25 Jahre Naked Lunch: "Alles und nichts hat sich geändert"

Die vier Musiker freuen sich, wenn ihre Fans mit ihnen das Jubiläum feiern.

Die vier Musiker freuen sich, wenn ihre Fans mit ihnen das Jubiläum feiern.

Naked Lunch schreibt Geschichte. Nach 25 Jahren veröffentlicht Österreichs wichtigste Gitarrenband der letzten zwei Jahrzehnte eine Werkschau.

profil hat sich mit Sänger und Gitarrist Oliver Welter und Bassist Herwig Zamernik getroffen, um sich über das Älterwerden, die österreichische Musikszene und das Schmusen zu unterhalten.

profil: Ein Vierteljahrhundert Naked Lunch: Was hat sich in dieser Zeit geändert?
Herwig Zamernik: Alles und Nichts. No business like showbusiness: Das gilt heute wie damals. Aber als wir angefangen haben, gab es das Internet noch nicht. Insofern hat sich alles geändert. Es hat sich aber auch gar nichts geändert, weil Musik immer noch Musik ist.
Oliver Welter: Wanda und Bilderbuch schätzen wir zum Beispiel sehr, aber das sind nur zwei Bands in einem großen Sammelsurium toller Sachen. Die bunte Vielfalt an guter österreichischer Musik hat es auch davor schon gegeben.


Für uns ist die Musik das, wofür wir brennen.

profil: Erleichtert das Internet den Weg zum Erfolg?
Welter: Das ist ein zweischneidiges Schwert, weil das Internet einen Teil der Existenzgrundlage weggenommen hat, und der CD-Verkauf jetzt im Keller ist. Die Verbreitung hat im analogen System anders funktioniert. Das war fantastisch, weil das so eine haptische Form der Beschäftigung provoziert hat. Du hast Kassetten weitergereicht und deine Freunde angeschrieben. Das war super. Aber es ist jetzt auch gut, weil die Musik natürlich viel schneller und unmittelbarer herauskommt.
Zamernik: Naja, aber heutzutage wird vielmehr veröffentlicht, so dass es jetzt auch nicht einfacher ist. Man muss als Musikhörer jetzt anders herausfiltern, was man mag. Von dem her hat sich das Rundherum einfach geändert. Dass sich dann irgendetwas doch noch durchsetzt, ist auch eine Lotterie.

profil: Was braucht eine Band um sich durchzusetzen?
Zamernik: Als erstes muss man einmal für irgendetwas brennen, damit überhaupt irgendetwas passiert. Das ist das Allererste und dann wird sich irgendetwas durchsetzen, oder auch nicht. Aber man muss schon für irgendetwas stehen, damit man überhaupt die Chance hat sich durchzusetzen.

"The Sun" erschien auf Naked Lunch's bisher letztem Studioalbum "All is Fever" (2013).

profil: Wofür brennt Naked Lunch?
Zamernik: Das kann ich insofern nicht sagen, weil es ja um Musik geht. Für uns ist die Musik das, wofür wir brennen. Wir brennen für das, was wir machen und solange man das tut, hat das auch seinen Wert, muss man es auch tun. Wenn man sagen kann, dass man einen Beruf hat für den man immer noch völlig brennt, ist das schon viel Wert. Da hat man eigentlich schon gewonnen.
Welter: Aber es ist egal, aus welcher musikalischen Richtung das kommt. Das kann man gut finden, oder nicht. Aber diese Menschen, die da erfolgreich sind, brennen dafür. Es wird sich nichts durchsetzen, wo nicht auch Leute dahinter stehen, die das mit Riesennachdruck machen.


Aber er war in erster Linie ein Mörder und mit einem Mörder verbindet mich ganz wenig.

profil: Was verbindet Sie mit dem Roman "Naked Lunch" von William S. Burroughs nach dem Sie Ihre Band benannt haben?
Welter: Damals mit 20, als die Band gegründet wurde, war ich ein großer Fan amerikanischer Beatnik-Literatur, deren großer Vorreiter eben William S. Burroughs war. Mich hat dieser Roman damals nachhaltig beeindruckt. Würde ich jetzt noch einmal einen Namen suchen, würde ich keine literarische Vorlage mehr nehmen. Das ist sehr ungeschickt gewählt.

profil: Wieso?
Welter: Weil man dauernd darauf angesprochen wird und weil das Buch einfach so groß ist. Heute würde ich vielleicht eher ein Buch von einem burgenländischen Autor nehmen, der 400 Bücher verkauft hat. Das wäre schlauer.

profil: Was verbindet Sie mit Jack Unterweger - abgesehen vom Soundtrack zum Film und die gemeinsame Herkunft Kärnten?
Zamernik: Gar nichts.
Welter: Uns verbindet damit nichts. Abgesehen davon, dass er vielleicht für Außenstehende charmant gewirkt hat, aber das sehen wir nicht so. Ich persönlich halte ihn eher für einen aufgeblasenen Geck, der sich ohne Frage gut präsentieren konnte.
Vielleicht war er auch ein Literat, wobei ich das bezweifle, weil seine Literatur nicht die beste der Welt ist. Aber er war in erster Linie ein Mörder und mit einem Mörder verbindet mich ganz wenig.
Zamernik: Aber man muss keine Beziehung zu irgendeiner Person in einem Film haben, um einen Soundtrack dazu zu machen. Die Geschichte ist schon interessant genug, um einen Film darüber zu machen. Für uns ist das eigentlich völlig losgelöst von der Figur Jack Unterweger. In der Arbeit interessiert mich die Geschichte, die erzählt wird. Ob diese Person jetzt real ist oder nicht, ist mir völlig egal.


Wir sind noch die Gleichen wie vor sieben Jahren.

profil: Sie feiern dieses Jahr 25-jähriges Bandjubiläum. Wie geht es Ihnen damit?
Zamernik: Wir stehen dem Ganzen relativ unemotional gegenüber, wenngleich es schon so ist, dass man sich eigentlich mit dem Vierteljahrhundert auseinandersetzen müsste. Wir haben das in Wahrheit nicht getan. Das ist eben so, dass man älter wird. Man kann damit ein Problem haben oder auch nicht. Es zeigt einem, dass man etwas schon lange macht. Das finde ich gut.

profil: Würden Sie rückblickend ein paar Dinge anders machen?
Welter: Das würde doch jeder Mensch. Aber das hat überhaupt nichts mit Reue zu tun. Es ändert sich ja nichts nur weil wir seit 25 Jahren zusammen arbeiten. Wir sind noch die Gleichen wie vor sieben Jahren.
Zamernik: Ich finde das aber zugleich lässig. Ich meine, wir üben uns in neuem Positivismus. Ich finde das schon ganz lässig, dass wir sagen, wir machen jetzt eine 25-Jahre-Tour. Wir haben solche Ereignisse noch nie gefeiert. Ich finde das richtig gut, dass wir jetzt zuerst einmal uns selbst feiern. Aber natürlich feiern wir auch mit den Menschen, die schon seit 25 Jahren mit uns Zeit verbringen und unsere Musik hören.
Welter: Irgendetwas müssen wir ja auch richtig gemacht haben.

2013 rockten Naked Lunch unter anderem im Treibhaus in Innsbruck.

profil: Welche Ihrer Lieder performen Sie am liebsten?
Zamernik: Immer das, das wir gerade spielen. Sonst braucht man gar nicht erst spielen.

profil: Gibt es Lieder, die nicht von Ihnen sind, die Sie jedoch gerne geschrieben hätten?
Welter: Die gibt es immer wieder. Das sind insgesamt wahrscheinlich 5.600 Lieder, die ich gerne geschrieben hätte. Es gibt so viel fantastisches Material, wenn man sich mit Musik beschäftigt. Da zieht man den Hut, oder geht davor auf die Knie und sagt: 'Das ist unfassbar gut'. Das können die Rolling Stones oder Daft Punk oder Wanda sein. Da kann ich jetzt hingehen und sagen, "Bologna" ist ein irrsinnig gutes Lied, das hätte ich gerne geschrieben. Aber ich muss das nicht geschrieben haben. Man hat einfach Demut davor.


Im besten Fall schmusen die Leute.

profil: Worüber machen Sie sich Gedanken?
Welter: Über alles. Vielleicht auch manchmal zu viel. Ganz viele Menschen werden sagen, dass man ohne Philosophie ganz gut durch die Welt kommt. Aber die Philosophie als Möglichkeit um den Menschen zu erklären und über ihn nachzudenken, ist doch herrlich.

profil: Stellen Sie sich manchmal vor, was die Leute machen, wenn sie Ihre Musik hören?
Zamernik: Im besten Fall machen sie Sex dabei. Das ist doch super.
Welter: Ich habe schon oft darüber nachgedacht und kann das an einem Beispiel festmachen. Wir haben vor Jahren einmal ein Festival in Süddeutschland gespielt. Auf der Bühne ist so ein Death-Metal-Pärchen gesessen und hat die ganze Zeit geschmust. Dann haben wir aufgehört zu spielen und das Pärchen sagte zu uns: 'Wir hören eigentlich Metal, aber zu eurer Musik schmusen wir immer'. Das fand ich total super.
Zamernik: Eigentlich ist das schöner. Im besten Fall schmusen die Leute. „Schmusen“ ist überhaupt ein super Wort.

profil: Erwartet man nach 25 Jahren noch Neues, oder kennt man schon alles?
Zamernik: Ich glaub nicht, dass man jemals irgendwie alles kennt. Nach 25 Jahren kennt man Vieles, aber ich gehe auch davon aus, dass wir noch überrascht werden. Das ist ja das Schöne an dem Beruf.

profil: Haben Sie einen Plan für die Zukunft?
Welter: Es ist nicht so, dass wir komplett planlos durchs Leben gehen, aber wir sind nur uns gegenüber verpflichtet. Da muss man schon strukturiert sein, und wir arbeiten ja auch viel. Das ist aber selbstgewählt und hat viel mit Eigenverantwortung zu tun. Sonst würden ja wir hier sitzen und zehn Jahre würden vergehen und wir hätten nichts getan.

profil: Manche Bands produzieren keine Alben mehr, sondern veröffentlichen nur mehr im Internet. Wie stehen Sie dazu?
Welter: Ich kann das nachvollziehen. Ich beschäftige mich mit diesen Dingen, wie Marktstrategie allerdings nicht. Ich denke da eher konventionell. Der klassische CD-Markt funktioniert ja noch.
Zamernik: Ich finde es total schön ein Album zu machen. Das ist, abgesehen davon, dass es marketingtechnisch Sinn macht, immer ein Abschnitt. Ein Album hat eine Zeit und spiegelt ein Gefühl dieser Zeit wider.

profil: Schlusswort?
Welter: Es wäre schön, wenn ein paar Menschen mit uns den 25er feiern.

INFOBOX

Die Band Naked Lunch wurde 1991 gegründet. Das Debütalbum "Balsam" wurde 1992 veröffentlicht. 2009 schrieben Naked Lunch für den Film "Universalove" ihren ersten Soundtrack. Das letzte Album "The Sun" erschien 2013. Für den österreichischen Film "Jack Unterweger", der in diesem Jahr Premiere feierte, steuerten sie den Soundtrack bei. Am 9. Oktober erscheint die Werkschau von 25 Jahren Naked Lunch-Bandgeschichte.

Nächste Konzerttermine:

08.11.15 Stadttheater, Klagenfurt
12.11.15 Posthof, Linz
13.11.15 Generalmusikdirektion, Graz
23.11.15 Arena, Wien