Die Memoiren der Pretenders-Frontfrau Chrissie Hynde

Die Memoiren der Pretenders-Frontfrau Chrissie Hynde

Die Pretenders-Frontfrau Chrissie Hynde hat ihre Memoiren geschrieben - einen Überlebensbericht von brutaler Ehrlichkeit.

"Es war tatsächlich Zeit zu gehen. Die Schulzeit war vorbei. Cindy Hinos Freund, Jeff Miller, blieb jedoch da. Er konnte nicht mehr aufstehen, sondern lag am Boden, das Gesicht nach unten. Blut strömte aus seinem leblosen Körper und rann in die nächste Gosse.“ So endet Chrissie Hyndes Augenzeugenbericht von den berüchtigten Unruhen am Campus der Kent State University in Ohio 1970, als die Nationalgarde vier Studenten erschoss.

Nicht die Sorte Erlebnis, die man sich von den Memoiren einer Frau erwartet, die von der Klischee-Mühle sonst gern als Inbegriff des "Rock Chick“ gehandelt wird. Tatsächlich ist "Reckless - Mein Leben“ der seltene Glücksfall einer gloriosen Themenverfehlung. Die musikalischen Erfolge der Sängerin und Songschreiberin der Pretenders werden in den letzten 60 von gut 400 Seiten abgehandelt. Was davor kommt, ist ein fesselndes Zeitdokument aus dem provinziellen Amerika, dem Paris und London der 1960er- und 1970er-Jahre.


Dieser ganze Bondage-Kram war im Grunde etwas für Spießer.

In ihrem Geburtsort, dem Reifenindustrieort Akron in Ohio, erlebte Hynde das Sterben des Stadtkerns und die Suburbanisierung ihres Wohnviertels durch den Vormarsch der Freeways. Sie sah alle berühmten Bands der Ära auf der Durchreise in Richtung der Küstenmetropolen durch halb geprobte Programme stolpern, weil es in der gottverlassenen Einschicht auf Perfektion nicht ankam. Zur Zeit ihrer Flucht auf die Uni war die Aufbruchstimmung bereits der Düsternis schlechter Drogen und dem Repressions-Backlash einer verunsicherten Gesellschaft gewichen. Später, bei ihrem Umzug nach London, den Verheißungen des britischen Pop hinterher, war sie schon ein bisschen zu alt, um sich von den jungen Helden des Punk beeindrucken zu lassen. "Dieser ganze Bondage-Kram war im Grunde etwas für Spießer“, so Hyndes trockener Kommentar zu ihrer Zeit als Verkäuferin in Vivienne Westwoods und Malcolm McLarens berühmter "Sex“-Boutique.

"Reckless“ streift diese Schauplätze jenseits der gängigen Glorifizierungen und starrt dabei immer wieder furchtlos in Abgründe. Eine Geschichte, die Chrissie Hynde - wie sie im Prolog schreibt - so nicht erzählen hätte können, "solange meine Eltern noch lebten“. Es sei "ein leichtgewichtiges Buch“, untertreibt die 64-jährige Autorin, als sie zum profil-Gespräch in einem Proberaum in West-London auftaucht. "Ich habe viele der besonders garstigen Details ausgelassen. Viel mehr Leute starben und wurden ermordet, viel mehr fürchterliche Dinge passierten. Aber ich wollte keine Familien zerstören, also hielt ich das Buch leicht. Es soll sich beim Lesen so anfühlen, als hörte man ein Album an.“ Auf dem noch sehr ungestümen, 1980 erschienenen Debüt der Pretenders fand sich allerdings ein verstörender Song über eine Vergewaltigung mit anschließender Rache, ein Lied namens "Tattooed Love Boys“, das in einer der schlimmsten Szenen in Hyndes Memoiren eine späte, schockierende Erklärung findet.

"Hau ihr hinten auf den Kopf, das sieht man später nicht“, zischt da einer jener Biker, die Hynde, Anfang 20, in Cleveland mit dem Versprechen einer Party in ihr Hauptquartier gelockt haben, seinen Kollegen zu, ehe sie sich gemeinsam an ihr vergehen. Im echten Leben gab es dafür jedoch keine Vergeltung. "Es ist nicht meine Art, andere für meine Fehler verantwortlich zu machen“, resümiert Hynde kühl: "Das ist schlechter Stil.“


Ich bin das verdammte Poster-Girl des Feminismus!

Diese Passage hat ihr im Sommer, als die englische Fassung ihrer Memoiren erschien, heftige Kritik eingebracht, insbesondere nach einem Interview mit der "Sunday Times“, in dem Hynde sich zu der Aussage zu versteigen schien, dass Frauen selbst schuld seien, wenn sie sich in gefährliche Situationen begeben. "Die Kontroverse hat nichts mit mir zu tun oder damit, was ich gesagt habe“, meint sie nun dazu: "Da hat sich etwas aufgeschaukelt.“ Sie beharrt auf ihrem unantastbaren Selbstbild und wittert Heuchelei im Glamour-Feminismus des Beyoncé-Zeitalters: "Mich überrascht, wie konservativ Frauen geworden sind. Da geht es nur noch um Kleider und Körperbilder. Sind alle verrückt geworden? Wen interessiert es, was Männer von dir halten? Ich kleide mich doch nicht, um Männern zu gefallen. Und all die Videos, die wir sehen, sind Soft-Pornos! Nennen sich die Frauen, die diese Videos machen, ernsthaft Feministinnen? Ich bin das verdammte Poster-Girl des Feminismus!“

Tatsächlich wusste sich Chrissie Hynde Ende der 1970er-Jahre in London als unumstrittene Chefin einer - nach späteren Umbesetzungen de facto als Begleitcombo agierenden - Männerband durchzusetzen. "Die Pretenders waren meine Band. Ich hab für sie gesorgt: Ich habe ihnen die Musik gegeben, alles aufgebaut und gesagt:, So, und jetzt macht.‘ Es war so, als hätte ich sie nur aufziehen und loslassen müssen. Aber ich fand die besten Leute für diese Band. James Honeyman-Scott war einer der letzten großen Gitarrenhelden, aber damals wusste ich das nicht.“

Der frühe Tod des Gitarristen, der kein Kokain vertrug, im Jahre 1982, gefolgt von der Überdosis des Bassisten Pete Farndon 1983, markiert den jähen Schluss dieser Autobiografie, in der zwar ihre Liaison mit Ray Davies von den Kinks, aber nicht etwa ihre spätere Ehe mit Simple-Minds-Sänger Jim Kerr vorkommt. "Ich hatte vor, weiterzuschreiben“, sagt Hynde: "Aber alles danach fühlte sich trivial an. Es war so traurig, meine Jungs waren weg. Und als ich an die Stelle kam, wo ich darüber schrieb, konnte ich einfach nicht mehr. Die Geschichte war vorbei. Und vielleicht hätte die Band auch vorbei sein sollen.“

Chrissie Hynde: Reckless. Mein Leben

Heyne, 416 S, EUR 20,60