Musiker Dendemann. Angriff auf den Wohlstandsbürger in uns.
Musiker Dendemann. Angriff auf den Wohlstandsbürger in uns.

© Nils Mueller

Zeitumstellung
01/25/2019

Neues Dendemann-Album "Da nich für!"

Neues Dendemann-Album "Da nich für!"

Das prickelnde Gespräch startet mit einem Gläschen Prosecco. "Wäre daran etwas falsch, wäre sein Name doch Anti-Secco", kalauert Daniel Ebel alias Dendemann. Spätestens jetzt wird klar: Der kauzige Sauerländer wirft Wortwitze nicht nur auf Textblätter; er lebt sie bei jeder Gelegenheit.

Dendemann, 44, gilt als der Super-Nerd des Deutsch-Rap. Als ein zu ungehört-unerhörten Vergleichen tendierender Buchstabenverdreher, der achtsilbige Reime verzahnt wie Kreuzworträtsel. "Ich bin kein Perfektionist, aber akribisch genug für den letzten Schliff, den sich keiner antut, weil er auch nicht nötig ist", sagt Dendemann im profil-Interview. Sein schelmischer Blick leuchtet wie die blondierten Haare unter seiner Kappe. Als der einstige Wahl-Hamburger und inzwischen Neo-Berliner mit seinem Duo Eins, Zwo den Storytelling-Standard der späten 1990er-Jahre upgradete, dominierte mittelständische Leichtigkeit den deutschen Rap. Mit Konsorten wie den Beginnern, Samy Deluxe, Fettes Brot und Fünf Sterne Deluxe krönt er Hamburg zur HipHop-Hauptstadt. Als in den Nullerjahren der Straßenrap aus Berlin das Versmaß k. o. prügelte, startete Dendemann seine Solokarriere.

Für die Spitzen der Charts sind seine Songs einen Dreh zu weit um die Ecke gedacht, zu kräftig im Humus des schieren Alltags verankert. Auch die Wahl seiner Produzenten schien nicht immer klug: Die angestrengten 1980er-Rock-Beats seines letzten Albums "Vom Vintage verweht" (2010) waren wie Dendemanns damaliger Vokuhila -auf den ersten Blick drollig, auf den zweiten zum Haareraufen. 2015 holte der Grimme-und Romy-Preisträger Jan Böhmermann Dendemann als Bandleader in seine TV-Satire-Sendung "Neo Magazin Royale". Ähnlich wie bereits The Roots im Studio von US-Talkstar Jimmy Fallon reimte Dendemann wöchentlich über das Grundgesetz, den Tag der Einheit, Pegida-Demos.

"Beim Fernsehen lernte ich, keine zeitlosen Zeilen mehr für ein Album schreiben zu müssen - denn nächste Woche kommt immer die nächste Sendung", erinnert er sich an die damals neugewonnene Freiheit: "Die Redaktion deckte mir den Rücken, um die Politik zynisch und hart angreifen zu können." Nun erscheint mit seinem dritten Soloalbum "Da nich für!" das mit Abstand zeitkritischste Statement seiner Laufbahn. Die Comeback-Hymne "Keine Parolen" beschreibt den haltungslosen, insgeheim aber zufriedenen Wohlstandsbürger, der seine Prinzipien dem eigenen Wohl geopfert hat.

Überraschend offenbart Dendemann: "Ich bin diese Speerspitze einer ignoranten Generation, die auf dem bequemen linken Sofa eingeschlafen ist." Ob ihn das mit einem potenziellen AfD-Wähler eint? "Nein, ich will zeigen, wie verdrossen wir sind, wenn wir sagen: ,Ich bin kein Sexist, denn ich hab der Ollen die Türe aufgehalten; ich kann kein Rassist sein, denn ich habe schwarze Freunde; ich bin links, weil ich Nazis hasse.' Doch das reicht alles nicht mehr." Um die Demokratie vor dem endgültigen Rechtsruck zu bewahren, rufen Dendemann und Beatsteaks-Sänger Teutilla daher nach einer "Zeitumstellung": Es sei hoch an der "Zeit, um Stellung zu beziehen, und zwar für alle!" "Da nich für!" versammelt, was Rap zu einer relevanten Kunst erhebt: zeitgeistige Reflexion, technische Perfektion, Beats am Puls der Zeit, sprachliche Neukreationen fernab jeglicher Machismen, die Symbiose aus Vokal-Samples und Text - und, dies vor allem: Protest. Warum auch nicht, sonst würde es ja Anti-Test heißen.

Diese Woche in der unerhört-Playlist:

Rival Sons: Feral Roots Sharon Van Etten: Seventeen (Song) The Twilight Sad: I/m Not Here [Missing Face] (Song) Iv/An: Sloboda Kretanja / Umorna Lica The Screenshots: Hey (Song) Boygenius: Boygenius Funeral Chic: Superstition Die Türen: Exoterik Julia Holter: Aviary Lonnie Holley: MITH Jens Friebe: Fuck Penetration MOTSA: Colours (Song) Fucked Up: Dose Your Dreams Andrea Fissore: Shadows Of The Moon (Song)

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