Natalie Portman: "Ich folge keinem Karriereplan"

Natalie Portman

Natalie Portman

Die Schauspielerin Natalie Portman über Jackie Kennedys viele Gesichter, über Donald Trump, Israel, Tierrechte und ihre denkwürdige Darstellung der Titelheldin in "Jackie“.

Natalie Portman, 35, geboren als Neta-Lee Hershlag in Jerusalem als Tochter eines israelischen Arztes und einer Amerikanerin, stand schon als Kind auf der Bühne. Als Zwölfjährige bewarb sie sich erfolgreich für eine Hauptrolle in Luc Bessons "Léon - der Profi“ (1994). Mit Auftritten in der "Star Wars“-Prequel-Trilogie (ab 1999), in "Closer“ (2004) und "V for Vendetta“ (2005) stieg sie zum Star auf. Daneben spielte sie Theater und schloss ihr Psychologiestudium an der Harvard-Universität ab. Für ihre brillante Performance in dem Ballett-Psychothriller "Black Swan“ (2010) gewann sie einen Oscar. Die israelisch-amerikanische Staatsbürgerin pflegt, zuletzt auch als Regisseurin der Amos-Oz-Adaption "Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ (2015), ihre jüdischen Wurzeln. Sie engagiert sich zudem für Tier- und Umweltschutz, Entwicklungshilfe und Veganismus. Zuletzt wies sie empört darauf hin, wie krass die Gehaltsunterschiede zwischen Frauen und Männern bei gleicher Leistung in der US-Filmindustrie immer noch sind.

INTERVIEW: STEFAN GRISSEMANN

profil: Die scheue, nach dem Mord an ihrem Mann schwer verstörte Jacqueline Kennedy ist alles andere als leicht zu spielen. Was bewog Sie dazu, diesen diffizilen Part zu übernehmen?
Natalie Portman: Noah Oppenheims Drehbuch war schlicht brillant; mich berührte daran auch die Idee der zeitlichen Begrenzung; es ging eben nicht darum, das ganze Leben dieser Frau nachzuerzählen, sondern über ein paar äußerst angespannte und schwierige Momente das Menschliche an ihr zu entdecken.

profil: Wie bereiteten Sie sich vor?
Portman: Ich arbeitete viel an Jackies Stimme, auch an ihrem Akzent. Vor allem die "White-House-Tour“, die sie als First Lady Anfang 1962 für CBS News machte, studierte ich sehr genau. Ich versuchte alle Interviews mit ihr zu finden, die auf YouTube oder auf Tonträgern, Bändern zumeist, verfügbar waren. Ich las natürlich Biografien, versuchte an so viel Information wie möglich zu kommen.

profil: Sie legen viel Wert auf exakte Nachstellung von Jackie Kennedys Manierismen - diese seltsam sanfte Intonation, die befangenen Gesten. In Ihrer Darstellung erscheint Jackie Kennedy einerseits unsicher, andererseits aber auch verhärtet. Sehen Sie die Ambivalenz dieser Frau als schauspielerische Herausforderung?
Portman: Ich finde es faszinierend, dass sie - obwohl sie sich mehr als alles andere als die Ehefrau ihres Mannes definierte - sich selbst stets treu blieb. Sie hätte vermutlich niemals von sich behauptet, eine starke Frau, gar eine Feministin zu sein. Aber sie war kämpferisch und belastbar. Sie handelte fokussiert, kontrollierte ihr eigenes Narrativ, selbst in tumultuösen Zeiten.

Trailer zu "Jackie".

profil: Haben Sie so etwas wie Verantwortung, wenn Sie eine historische Figur spielen? Fühlen Sie da weniger interpretative Freiheit, weniger Improvisationsspielraum als mit fiktionalen Stoffen?
Portman: Es geht nicht so sehr um Verantwortung, sondern schlicht darum, einem Menschen gerecht zu werden. Man muss sich nur - bei allen Vor- und Nachteilen - davor hüten, wertend, beurteilend vorzugehen. Es wäre gefährlich, eine Figur, die man spielt, zu sehr zu bewundern. Jede Form der Anbetung würde den Versuch durchkreuzen, jemanden als menschlich darzustellen.

profil: "Jackie“ ist ein Film über Trauer, Verantwortung und Überlebensgeist. Aber es ist auch eine Studie über das Schauspielen selbst geworden, über die Masken, die man als öffentliche Person zu tragen hat, über die Fassaden, die in der Politik errichtet werden.
Portman: Jackie hatte sehr verschiedene Identitäten - da gab es die öffentliche Person, die sie selbst präsentieren wollte, die aber nicht unbedingt ident war mit jenem Bild, das sie in der Öffentlichkeit abgab; und dann hatte sie ihr privates Selbst, das sie den verschiedenen Beziehungen anpasste, die sie führte. Es war spannend, zu beobachten, wie sie diese verschiedenen Rollen, je nach sozialer Anforderung, für sich selbst konstruieren konnte.

profil: Ihr Regisseur, Pablo Larraín, stammt aus Chile, "Jackie“ ist seine erste US-Arbeit. War es von Vorteil, diesen Stoff von einem Nicht-Amerikaner bearbeiten zu lassen?
Portman: Absolut. Es war hilfreich, dass Pablo nicht all den Ballast mit sich herumschleppt, den wir Amerikaner in uns tragen, dass er die Kennedys eben nicht schon automatisch als mythischen Polit-Adel sehen musste; er konnte sie als Menschen betrachten, sich ihnen vorurteilsfrei nähern. Außerdem ist die Art, wie Geschichtsschreibung funktioniert, ohnehin Pablos zentrales Thema in all seinen Filmen.


Ich hatte nicht für Trump gestimmt. Aber ich hoffe natürlich weiterhin das Beste für mein Land - und für die Welt.

profil: Hat "Jackie“ als Porträt politischer Machtstrukturen, als Studie patriarchalischer Regelwerke im Gegenwartsamerika, unter Donald Trump nicht ungeahnt an Aktualität gewonnen?
Portman: Es gibt keine bewusste politische Botschaft in diesem Film. Als wir ihn drehten, hatten wir keine Ahnung, dass er in Wahlzeiten in die Kinos kommen und daher anders wahrgenommen werden würde; wir wussten damals noch nicht einmal, wer sich um das Präsidentenamt bewerben würde.

profil: Wie haben Sie selbst denn reagiert, als klar war, dass Trump gewonnen hatte?
Portman: Ich hatte nicht für ihn gestimmt. Aber ich hoffe natürlich weiterhin das Beste für mein Land - und für die Welt. Die Wahl hat mich jedenfalls dazu inspiriert, politisch noch aktiver zu sein, mich mehr einzubringen, meine Stimme zu erheben in Belangen, die mir wichtig sind.

profil: Ist "Jackie“ für Sie ein politischer Film - oder eher nur eine Story über eine Frau, die in der Politik gewissermaßen gefangen sitzt?
Portman: Geschichtenerzählen an sich ist schon politisch. Jede Erzählung basiert darauf, dass man Interesse für und Zuneigung zu Figuren entwickelt, für die man sich unter anderen Umständen vielleicht nicht interessieren würde. Das ist bereits ein politischer Akt. Aber man wird natürlich, wenn man diesen Film betrachtet, darin sehen, was immer man sehen möchte.

profil: Sie arbeiten seit mehr als 20 Jahren im Filmgeschäft. Haben Sie eine Erklärung dafür, wieso Sie bereits als Zehnjährige unbedingt Schauspielerin werden wollten?
Portman: Ich liebte das Auftreten und Vorspielen eben schon sehr früh, war vom Theater fasziniert. Es waren zunächst gar nicht so sehr Filme, die mich beeindruckten, es waren Bühnenstücke, die ich gesehen hatte, an denen ich teilnehmen wollte.

profil: Sie treten neben Ihrer Arbeit in fragilen Arthouse-Produktionen, inszeniert von Künstlern wie Terrence Malick oder Wes Anderson, immer wieder auch in Industriefilmen wie "Thor“ oder "Star Wars“ auf. Brauchen Sie diese Bandbreite, die vom Mainstream bis in die Avantgarde reicht?
Portman: Ich betrachte meine Filmprojekte nicht auf holistische Weise. Ich treffe meine Entscheidungen eine nach der anderen - und ich vertraue meinem Gefühl. Ich folge keinem Karriereplan.

profil: Ihre Kollegin Isabelle Huppert meint, ihr gehe es letztlich nur um die Person, die Regie führt. Ihnen auch?
Portman: Regisseure sind natürlich unglaublich wichtig, aber auch der logistische Aspekt ist von Bedeutung: Manchmal will man bloß Spaß haben, manchmal darf es ernster sein. Und dann hat man oft gar keine Optionen, will einfach nur arbeiten.

profil: Auf welche Ihrer Filme sind Sie stolz? Ich nehme an, "Black Swan“ wird da Chancen auf einen Spitzenplatz haben.
Portman: Ich finde es schwierig, meine eigene Arbeit zu bewerten und einzuschätzen.

profil: Aber Sie werden doch die komplexen Charakterstudien, die Sie in "Jackie“ und "Black Swan“ geleistet haben, auch selbst schätzen können? Ein Routineauftritt in einem Blockbuster ist damit doch nicht zu vergleichen, oder?
Portman: All diese Rollen sind Herausforderungen, auf ganz verschiedene Weisen. An Filmen, die übersehen oder verrissen werden, ist ebenso viel Arbeit zu leisten wie an jenen, die gefeiert werden. Und man kann auch mit ungeliebten Werken großartige Erfahrungen machen. Das ist nicht immer so offensichtlich.

profil: Wie haben Sie die Arbeit mit Terrence Malick erlebt, der ja keine Drehbücher vorlegt und seinen Darstellern kaum erklärt, was sie zu spielen haben. Bietet diese Ungewissheit auch eine Art Freiheit?
Portman: Ich liebe es, mit Malick zu arbeiten, weil er vollkommen frei ist von all den Regeln des Filmemachens. Er denkt extrem eigensinnig, das ist erfrischend.

profil: Aber ist die Tatsache, dass man bei ihm meist nicht einmal weiß, welche Art von Erzählung sich am Ende ergeben wird, nicht auch beunruhigend?
Portman: Man kennt ja immerhin seine eigene Geschichte; man weiß, welche Figur man darstellt. Und das ist ja das Entscheidende, worauf man sich als Schauspielerin zu konzentrieren hat. Darüber hinaus ist es einfach großartig, Teil solcher Projekte zu sein - mit einem Filmemacher wie Malick, der so voller Freude und Empathie ist.


Ich denke, es ist mehr denn je entscheidend, als Bürgerin aktiv und engagiert zu leben.

profil: Sie haben Ihre Karriere unlängst mit "Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ auf das Regieführen ausgeweitet. Sie hatten mehrere Kurzfilme gedreht, aber wirklich vorbereitet ist man als Schauspielerin auf einen solchen Job doch nicht?
Portman: Stimmt, das ist schon ein gewaltiges Unterfangen. Aber es ist eben auch sehr erfüllend, wenn man für einen Film komplett verantwortlich ist. Wenn man nur schauspielt - und ich liebe es natürlich -, ist die Wirkung, die man entwickelt, immer auch auf die Menschen zurückzuführen, die einen inszeniert haben. Denn am Ende haben sie alle Entscheidungen getroffen.

profil: Ihr Regiedebüt, nach einem Roman von Amos Oz, handelt von der Gründung Israels; das hat mit Ihnen persönlich zu tun: Sie wurden in Jerusalem geboren. Sind Sie eigentlich religiös?
Portman: Ich würde mich nicht religiös nennen. Aber ich praktiziere das Judentum ein wenig, spreche Hebräisch, das ich für meinen Film etwas polieren musste. Und ich reise regelmäßig nach Israel.

profil: Sie agieren in Hollywood seit ein paar Jahren auch als Produzentin, demnächst wird ein von Ihnen produzierter Dokumentarfilm in die Kinos kommen, der auf Jonathan Safran Foers großem Buch "Eating Animals“ basiert. Auch dieses Projekt ist Ihnen persönlich nahe, oder?
Portman: Ja, der Film liegt mir tatsächlich sehr am Herzen, die industrielle Tierhaltung ist insbesondere in Amerika dringend reformbedürftig. Ich hoffe, der Film wird Wirkung zeigen.

profil: Sie kämpfen gegen Hollywoods Sexismus, für Tierrechte und Veganismus. Sehen Sie sich als Aktivistin? Als politische Künstlerin?
Portman: Ich wäre gerne aktivistischer. Ich denke, es ist mehr denn je entscheidend, als Bürgerin aktiv und engagiert zu leben.