Patti Smith: "Ich bin eine Spätzünderin“

"Ich habe nicht die geringste Lust, jetzt zu sterben. Und ich glaube auch nicht, dass der Tod bei mir um die Ecke lauert."

"Ich habe nicht die geringste Lust, jetzt zu sterben. Und ich glaube auch nicht, dass der Tod bei mir um die Ecke lauert."

Die amerikanische Rock-Ikone, Fotografin und Autorin Patti Smith über den Verlust geliebter Menschen, das Gefühl der Angst, Frida Kahlos Bett und ihr jüngstes Buch "M Train“.

INTERVIEW: SACHA VERNA

profil: Wann ist Ihnen zum ersten Mal richtig bewusst geworden, dass die Zeit vergeht?
Patti Smith: Sie möchten wissen, wann ich mich zum ersten Mal alt gefühlt habe?

profil: Nicht unbedingt. Sie wirken nicht wie jemand, der sich alt fühlt.
Smith: Ich gebe aber gern zu, dass ich mit mir selbst und mit meinen Katzen rede, und ich schaue mir stundenlang Fernsehkrimis an.

profil: So wie Sie es in Ihrem neuen Buch "M Train“ beschreiben, scheinen Sie einen Großteil Ihres Lebens in einer Welt verbracht zu haben, in der die Zeit keine Rolle spielt.
Smith: Merkwürdig, dass Sie das sagen. Etwas Ähnliches habe ich neulich in meinem Tagebuch notiert. Aber es gab tatsächlich einen Moment, in dem ich realisierte, dass die Uhr Zeiger hat. Das war an meinem 66. Geburtstag. Ich war eher überrascht als erschrocken. Mir wurde plötzlich klar, dass ich mir wohl Fragen stellen sollte wie: Werde ich noch all die Dinge zu Ende bringen können, die ich mir vorgenommen habe? Wie lange werde ich meinen Enkel noch aufwachsen sehen?

profil: Das war vor drei Jahren. Wie oft stellen Sie sich diese Fragen heute?
Smith: Selten. Sie haben ihre Dringlichkeit wieder verloren. Ich will bloß gesund bleiben und mich auf meine Arbeit konzentrieren. Auf das Schreiben, das Fotografieren, die Musik. Mir hilft sicher auch, dass ich immer jugendlich geblieben bin. Vielleicht nicht, was mein Aussehen betrifft, aber meiner Haltung nach.

profil: Diese Haltung war auf Ihrer letzten Welttournee mit über 90 Konzerten sicher von Vorteil.
Smith: Es ist alles eine Frage der Disziplin. Mein Alltag während einer Tournee gleicht meinem Alltag zu Hause in New York. Ich stehe früh auf, gehe in ein Café und schreibe ein paar Stunden lang. Ich mache einen Spaziergang, ruhe mich ein bisschen aus und gebe dann mein Konzert. Sehr viel Zeit verbringe ich auch in New York allein. Es ist Unsinn, zu glauben, die Leute in der Rock’n’Roll-Szene lebten ausschließlich von Musik, Sex und Drogen.


Ich habe gelernt, mit dem Verlust geliebter Menschen umzugehen, indem ich ihre physische Abwesenheit akzeptiere. Umso glücklicher machen mich die Erinnerungen an sie.

profil: In "M Train“ schreiben Sie über all dies nichts. Weshalb?
Smith: Würde ich mein Leben auf der Bühne schildern, müsste ich auf Themen wie Image und Berühmtsein zu sprechen kommen. Damit habe ich mich nie besonders beschäftigt. "M Train“ handelt von den Dingen, die mir wirklich im Kopf herumgeistern. "M“ steht für "mind“, für "Gedanken“. Ich lade die Leser auf eine Reise in meinem Gedanken-Zug ein.

profil: Mit dabei sind Menschen, die Sie geliebt und verloren haben. Fühlen Sie sich von deren Gespenstern verfolgt?
Smith: Verfolgt ist nicht das richtige Wort. Ich würde eher sagen: Ich freue mich über ihre Gesellschaft. Ich habe gelernt, mit dem Verlust geliebter Menschen umzugehen, indem ich ihre physische Abwesenheit akzeptiere. Umso glücklicher machen mich die Erinnerungen an sie. Es passiert mir oft, dass ich die Straße entlang spaziere und plötzlich in Lachen ausbreche, weil mir etwas über meinen Bruder Todd eingefallen ist …

profil: Todd, der Ihr Manager war, starb 1994 an einer Herzattacke.
Smith: Er ist in meinen Gedanken ständig bei mir. Dasselbe gilt für meinen Mann.

profil: Fred "Sonic“ Smith starb wenige Monate vor Ihrem Bruder mit 45. Sie haben bisher kaum über ihn geschrieben. Was bewog Sie dazu, dies in "M Train“ erstmals zu tun?
Smith: Ich hatte auch dieses Mal nicht die Absicht, über Fred zu schreiben. Er war ein sehr zurückhaltender Mensch und mochte keine Aufmerksamkeit. Aber während ich an "M Train“ arbeitete, tauchte er immer wieder in meinen Träumen auf und drängte sich auf die Seiten, die ich schrieb. Er schien mir damit die Erlaubnis zu geben, nun auch von ihm und unserer gemeinsamen Zeit zu erzählen.

profil: Sie bezeichnen die 1980er-Jahre, als Sie mit Ihrem Mann und Ihren beiden Kindern zurückgezogen in Michigan lebten, im Buch als ein "Wunder“. Nach Freds Tod kehrten Sie auf die Bühne zurück …
Smith: … nur weil ich Geld verdienen musste.


Ich bin zufrieden mit mir, wenn ich morgens drei, vier gute Seiten geschrieben oder ein schönes Foto gemacht habe.

profil: Sie benötigen den Applaus des Publikums nicht, um glücklich zu sein?
Smith: Nein. Oder lassen Sie mich präzisieren: Es macht mich glücklich, nach einem Konzert das Gefühl zu haben, dem Publikum zu einem tollen Erlebnis verholfen zu haben. Es freut mich sehr, wenn meine Bücher viele Leser finden. Schließlich tun wir, was wir tun, um damit andere Menschen zu erreichen. Aber mein Selbstverständnis hängt nicht von der Reaktion der Leute ab. Ich brauche den Erfolg nicht, um mich gut zu fühlen.

profil: Woraus beziehen Sie dann Ihr Selbstbewusstsein?
Smith: Ich bin zufrieden mit mir, wenn ich morgens drei, vier gute Seiten geschrieben oder ein schönes Foto gemacht habe. Ich bin zufrieden, wenn ich Wäsche gewaschen und sauber zusammengefaltet habe. Und natürlich bin ich stolz auf meine Kinder.

profil: Ihr Sohn Jackson ist jetzt 34, Ihre Tochter Jesse ist 29 - beide sind Musiker.
Smith: Sie sind das Abbild ihres Vaters - und unendlich viel mehr. In "M Train“ erwähne ich sie nur als kleine Kinder. Damit waren sie einverstanden. Sonst respektiere ich ihre Privatsphäre.

profil: Ihr kleines Haus im abgelegenen Far Rockaway nennen Sie "Alamo“, wie das Fort.
Smith: Ja. Wenn ich dort auf der Veranda sitze und in meinen verwilderten Garten blicke, bin ich ebenfalls glücklich.

profil: Viele würden in dem Haus bestenfalls einen hübschen Schuppen sehen. Wie wichtig ist Ihnen materieller Besitz?
Smith: Statussymbole interessieren mich nicht. Aber ich hänge sehr an bestimmten Gegenständen. An einem alten Kleidungsstück zum Beispiel oder an einer Tasse, die meinem Vater gehörte, an einem Möbelstück. Objekte haben mich schon als Kind fasziniert. Ich hatte damals eine katholische Freundin. Die Gebetsbücher ihrer Familie, der Rosenkranz, die Heiligenstatuen bezauberten mich. Ich erinnere mich auch an einen Kobold, eine kleine Figur aus Deutschland, die einen rötlich schimmernden Stein trug. In meiner Fantasie erwachte dieser Kobold nachts zum Leben wie die Spielsachen in den Märchen von Hans Christian Andersen. Es gibt Gegenstände, die für mich noch immer über eine besondere Energie verfügen.

profil: Reisen Sie auch deshalb um die halbe Welt, um die Schreibmaschine von Hermann Hesse oder Frida Kahlos Bett zu fotografieren?
Smith: Meine Fotografien sind so etwas wie Reliquien. Ihnen wohnt eine Macht inne, die existiert, wenn man an sie glaubt. Über dieselbe Macht können übrigens auch Orte verfügen.

profil: Deshalb die Pilgerfahrten zu den Gräbern von Menschen, die Sie bewundern - wie Sylvia Plath und Jean Genet?
Smith: Das Fotografieren und die Reisen sind Versuche, mit Menschen und Orten in Verbindung zu treten, die einem etwas bedeuten. Menschen und Orte, die mir etwas bedeuten. Vielleicht gewinnen die Bilder ja auch für andere eine gewisse Bedeutung.


Alle fürchten sich davor, dass einem geliebten Menschen Schlimmes passiert. In meinem Leben ist das Schlimmste schon mehrfach eingetreten. Meine Angst davor hat nichts genützt.

profil: Welche Rolle hat das Gefühl der Angst in Ihrem Leben gespielt?
Smith: Als Mutter habe ich immer Angst davor, dass meinen Kindern etwas zustößt. Daran versuche ich nicht zu denken. Alle fürchten sich davor, dass einem geliebten Menschen Schlimmes passiert. In meinem Leben ist das Schlimmste schon mehrfach eingetreten. Meine Angst davor hat nichts genützt. Die Angst, die ich heute empfinde, ist eher abstrakter Natur. Ich mache mir Sorgen um die bedrohten Schneeleoparden und den Amazonas-Regenwald, um indigene Völker. Aber von der Sorte existenzieller Angst, die Sie meinen, habe ich mich nie beherrschen lassen.

profil: Wie viel verlief in Ihrem Leben eigentlich nach Plan?
Smith: Ich gehöre zu den Menschen, die mehr träumen als planen. Daher war in meinem Leben viel dem Zufall überlassen. Ich bin zufällig in der Musik gelandet. Für mich war das Singen anfangs bloß eine Möglichkeit, meine Gedichte vorzutragen. Die einzige Konstante in meinem Leben war und ist das Schreiben. Allerdings bin ich sehr verantwortungsbewusst. Ich halte mich an meine Verpflichtungen. Als ich Kinder bekam, stellte ich mein Künstlersein hintan. Ich habe immer gearbeitet, in einer Fabrik, in einer Buchhandlung, um mich und die Meinen über Wasser zu halten. Heute befinde ich mich in der glücklichen Lage, frei über meinen Alltag bestimmen zu können. Ich kann vom Bücherschreiben und von meinen Konzerten leben. Ich bin unabhängig.

profil: Betrachten Sie die Unabhängigkeit als ein Geschenk des Alters?
Smith: Das Alter hält noch andere Geschenke bereit. Die Natur ist grausam und gütig zugleich. Sie nimmt uns die physische Kraft, aber sie lässt uns neue geistige Kräfte entdecken. Die romantischen Obsessionen, all die Bedürfnisse, die uns in jüngeren Jahren noch umgetrieben haben, verschwinden. Man wird gelassener, und das ist ein angenehmes Gefühl.

profil: Würden Sie als glücklicher Mensch sterben, wenn Sie in diesem Moment tot umfielen?
Smith: Jetzt gleich?

profil: In diesem Augenblick.
Smith: Ich habe nicht die geringste Lust, jetzt zu sterben. Und ich glaube auch nicht, dass der Tod bei mir um die Ecke lauert. Manche Leute schaffen ihre Meisterwerke in ihrer Jugend. Ich bin eine Spätzünderin. Mein Meisterwerk liegt noch vor mir. Und ich werde so lange am Leben bleiben, bis es vollendet ist.

Das Buch: "M Train“

Während "Just Kids“ eine Hommage an den Fotografen Robert Mapplethorpe war, ist "M Train“ nun Patti Smiths Liebeserklärung an ihren früh verstorbenen Mann Fred "Sonic“ Smith. Assoziativ und lose chronologisch verwebt die Autorin darin Vergangenheit und Gegenwart. Sie berichtet von Reisen, Träumen und ihrem Alltag, vom Genuss des Alleinseins und dem Verlust geliebter Menschen - mit durchaus komischen Intermezzi.

Patti Smith: M Train. Aus dem Amerikanischen von Brigitte Jakobeit. Kiepenheuer & Witsch, 334 S., EUR 20,60

Patti Smith, 69,
wurde in Chicago geboren und wuchs in New Jersey auf. In den 1970er-Jahren machte sie in New York als Rocksängerin mit Alben wie "Horses“ Karriere. 2010 veröffentlichte sie das Buch "Just Kids“ - Erinnerungen an ihre langjährige Beziehung zum Starfotografen Robert Mapplethorpe. Der internationale Erfolg des Memoirendebüts verwandelte sie endgültig in eine kulturelle Ikone: Smith wurde als Mitglied des legendären New Yorker Underground wiederentdeckt, zudem lernte man sie als Schriftstellerin und Fotografin schätzen. Heute ist die zweifache Mutter aktiver und kreativer denn je: Sie präsentiert Fotoausstellungen und geht mit ihrer Band auf weltweite Tourneen. Vor allem aber schreibt sie, meist an mindestens zwei Buchprojekten gleichzeitig. Patti Smith, die Ende Dezember 70 wird, lebt und arbeitet in New York.