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Mike Mills’ „Come on, Come on“: Beziehungsarbeit in Silbergrau

Mike Mills’ zarte Charakterstudie „Come on, Come on“ setzt dem Gegenwartskino Entrücktes und Berückendes entgegen.

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Alle fünf, sechs Jahre liefert der kalifornische Filmemacher Mike Mills einen neuen Spielfilm in die Kinos, und obwohl die Welt davon allenfalls am Rande Notiz nimmt, weil sie grundsätzlich ausblendet, was sanfte Komplexität verspricht: Es lohnt sich jedes Mal.

„Thumbsucker“ hieß 2005 Mills“ Debüt, 2010 und 2016 folgten „Beginners“ und „20th Century Women“. Nun ist es also wieder an der Zeit: „Come on, Come on“ ist ein im allerbesten Sinne schlichter Film geworden, eine doppelte Beziehungsstudie, in deren Zentrum ein einsamer Melancholiker, ein scheuer Jedermann namens Johnny (Joaquin Phoenix) steht; er übernimmt, als seine Schwester Viv, zu der er ein wenig den Kontakt verloren hat, eines Notfalls wegen abreisen muss, deren neunjährigen Sohn Jesse. 

Joaquin Phoenix versucht in dieser schwarzweiß entrückten Charakterstudie etwas fast Paradoxes: sich im Hintergrund zu halten, obwohl er fast ständig im Bild ist; tatsächlich überlässt er dem Charme und dem Talent seines kindlichen Partners Woody Norman weitgehend das Feld. Die Zeit, die sich Mills nimmt, um die Nuancen der sich entwickelnden Verbindung zwischen dem Buben und seinem Onkel darzustellen, ist nötig. Und auch Johnnys schwierige Beziehung zu Viv, verkörpert von der aus „Transparent“ bekannten Schauspielerin Gaby Hoffmann, einer Tochter des einstigen Warhol-Superstars Viva, wird in diesem Film, der im Gegenwartskino einzigartig erscheint, hauchzart detailliert.

Stefan   Grissemann

Stefan Grissemann

leitet seit 2002 das Kulturressort des profil. Freut sich über befremdliche Kunst, anstrengende Musik und waghalsige Filme.