© Wolfgang Paterno

Interview
11/23/2020

Marlene Streeruwitz: "Wir werden zu Vieh gemacht"

Die Wiener Schriftstellerin Marlene Streeruwitz hat einen der ersten Romane über den Lockdown geschrieben. Ein Gespräch über Wut und Wissenschaftsfeindlichkeit, kollektive Psychosen und Sebastian Kurz als Österreichs neuen Kaiser.

von Wolfgang Paterno

Für Marlene Streeruwitz, 70, sind Politik und Poesie kein Widerspruch. In ihrem umfangreichen Werk findet eine fortlaufende Untersuchung der unterschiedlichen Weltzugänge statt, die Literatur eröffnen kann. "So ist die Welt geworden" heißt ihr neuer Roman, der von den schleichenden Verheerungen der Covid-19-Krise im Leben der Schriftstellerin Betty Andover in mehr als 30 Episoden erzählt. Streeruwitz, die in coronafreien Zeiten zwischen New York, London und Wien pendelt, verbringt die Zeit der gesetzlichen Ausgangsbeschränkungen in ihrem Wiener Haus.


profil: Frau Streeruwitz, wie meistern Sie den zweiten Lockdown?

Streeruwitz: Im ersten Lockdown fühlten sich alle niedergeschmettert. Wir reagierten gläubig und waren guten Willens. Inzwischen habe ich jeden guten Willen verloren. Ich kenne niemanden, der nicht daran arbeiten muss, seine Wut zu bändigen. Es fühlt sich niemand gut aufgehoben. Ich trage die Virus-Maßnahmen mit, weil viele davon vernünftig sind. Ich halte mich aber nicht daran, weil Herr Kurz dies verlangt. Ich verlange, dass mir Fachleute diese Krise erklären. Die andauernde katholische Auslegung der Wissenschaft durch den Kanzler muss endlich enden.

profil: Kurz predigt?

Streeruwitz: Er tritt als Pfarrerlehrbub auf und erklärt uns die Bibel. Das läuft seit über 2000 Jahren schief, in Österreich hat es verheerende Spuren hinterlassen. Warum soll es ausgerechnet jetzt besser laufen? Die Erde ist noch immer flach, und der Kanzler geriert sich als Oberprediger. Das ist nicht nur entsetzlich katholisch, sondern antiwissenschaftlich und intellektfeindlich, dass es einem den Atem raubt.


profil: Allein der Corona-Taskforce der Bundesregierung sowie dem Beraterstab von Gesundheitsminister Rudolf Anschober gehören rund 30 Expertinnen und Experten an.

Streeruwitz: Die Wissenschaftsfeindlichkeit drückt sich dadurch aus, dass in der medialen Präsentation der Pandemie kaum Fachkräfte zu Wort kommen. Ich werde um die Möglichkeit gebracht, angeleitet von Fachpersonal selbst abwägen zu können. In Österreich wird verachtet, wer sich nicht auf Glaubens-,sondern auf die Geisteskompetenz beruft. Kurz setzt ausnahmslos auf Glaubenskompetenz.

profil: Hält Anschober ebenfalls Erbauungsreden?
Streeruwitz: Anschober gehört dazu. Kurz und Anschober sind nicht kompetent. Mein Covid-Roman "So ist die Welt geworden" wurde an der medizinischen Fakultät der Universität Basel als Beispiel für die Krise behandelt. Im Seminar mussten sich Studierende der Medizin und der Literaturwissenschaft mit dem Buch befassen. Das Resultat waren lebhafte Auseinandersetzungen über die Pandemie - das Gegenteil des politischen Vorbetens, das wir erdulden müssen. "So ist die Welt geworden" liest sich bereits wie ein Archiv des ersten Lockdowns. Die Schrecken waren damals tiefer, die Krise heftiger. Nur weil es jetzt routinierter abläuft, ist es nicht weniger existenziell.

"Ich mag es nicht, von der Politik als dummes kleines Mädchen behandelt zu werden, das von nichts eine Ahnung hat."
profil: Wem in der Regierung sprechen Sie noch Ihr Vertrauen aus?

Streeruwitz: Die gesamte türkise Führungscrew kann mit keinerlei Lebenserfahrung aufwarten, die Grünen bringen nichts in die Koalition ein oder dürfen nichts einbringen. Kurz ist ganz und gar politisch sozialisiert, er kann nichts außer Politik-und weiß von der Welt absolut nichts.

profil: Kurz agiert vermutlich in dem guten Glauben, zum Wohle des Volkes zu handeln. Was werfen Sie ihm konkret vor?

Streeruwitz: Kurz weiß nichts vom Wohl des Volkes. Der Lockdown ist in dieser Form nicht lebbar. Er wird erneut ausschließlich auf dem Rücken der Frauen ausgetragen: Die Wirtschaft wird von Männern weitergemacht, Frauen dürfen sich in Homeoffice und Homeschooling um Familie und Kinder kümmern. Denn die Frauen sind erpressbar. Genau diese Erpressung hätte von der Politik im Sinne demokratischer Gleichheit aber unterbrochen werden müssen! Wir sind in viele Dinge eingeschraubt: Überwachung, Steuersachen, Rechtsnormen. All das ist bereits grenzenlos. Nun werden wir zusätzlich in unserem privatesten Privaten zwangsfixiert, das ist Erstickung pur. Freilich könnte ich sagen: "Ich finde das richtig. Ich mache mit, leiste meinen Beitrag." Das kann ich aber nicht, weil in den Formulierungen des Kanzlers nie ein individualistisches Menschenbild aufscheint. Die Zum-Wohle-des-Volkes-Phrase asphaltiert regelrecht jede Individualität. Sie nähert sich gefährlich der Definition des Patriarchats.

profil: Wer ist dabei der Vater? Wer sind die Kinder?

Streeruwitz: Das Problem ist, dass mit Sebastian Kurz eine Figur an der Macht ist, die ich nicht nachvollziehen kann. Herr Trump lässt sich sogar in all seiner Verkommenheit bewerten. Kurz dagegen ist ein Automat, dessen Regungen und Bewegungen nicht einschätzbar sind. Wir werden von einem Roboter regiert, auf die restriktivste Weise, die möglich ist, weil wir inzwischen nicht einmal mehr unsere Häuser und Wohnungen grundlos verlassen dürfen. Wir sitzen im Kinderzimmer, und Onkel Sebastian schaut zur Tür herein. Er weist uns mit sanfter Stimme zurecht: "Wenn ihr was aus der Keksdose stibitzt, dann gibt's auf die Finger!"Wir Kinder sitzen in der Ecke und überlegen, ob wir uns, um unsere Würde zu bewahren, nicht doch einen Keks holen, uns in Gefahr bringen sollen.


profil: Bereits im April bemerkte der Kanzler über die Corona-Maßnahmen: "Ich weiß, dass es schwerfällt." Machen Sie es sich nicht zu leicht, wenn Sie ihm jede Empathie absprechen?

Streeruwitz: Er weiß es eben nicht. Warum erzählt mir jemand, der nichts weiß, dass er es wisse? Er kann sagen: "Hier kommt jetzt die Fachkraft XY, die uns erklärt, warum es so und so sein muss. Wir haben beschlossen, dass wir diesem oder jenem Ratschlag folgen. Wir gemeinsam machen es! Und nicht ihr müsst es ausbaden." Kurz stellt sich aber ständig vor Kameras und behauptet, alles zu wissen. Ich werde sicher nicht den Verschwörungstheoretikern von QAnon beitreten, aber es wird langsam verständlich, weshalb Leute ausrasten-eine schreckliche Erkenntnis. Kurz ist die personifizierte Verschwörungstheorie. Er vertritt keine offene Auseinandersetzung mit der Situation, in der niemand Genaues weiß. Er ist sein eigener QAnon-Agent.

profil: In der Politik ist die öffentliche Verlautbarung "Ich kenne mich nicht aus" wohl eher selten.

Streeruwitz: Die neuseeländische Premierministerin Jacinda Ardern wurde kürzlich souverän für drei weitere Jahre im Amt bestätigt. Ardern stellte sich vor die Fernsehkameras und sagte: "Ich weiß es auch nicht, aber ich bemühe mich."Es hat ihr offenbar nicht geschadet. Jimmy Carter wurde nach nur einer Amtszeit als US-Präsident abgewählt, weil er eine freundliche, den Menschen zugewandte Politik gemacht hatte. Ardern verzichtet auf dieses "Ich weiß es besser als du" à la Kurz. Frau Merkel in Deutschland ist eine promovierte Naturwissenschafterin. Sie kann Statistiken lesen und mathematisch erklären. Dennoch überlässt sie ihren Expertinnen und Experten den Vortritt. In Wien steht in dieser Plexiglaskabine, die wie ein durchsichtiger Beichtstuhl wirkt, aber immer nur Kurz. Bei uns wird schon ab Dienstagvormittag getrommelt, dass der junge Kaiser Kurz am Samstagnachmittag Neues in Sachen Virus verlautbaren wird.

profil: Der Hof muss sich pünktlich versammeln.

Streeruwitz: Ab dem Wochenende müssen rote Strumpfbänder getragen werden, was bereits zu Wochenbeginn bekannt gegeben wird. In den Tagen dazwischen laufen ohnehin schon alle rotbestrumpft herum. Das Gebaren unserer Regierung ist die pure Verachtung der Menschen in diesem Land. Wir alle sind erwachsene, meist freundliche Leute. Wir haben kein Problem damit, solidarisch zu handeln. Aber so wird uns das solidarische Handeln genommen. Genau da stehen wir jetzt. Ab 6. Dezember dürfen wir dann wieder unser Geld in Umlauf bringen. Wir sind nur mehr die Festhaltematrix des Geldumlaufs. Dieses Weben aber, das unser Leben normalerweise auszeichnet, die Kontakte, die damit verbunden sind: alles weg. Die Zerstörung ist grenzenlos.

profil: Sie sprachen vorhin von Ihrer "Wut". Wie äußert sich diese?

Streeruwitz: Ich lasse mir nichts mehr gefallen. Ich gehe raus, besuche meine Leute. Ich halte mich an die Regeln-und mache gleichzeitig etwas damit. Im ersten Lockdown wurden uns schon einmal Regeln auferlegt-mit denen wir aber nichts anzustellen wussten. Am Ende standen wir blöd da. Ich mag es nicht, von der Politik als dummes kleines Mädchen behandelt zu werden, das von nichts eine Ahnung hat.

profil: In "So ist die Welt geworden" schreiben Sie von den "kollektiven Psychosen" im Gefolge der Pandemie.

Streeruwitz: Wir werden alle krank werden. Jeder von uns wird psychosomatische Folgen davontragen. Das kann sich der Kanzlerkaiser aber nicht vorstellen. Er trifft trotz Lockdown jeden Tag mindestens 30 Menschen. Kurz leidet nicht unter der Isolation, am Ballhausplatz ist jeden Tag großes Befehls-Halligalli. Jede Person hat eine innere Welt. Bei Kurz scheint diese nicht allzu groß zu sein, weil das Super-Ego alles andere erwürgt. Insofern wirkt Alexander Van der Bellen nicht nur in dieser Hinsicht beruhigend.

profil: Durchseuchung, Absonderung, Massentests: Corona infiziert nicht zuletzt die Sprache selbst.

Streeruwitz: Massentests! Wenn ich das schon höre! Wir werden zu Vieh gemacht. Die Vorstellung vom Volk als Herde resultiert aus einem undemokratisch-katholischen Hirtengefühl, das mit heimtückischem Sendungsbewusstsein auf die Herde als formloses Wir schaut. Es gibt nur noch Militärisches, eine Kaskade von Befehlen, sonst nichts. "Das Volk" ist aber ganz woanders. Wir sind alle hochindividualistisch. Wir leiten Yoga-und Fotostudios, pflegen Hobbys und Spezialinteressen. Wir sind alle umtriebig, in gewisser Weise mittelschichtig, gemütlich, demokratisch. Dem wird aber nicht Rechnung getragen, indem man die Vorstellung von der Herde einfach weiter über uns stülpt. Das ist paternalistisch und bevormundend.

profil: So wie der Satz des Kanzlers, wonach "Kulturverliebte" die "Schließung der Kulturstätten" kritisierten?

Streeruwitz: Diese Herablassung, die nichts als pure Lebensverachtung ist! Jemanden "kulturverliebt" zu nennen, nur weil er gern ins Konzert oder Kino geht, ist einfach erbärmlich. Eine ganze Kulturnation lebt davon. Wurde Kurz selbst eigentlich je in einem Theater gesehen?


profil: Welche Literatur hilft Ihnen in der Krise?

Streeruwitz: Meine englischen Schundkrimis aus den 1920er-Jahren kann ich derzeit nicht lesen. Fachliteratur geht gut, Georg Büchner und Charles Dickens wirken beruhigend. Die Büchner-Briefe erzählen von unserer Situation: Wir sind in Festungshaft, werden aber nicht abgeführt und gequält. Das stellt eine Art Geschwisterlichkeit her. Und Dickens hilft in Krisen immer. In unhysterischer Form berichtet er über Personen in Lebensnot, die dieses Leben aber akzeptieren. Wir stecken, philosophisch gesprochen, alle in Lebensnot. Eine der wichtigsten Aufgaben der Literatur ist es, dass wir uns erinnern können. Sie macht zudem etwas, das die Politik eigentlich bewerkstelligen sollte: Sie stellt Gemeinsames her. Wir sind doch geradezu grandios gemeinsam. Wir passen aufeinander auf. Das große Gegeneinander wird immer nur von oben her befördert.

profil: Vielen Kunstschaffenden ist durch Veranstaltungsabsagen und Stornierungen die Lebensgrundlage weggebrochen. Ihnen auch?

Streeruwitz: Wir sprechen über die absolute existenzielle Auslöschung. Dazu kam der medizinische Notfall einer Migräne mit Hirnstammaura. Schwindel, Blutdruck von 220, mit der Rettung ins Krankenhaus. Das war grauslich und buchstäblich existenziell.

profil: Wie gut fühlen Sie sich für die kommenden Lockdown-Wochen gewappnet?

Streeruwitz: Ich werde mich gut um mich selbst kümmern. Mit Sport, Ablenkung, gutem Essen. Ich werde mich in eine Art Kühltruhe begeben und darauf achten, dass ich durchkomme. Ich darf meine Enkelkinder, die in London leben, nicht sehen. Man muss hausieren gehen, bis endlich jemand versteht, dass daraus massives Leid entsteht, das endlich anerkannt gehört. Ich werde das Jetzt so gut wie möglich ausschalten und in einer Winterschlafversion meiner selbst überdauern. Anschließend müssen wir neu anfangen. Die Politik will die Zeit zurückdrehen. Das gilt es zu verhindern. Es wird nie mehr so sein, wie es einmal war.

Marlene Streeruwitz: So ist die Welt geworden. Bahoe Books, 208 S., EUR 19,-
 

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