Lindemanns erstes Soloalbum

Neue Alben: We Walk Walls, Envy, Lindemann und Hop Along

Neue Alben: We Walk Walls, Envy, Lindemann und Hop Along

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We Walk Walls: Opportunity (Wohnzimmer)

Tagträumerei gehört im Popgeschäft zum täglich Brot. Auch die Wiener Indiepop-Feingeister We Walk Walls starten ihr zweites Album noch in einer Phase zwischen Traum und Wirklichkeit; irgendwie zu müde um aufzustehen, aber auch zu munter, um in den Schlaf zu fallen. Das Erweckungserlebnis folgt mit „Opportunity“, dem zentralen Stück des neuen Albums: Nach vier Songs und einer gefühlten Sternschnuppenewigkeit wacht die vierköpfige Band um Sängerin Patricia Ziegler auf und verleiht ihrem Dreampop das Fünkchen Zauber, Verve und Feenstaub, zu dem junge Menschen zwischen 18 und 35 so gerne schunkeln, tanzen und lieben. Am Elektrolagerfeuer – so viel ist dank We Walk Walls gewiss – wird es heuer noch richtig kuschelig. (6.5/10) Ph. D.

Envy: Atheist's Cornea (Temporary Residence)

Envy, das ist Panikattacke, Nervenzusammenbruch, Beruhigungs- und Aufputschmittel vereint in einer Band, in einem Album und oft in einem einzelnen Song. So auch auf dem sechsten Album, dem ersten seit fünf Jahren, der Postrock-Hardcore-Post-Hardcore-Herren aus Japan. Und schon nach den ersten Sekunden des ersten Liedes wird man fröhlich-schmerzhaft daran erinnert, wie sehr einem diese Energie zwischen Aufbruch und Zusammenbruch gefehlt hat und versinkt Stück für Stück mit schmerzverzerrtem Gesicht - und einem Lächeln auf den Lippen. (8.0/10) S. W.

Lindemann: Skills in Pills (Warner Music)

Till Lindemann kann einem leidtun. Aus seinen aktuellen musikalischen Lieblingsthemen (Sex, Peitsche, Abtreibung) lässt sich heutzutage nur noch schwer ein veritables Skandälchen produzieren. Dass Rammstein-Schenkelklopfer Lindemann auf seinem ersten, mit Metal-Produzenten Peter Tägtgren (Hypocrisy) eingespieltem Soloalbum, in gewohnter Manier zwischen düsteren Gitarrenriffs und rollendem „R“ changiert, ist dabei weder überraschend noch schmeichelhaft. Zu einem Gutteil klingt „Skills in Pills“ so, als hätte man ein altes Rammstein-Album einfach ins Englische übertragen. Auch textlich zieht Lindemann sein Faible für das menschlich Abseitige und Morbide beinhart durch. Im Gegensatz zu seiner Berliner Hauptband gelingt es dem 52-jährigen Sänger, Texter und Hobbylyriker jedoch nicht, die vordergründige Brutalität in Bild und Ton ironisch zu brechen. „Skills in Pills“ ist wie ein schlechter Teenagerstreich im Gewand einer großen Rockproduktion. Ein paar 14-Jährige werden jubeln. (3.1/10) Ph. D.

Hop Along: Painted Shut (Saddle Creek)

Ein Album, dessen Ankündigung alleine schon ausreichen hätte müssen, um den Umzug nach Philadelphia zu planen. Beim ersten Anhören des zweiten Albums der Indie-Punk-Rock-Band ist man sich allerdings nicht mehr ganz so sicher: Die Stimme von Sängerin Frances Quinlan ist nach wie vor eine raue Verzauberung, die zehn Stücke sind aber glatter als erwartet, richtig hängen bleibt zunächst nichts. Leichte Verwirrung: Ist man gar enttäuscht? Man wartet ein wenig, hört noch einmal rein, denkt kurz nach, versucht sich an Markantes zu erinnern, geht eine weitere Runde durch die Stadt, trinkt einen Kaffee. Und dann passiert es: Man will das Album gleich wieder hören, fühlt, dass sich hier noch was versteckt und noch gefunden werden will und wird. Man ist beruhigt und ist sich nun sicher: Der Umzug nach Philadelphia ist nur mehr eine Frage der Zeit! (7.5/10) S. W.