiß zum Beispiel, dass der nächste Film wieder ein Kampf werden wird. Und in uns steckt die Idee, dass alles immer noch größer und mehr werden muss. Würde ich als Nächstes einen Low-Budget-Film mit kleinem Team in Wien drehen, es würde heißen: Aha, sie hat an ihren Cannes-Erfolg nicht anschließen können.“ 

Der Umstand, dass sie sieben Filme in nur elf Jahren realisieren konnte („Ich scheine eine gute Kämpferin zu sein“), nimmt ihr die grundsätzlichen  Bedenken nicht: „Die Wirkung patriarchaler Strukturen hab ich oft erlebt, vor allem, als ich jünger war. Aber es gibt auch heute noch Situationen, da weiß ich, man würde mit mir anders reden, wenn ich ein Mann wäre. So etwas macht mich jedes Mal wieder wütend, spornt mich an, lässt mich nicht aufgeben.“ Seit mehr als 20 Jahren dreht sie Filme, sie reagiert fast erschrocken, als die Rede darauf kommt. Eine Suchtregisseurin ist sie trotz allem: „Das Inszenieren macht mich glücklich, hält mich in Atem. Wenn ich arbeite, geht es mir plötzlich gut. Es ist, wenn man zusammen am Set arbeitet, wie jugendlich zu sein: Man stellt gemeinsam etwas her, weiß aber nie, welche Katastrophe als Nächstes passieren wird. Ich fühle mich da wahnsinnig lebendig. Ich liebe es.“ 

Stefan   Grissemann

Stefan Grissemann

leitet seit 2002 das Kulturressort des profil. Freut sich über befremdliche Kunst, anstrengende Musik und waghalsige Filme.