„The Exquisite Corpus”: Peter Tscherkasskys Bildersturm hat in Cannes Weltpremiere

Aus der Dunkelkammer: Tscherkassky, fotografiert von Monika Saulich, an einem Fenster der Bar im Wiener Filmmuseum

Aus der Dunkelkammer: Tscherkassky, fotografiert von Monika Saulich, an einem Fenster der Bar im Wiener Filmmuseum

Peter Tscherkassky ist ein Virtuose der filigranen Filmarbeit, ein Erotomane des analogen Kinos. Sein irrlichterndes neues Werk wird bei den Filmfestspielen in Cannes für Aufsehen sorgen.

Der Traum sei "eine Form des Wahnsinns“, sagt der Psychiater und Schlafforscher Allan Hobson. Tatsächlich produziert der nächtliche Sturz ins Unbewusste Visionen, an deren unbändiger Formenvielfalt die Kunst meist scheitern muss. Dennoch fasst insbesondere das Kino diese ästhetische Herausforderung gern ins Auge, aber nur die Avantgarde hat diesbezüglich wirklich Kompetenz. Mit freier Assoziation leisteten die Surrealisten in den 1920er-Jahren Pionierarbeit; psychoanalytisch orientierte Kinokünstler wie Peter Tscherkassky entwickeln diese historischen Vorgaben weiter.

Um Wunschbilder, Träume-im-Traum, Körper, Begehren und Delirium kreist Tscherkasskys Werk unaufhörlich: um Traum- und Triebarbeit. Es ist kein Zufall, dass ein Tscherkassky-Epos des Jahres 2001 ganz freudianisch "Dream Work“ heißt. Dabei sei die Traumdarstellung im optischen System Kino eigentlich unmöglich, sagt der Wiener, denn: "Der Traum ist visuell, aber nicht optisch.“

Der Wiener Found-Footage-Stilist Peter Tscherkassky, 56, ist ein Virtuose seines Fachs und eine weltweit akklamierte Autorität des gegenwärtigen Avantgardefilms. Aber er ist, trotz unaufhörlicher Kreativität, zur Langsamkeit verurteilt, denn er hantiert mit dem filmischen Einzelbild. Pro Dekade schafft er kaum mehr als zwei Werke
- die Arbeit, die er an jedem Kader seiner Produktionen zu verrichten hat, ist zu langwierig, um zu einer höheren Output-Frequenz zu kommen. Seine Grundeinheit ist ein unbelichteter Filmstreifen von einem Meter Länge, also 50 Einzelkadern, was gut zwei Sekunden Film entspricht. "An sehr schlechten Tagen belichte ich nur einen oder zwei dieser Streifen, also kaum mehr als zwei bis vier Sekunden Film; an sehr guten Tagen gelingen auch mal sieben bis acht Meter.“ Die langwierige Handarbeit verdrießt ihn niemals; der sich immer wieder einstellende Blues resultiert einzig aus der Frage, wie man einen begonnenen Film denn noch weitertreiben könnte. "Ich schlittere während der Arbeit oft in existenzielle Krisen, zweifle an meinem Tun: Ist es wirklich gut, was ich da mache? Ist es diesen Aufwand wert? Krisen sind meine ständigen Begleiter.“

Irreale Räume. Landschaften, Gesichter: aus „The Exquisite Corpus”

Volle drei Jahre hat er an seinem neuen Film gearbeitet, Bild für Bild und Schicht für Schicht. 19 Minuten Laufzeit beansprucht "The Exquisite Corpus“ nun lediglich: eine in gleißendes Schwarzweiß gesetzte Untersuchung der Schlagkraft erotischer Kinofantasterei. In der Endphase des nun startenden Filmfestivals in Cannes wird sie ihre Weltpremiere erleben - in der parallel zur "Sélection officielle“ laufenden "Quinzaine des Réalisateurs“. "Es geht um Verführung“, erklärt Tscherkassky. "Das ist der zentrale Begriff meines Films.“ Sein Leitmotiv hat er übrigens bei Roland Barthes gefunden. "Ist die erotischste Stelle eines Körpers nicht dort, wo die Kleidung klafft?“, schrieb dieser 1973 - und weiter: "Erotisch ist die Haut, die zwischen zwei Kleidungsstücken (der Hose, der Bluse) glänzt, zwischen zwei Säumen; dieses Glänzen selbst ist verführerisch, besser noch: die Inszenierung eines Auf- und Abblendens.“


Es geht auch um die Körperlichkeit des vom Untergang bedrohten 35mm-Filmmaterials

Tscherkasskys aktuelle Körper- und Verführungsbilder geben sich mit Auf- und Abblenden freilich nicht zufrieden: Sein irrlichternder Film vertraut auf komplexe analoge Techniken wie Solarisation, Positiv/Negativ-Wechsel und Vielfachbelichtungen. Und es geht, siehe Titel, auch um die Körperlichkeit des vom Untergang bedrohten 35mm-Filmmaterials. Das ist der "köstliche Körper“ des analogen Kinos: "The Exquisite Corpus“, phonetisch nah an der Leiche (corpse ) und am Cadavre exquis der Surrealisten, die einst Texte und Zeichnungen von jeweils mehreren Teilnehmern generieren ließen, wobei keiner wusste, was die anderen beisteuerten. Nun macht Tscherkassky alles andere als Zufallskunst, aber das Prinzip der synthetischen Komposition, des split screen , der geteilten Leinwand, auf der ungeahnte Zusammenhänge hergestellt werden, hat er genutzt.

Aus sehr verschiedenen Quellen ist "The Exquisite Corpus“ also gebaut, aus gefundenen, geschenkten, auf Flohmärkten erjagten, im Müll gefundenen Filmen: Die längsten Passagen sind einem (wahrscheinlich britischen) Nudistenfilm entnommen, der auf 35mm-Material vermutlich in den 1960er-Jahren gedreht wurde und "sich vormoderner Erzähltechniken bedient, also offensichtlich von Amateuren gefertigt wurde“, meint Tscherkassky. Dazu kommen ausgemusterte Werbefilmaufnahmen, dänische, französische und italienische Pornofilmfragmente aus den 1970er-Jahren, aber auch Splitter aus Ken Russells Sexthriller "China Blue“ (1984) und Tony Richardsons "Tom Jones“ (1963), über die er die Abdrücke von Laub-und Blütenteilen legt, in die er die Fasrigkeit von Obstnetzen und Häkeldeckchen webt.

Beraten von seiner Frau, der US-Filmemacherin Eve Heller, die selbst eine renommierte Found-Footage-Künstlerin ist, realisiert Tscherkassky seine Kinovisionen in monatelangen Arbeitsschüben in der hauseigenen Dunkelkammer in Enzersfeld. Als Warnruf versteht er sein Werk durchaus: "Ich führe vor, was verloren geht, wenn man auf analogen Film verzichtet. Denn in dieser Form, mit all den wunderbaren Fehlstellen und -funktionen, könnte kein digitales Programm meinen Film je nachbilden.“ Und er schürt die Schaulust: "Ich wollte vom sexuellen zum filmischen Körper zurückkommen - und auf die Liebe zum greifbaren analogen Film.“

So geht es bei Tscherkassky, der jedes dieser Bilder physisch berührt hat, in jedem Sinn ums Er- und Zugreifen; aber er zeigt dabei eine ganz ungreifbare, auch unbegreifliche Welt: Die Aufnahmen von Körpern und Gesichtern ziehen vorbei - und während man etwas erkennt, ist es schon wieder weg. Das ist eine genuin filmische Idee: Die bloße Illusion einer Bewegung vermittelt die schiere Wirklichkeit eines Gefühls.