"Nachtmahl": Der neue Krimi von Rainer Nikowitz

"Nachtmahl": Der neue Krimi von Rainer Nikowitz

In Niederösterreich wütet wieder der Sensenmann. Gernot Bauer über den zweiten Krimi von profil-Kolumnist Rainer Nikowitz.

Das Silberne Ehrenzeichen für besondere Verdienste um das Land Niederösterreich wird Rainer Nikowitz - wiewohl gebürtiger Niederösterreicher - eher nicht erhalten. Daran ist der profil-Satiriker selbst schuld: Schon in seinem vor zwei Jahren erschienenen Krimi-Erstling "Volksfest“ ließ er so liebreizende Gegenden wie Rax, Wachau oder Waldviertel links liegen und beschrieb Niederösterreich stattdessen als eine Art tiefpannonisches Nebraska. Auch Nikowitz’ zweiter Krimi "Nachtmahl“ spielt in jenen "Gegenden, denen man schon auf den ersten Blick ansah, dass man auch beim zweiten nichts sehen würde“; es sind Landstriche, in denen der Horizont von riesigen Windrädern dominiert wird, mit Orten, die "in einer gerechten Welt ein Atombomben-Testgelände“ wären, wie Nikowitz’ Protagonist, "der Suchanek“, räsoniert.

"Held von Wulzendorf"
Im Gegensatz zu Nikowitz ist Suchanek Träger des Silbernen Ehrenzeichens für besondere Verdienste um das Land Niederösterreich. Der "Held von Wulzendorf“ hatte in "Volksfest“ eine Mordserie in seiner (fiktiven) Heimatgemeinde im (realen) Marchfeld aufzuklären. Neben dem Orden versprach der niederösterreichische Landeshauptmann dem Helden Erholungsurlaub. Und dieser führt den arbeitsunwilligen Mindestsicherungsbezieher - wie in "Volksfest“ erfahren wir keinen Vornamen, aber zumindest das Alter: 33 - in das ebenfalls fiktive und ebenso trostlose Feuchtkirchen, mitten ins nächste Mords-Abenteuer.

Wie viel Blut saugen eigentlich Gelsen?
Wie die Beschreibungen von Niederösterreich fallen auch die Bluttaten in "Nachtmahl“ schauriger aus als in Teil eins - wobei ein medizinisch und zoologisch interessiertes Lesepublikum besonders auf seine Rechnung kommt. Zentrale Fragen werden in diesem Zusammenhang in "Nachtmahl“ gestellt: Wie viel Blut saugen eigentlich Gelsen, und ab welcher Zapfmenge wird es gefährlich? Was hat es mit dieser Ceauşescu-Methode auf sich, und kann sie überhaupt funktionieren? Und wo liegt eigentlich die ethische Grenze zwischen Mord und Tierquälerei?

Die Attacken der sirrenden Blutsauger schildert Nikowitz übrigens derart plastisch, dass das Lesen regelrecht juckende Phantomwimmerl beschert.

Fremd- und Selbstgefährdung
Als auf dem Bauernhof, in dem sich Suchanek und seine Freundin Susi zum Urlaub einquartiert haben, ein Mord geschieht, beginnt der Marchfelder Lebowski gegen den Willen des ermittelnden Kommissars und gegen seine eigene Neigung zu absoluter Antriebslosigkeit zu recherchieren, assistiert von seinem Kumpel und Marihuana-Lieferanten Grasel. Mit Colombo-artigem Raffinement und Clouseau-hafter Schusseligkeit entdeckt Suchanek Spur um Spur - bis zur Fremd- und Selbstgefährdung.

Politisch alerten Lesern wird so mancher Handlungsstrang und Charakter bekannt vorkommen: etwa die radikale Tierschützer-Gruppe, die als Terrororganisation angeklagt wurde; Aktivisten, die gegen Windräder kämpfen; ein Landgraf namens Manteuffel-Praslin, der früher Wildschweindosensuppe produzierte und mittlerweile Strauße züchtet; ein Elch namens "Elmar“, benannt nach seinem Taufpaten, dem allgewaltigen Landeshauptmann.

Offen muss bleiben, ob der Suchanek sich am Ende wieder einen Orden vom Landeshauptmann verdient. Ihm selbst ist es wurscht, weil, so Suchanek, "das Silberne Ehrenzeichen so ziemlich die beschissenste Auszeichnung“ sei, die man seinetwegen "sofort dem nächsten dankbaren Deppen umhängen“ könne.

Wie schon in "Volksfest“ kombiniert Nikowitz auch in "Nachtmahl“ klassischen Krimi-Suspense mit erzbösem Humor, lakonische Weisheiten mit existenziellen Fragen, wie man sie aus den profil-Kolumnen kennt: Kann ein Loch in einem Loch existieren? Wie sehen gendergerechte Mordvarianten aus? Sind Gastronomiesubstitute die geeignete Antwort auf das Wirtshaussterben? Liebhabern von Wildgerichten sei von der Lektüre von "Nachtmahl“ übrigens dringend abgeraten.

Rainer Nikowitz: Nachtmahl. Rowohlt, 318 S., EUR 15,50

Foto: Philipp Horak für profil