Friedensbotschaft mit geschlucktem Schwert: Ein Moment aus Florentina Holzingers "Pfingstspiel"in Prinzendorf
Orgien-Mysterien-Update: Florentina Holzingers wilder Pfingstzirkus
Wer gedacht hatte, dass Florentina Holzinger bloße zwei Wochen nach ihrem venezianischen Triumphzug jenes Pfingst-Gastspiel, das sie bei den Wiener Festwochen auszurichten zugesagt hatte, irgendwie post-Biennale-ennuyiert oder gar sorglos herunterschludern würde, geriet am vergangenen Samstag schnell ins Staunen.
Die glücklichen paar Hundert Menschen, die Tickets für das begehrte jüngste Holzinger-Spektakel ergattert, sich kurz nach 15 Uhr am Wiener Eislauf-Verein eingefunden und rund um die Sportfläche gruppiert hatten, erlebten schon dort einen makellos in Szene gesetzten Vorgeschmack auf die zirzensischen Ereignisse, die noch kommen würden.
Wie sehr Holzingers „Pfingstspiel“ auch als musikalische Aktion konzipiert war, deutete bereits der erste Blick auf das noch unbespielte Eislauffeld an, auf dem zwei Schlagzeuge, vier goldfarbene Harfen und vier schwarze Lautsprechertürme der Dinge harrten.
Schließlich setzten sich sechs unbekleidete Musikerinnen an die Instrumente und gaben die Grundstimmung vor, die sich später, am Gelände des Schlosses Prinzendorf, noch intensivieren sollte: Reise in ein unwirkliches, paradiesisch erscheinendes Zwischenreich der Ruhe und der Ursprünglichkeit, in einen Traum von Freiheit, hart erkämpftem Frieden und weiblicher Solidarität.
Die Spaziergängerin der Hotelfassade
Und der surreale Reigen begann: Vom Dach des Hotels Intercontentinal seilte sich aus 40 Meter Höhe eine Performerin ab, wanderte waagrecht die Fassade des Baus hinab: Wie in Zeitlupe stapfte die Vertikal-Spaziergängerin des Interconti vom Himmel aus der Erde entgegen, wie eine die Schwerkraft ignorierende Spider-Woman, in aller Ruhe absolvierte sie diesen walk on the wild side, das Reenactment einer legendären New Yorker Aktion der US-Choreografin Trisha Brown von 1970 („Man Walking Down the Side of a Building“).
Danach erhöhte man den Intensitätspegel: Während auf der Eislaufbahn Seifenlauge verteilt und die Musik lärmiger wurde, ließ sich Florentina Holzinger, auch sie, wie alle ihre Mitstreiterinnen, lediglich mit festem Schuhwerk bekleidet, einen Spieß rituell durch die Wangen treiben. Wenig später kletterte Holzinger vom Beifahrersitz auf einen im Kreis schleudernden schwarzen Kleinwagen, der – als wär‘s eine Teenager-Provinz-Parkplatzgaudi – ins hochtourige Aquaplaning-Schlingern gebracht worden war; in Domina-Rodeo-Pose auf dem Autodach stehend ließ sie zu treibenden Industrial-Klängen die Funken aus ihrem Wangenpfeil sprühen, wie eine nachgereichte Szene aus Russ Meyers Sixties-Exploitation-Movie „Faster, Pussycat! Kill! Kill!“.
Prolog zum "Pfingstspiel": Holzinger-Performerin spaziert über die Fassade des Wiener Hotels Intercontinental
So endete der Prolog dieses „Pfingstspiels“: mit starken Bildern und jenem niederschwelligen Witz, für den Florentina Holzinger zu Recht berühmt ist.
Das anhebende Hupkonzert der zehn am Rande der Eislaufbahn geparkten Busse erinnerte das Publikum daran, sich nun auf die Reise nach Prinzendorf zu machen: Um kurz nach halb sieben Uhr abends, nach Willkommenswein, Spaziergängen und Small-Talk auf dem weitläufigen Areal des Schlosses, das der vor vier Jahren verstorbene, dort auch beigesetzte Aktionskünstler Hermann Nitsch jahrzehntelang mit seinem Orgien-Mysterien-Theater bespielt hatte, wurde die Performance fortgesetzt.
Zwei Drohnen begannen eigens angemischtes Kunstblut auf eine überdimensionale Leinwand zu spritzen, vor der eine Performerin in Jesus-Pose an Ketten hing: mehr Sprüh- als Schüttbild. Das Schaffen des Hermann Nitsch dachte Holzinger also liebevoll mit – und subvertierte es zugleich. Gemeinsam mit ihren Aktions-Kriegerinnen setzte sie dabei entschieden feministische Duftmarken: die Herz- und Basisnoten einer post-chauvinistischen Aktionskunst.
Und erneut traten die Musikerinnen der Truppe in Szene, begannen synthetische, minimalistisch rhythmisierte Klangflächen zu erzeugen, steigerten sich mit Blasinstrumenten, Cello und E-Gitarren aber bald in den Rausch eines wohlstrukturierten Lärms, der die träge Auffahrt eines aus Holz in Lebensgröße gezimmerten Panzers begleitete.
Ihm gesellte sich eine Wheelie-Artistin bei – eine Motorradfahrerin, die den Panzer auf ihrem Hinterrad balancierend umkreiste, ihm aufs Dach fuhr und zurück in die Wiese sprang. Ein bereitstehender Monstertruck, der sich über die Kriegsgerät-Attrappe mit dröhnendem Motor buchstäblich hinwegsetzte, machte dieser schließlich den splitternden Garaus. Die Parole „No War“ erschien auf den beiden Projektionsflächen neben dem Kunstblutbild.
Female rage
Es folgte ein Intermezzo, das die female rage auf den Punkt brachte: Eine vom Dach des Vierkanthofs hängende Performerin trat lautstark, mit aller Kraft, wild ausschlagend, eine vor ihr schwebende Blechfolie. Eine Fallschirmspringerin landete als Friedentaube (und wohl auch als Heiliger Pfingstgeist) auf dem umliegenden Acker, stieg ebenfalls auf den Panzer und schluckte die überlange Klinge jenes Schwerts, an dem sie eine weiße Fahne appliziert hatte.
In einem Nebenhof des Schlosses bereiteten die Holzinger-Amazonen sich, in idyllischem Ambiente, umsäuselt von live erzeugter New-Age-Musik, an weiß gedeckten Arbeitstischen auf das Finale vor, ließen sich bei diesen Vorbereitungen beobachten: Sorgsam piercten sie einander ihre nackten Körper, setzten Schnitte in die Haut und brachten metallische Haken an Rücken und Knien an.
Die Nacktheit der Aktionsdarstellerinnen hatte sich da längst normalisiert. Wie ein Kostüm trägt die Holzinger-Kompagnie ihre Blöße, alles andere als defensiv oder schutzlos: Sie begreift die Nacktheit als einen Akt der Verweigerung und Selbstermächtigung, der die Blicke potenzieller Voyeure ungerührt retourniert – und diese bloßstellt.
Letztes Abendmahl
Holzingers „Pfingstspiel“-Performance, die als Kooperation der Wiener Festwochen mit der Nitsch Foundation unter frühsommerlich anmutenden Idealbedingungen stattfand, endete anderthalb Stunden nach Sonnenuntergang, nach einer archaischen Prozession mit Fackeln und Leiterwagen: 13 Darstellerinnen, darunter auch Florentina Holzinger, ließen sich an Rücken und Knien, sitzend-schwebend, an einer Metallkonstruktion emporgezogen, an einen mit Brot gedeckten Tisch heben, um das ikonische letzte Abendmahl des Jesus Christus mit seinen Jüngern zu variieren.
Die Zeremonienmeisterin selbst stilisierte sich dabei keineswegs zur Jesusfigur: Als Vierte von rechts ordnete sich Holzinger demütig in den Kreis der Jüngerinnen ein, die – nachdem sie ihre Knieseile durchtrennt hatten – wie Marionetten, gehalten nur von ihrer verklammerten, offenbar reißfesten Rückenhaut, im nächtlichen Kunstlicht tanzten, ihren glückseligen Pfingstschwebezustand feierten.