Max Richter, After the Concert
Max Richter, After the Concert

© Hannes Siegl

Kultur
05/04/2016

Max Richter: Der Komponist mit den schwarzen Chucks

Max Richter: Der Komponist mit den schwarzen Chucks

von Stephan Wabl

Irgendwie gehören die beiden zusammen, obwohl ihre Musik auf den ersten Blick nicht weiter voneinander entfernt sein könnte. Die eine, kaum im Teenageralter, blonde Haare, steht an einer unscheinbaren Straßenecke in Krakau und trägt einen großen, selbstgemachten Aufnäher auf ihrer blauen Jeansjacke: "True Norwegian Black Metal" steht auf diesem geschrieben. Der andere, Max Richter, "Post-Classical-Komponist", Kurzhaarschnitt, schwarzer Rollkragenpulli, schwarze Chucks, steht Stunden später auf der Bühne des ICE Kraków Congress Centre und spielt seine Interpretation von Vivaldis "Vier Jahreszeiten". Und es hätte nicht überrascht, wenn das junge Mädchen am Abend im Konzertsaal bei Max Richter gesessen wäre, neugierig, was der 50-jährige britische Komponist so aus den alten Klassikern macht. Und es hätte auch nicht überrascht, wenn Max Richter dann bei der jungen Metalhörerin nachgefragt hätte, was sich gerade so tut, im modernen Black Metal. Denn wer sich in jungen Jahren einen solchen Aufnäher auf die Jacke schneidert und wer sich mit seinen jugendlichen Chucks auf die Bühne stellt und Vivaldi neues Leben einhaucht, der hat zweifellos Mut und keine Angst vor neuen Tönen.

Mit neuen Tönen ist Max Richter vertraut. Für den oscarnominierten Film "Waltz With Bashir (2008)" schrieb der Pianist die Musik, für den Choreographen Wayne MacGregor komponierte er Ballettstücke und auch vor kleinen Kompositionen als Klingeltöne für Handys schreckte der meist in Schwarz gekleidete Richter nicht zurück. Im Zentrum seiner Arbeit stehen aber immer noch seine Solowerke. Nach seinem orchestralen und meisterlichen Debüt "Memoryhouse" (2002), findet sich bei "The Blue Notebooks" (2004) eine nostalgische Schönheit im Minimalismus. Ein Album, auf dem Tilda Swinton Aufzeichnungen von Franz Kafka liest und das geprägt ist von einer anschmiegenden Melancholie.

Bis später!

Zugabe, so Richter, habe man leider keine vorbereitet. Also spielte er noch einmal "The Nature of Daylight" (The Blue Notebooks).

Bitte Platz nehmen!

Entworfen wurde das Zentrum vom polnischen Architektenbüro Ingarden & Ewy.

Zurück in Krakau

2008 spielte Max Richter das erste und bis zu diesem Tag letzte Konzert in der ehemaligen k.u.k.-Stadt. In Wien schaute der Brite bisher seltener vorbei.

Blick aus dem Fenster

Die Weichsel im Blickfeld, dahinter der Hawel.

Sold Out!

Knapp 2000 Leute kamen, polnisches Bier gab es an der Bar allerdings keines.

Sound, sound, sound

Spezielle Klangkörper an der Decke schaffen einen exzellenten Sound im Konzertsaal.

Bilderstrecke: Max Richter in Krakau

Vor zwei Jahren fertiggestellt, liegt das Konzert- und Kongresszentrum am südlichen Ufer der Weichsel und gegenüber der ehemaligen Residenz der polnischen Könige in Krakau (Hawel)

Nebenräume

Leicht spacige Toiletten.

Check, check, check

Licht? Geht. Ton? Geht. Rauch? Geht. Licht, Ton und Rauch? Gehen. Bitte hinsetzen!

In Krakau kombinierte Richter "The Blue Notebooks" mit seiner Neuinterpretation von Vivaldis "Vier Jahreszeiten" (2012). Eine Performance in zwei Abschnitten, die deutlich macht, wie vielfältig Richters Zugang zu klassischer Musik ist. Elektronische Soundlandschaften nehmen die klassische Orchesterformation Stück für Stück mit, einmal reduzieren die elektronischen Elemente das Tempo, kurz darauf verleihen die traditionellen Instrumente den digitalen Tönen neuen Elan. Im Hintergrund, über und neben Max Richter und seinem Orchester ziehen Visuals immer weiter hinein in eine Welt aus beruhigender Melancholie und aufgeregter Spannung.

Um Entspannung geht es Richter iauch n seinem zuletzt erschienenen, grandiosen Werk "Sleep" (2015). Richter bezeichnete das über acht Stunden dauernde Album als "ein einziges langes Schlaflied". Über 500 Minuten verteilt über 31 Lieder, die dem modernen und rastlosen Menschen Momente der Ruhe und Konzentration schenken sollen. Wer sich zu "Sleep" schlafen legt und mittendrin aufwacht, wähnt sich tatsächlich - je nach Stück - in seinem eigenen Traum, einem langen Gang mit meditativen Stimmen und Sounds oder von sich selbst unter klaren Klaviertönen davonschwebend wieder. Das klingt nun nicht unbedingt nach "True Norwegian Black Metal". Aber wir dürfen ruhig annehmen, dass es der jungen Frau in Krakau auch gefallen würde. Und wer weiß, vielleicht ergibt sich in Zukunft auch einmal eine Zusammenarbeit zwischen diesen beiden Welten.

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