Phänomen XY ungelöst: „Fang den Haider“

Haider auf den Schultern seiner Fans nach seiner Wahl zum FPÖ-Chef im September 1986.

Haider auf den Schultern seiner Fans nach seiner Wahl zum FPÖ-Chef im September 1986.

Die belgische Regisseurin Nathalie Borgers präsentierte auf der Diagonale die Weltpremiere ihrer Spurensuche im Dickicht der österreichischen Politik und Seele. Dank ihres distanzierten Blicks von außen, kommt ihr Dokumentarfilm „Fang den Haider“ dem „System Haider“ ein Stück näher. Das „Phänomen Haider“ bleibt aber weiterhin ungelöst.

Noch eine Haider-Doku? Hört das denn nie auf? Nein, wird es nicht; zumindest nicht so schnell. Und wer Gründe dafür sucht, braucht nur in die Zeitung zu schauen. Nein, nicht ins Archiv – in die aktuelle.

Haider füllt die Kinos

Am Donnerstag Abend feierte Nathalie Borgers Spurensuche „Fang den Haider“ in Graz Weltpremiere. Am selben Tag brachte Kärntens größte Tageszeitung eine zweiseitige Geschichte mit dem Titel: „So versenkte Haider Hypo-Millionen“. Nennen wir es Zufall. Das „System Haider“ beschäftigt nach wie vor Justiz und Politik, das „Phänomen Haider“ wiederum sorgt für volle Kinosäle. „Das lässt sich der Österreicher nicht entgehen“, meint eine Besucherin vor der Vorstellung. „Diesen Masochismus“, fügt ihre Begleiterin hinzu. Beidseitiges Lachen. Was bleibt einem auch anderes übrig?

FANG DEN HAIDER - Trailer

Man ist an diesem Abend zusammengekommen, um nach 90 Minuten dieses System und Phänomen vielleicht ein bisschen besser zu begreifen. Aber wohl auch, um sich zu fragen, was man selbst in diesen Jahren gemacht und wie man sie erlebt hat – aus sicherer Distanz. Und auch, um sich am Ende vielleicht denken zu können: „Vorbei mit der Buberlpartie und den Ortstaferl-Verrückern. Es kann nur besser werden.“ Am Ende überwiegt jedoch die Skepsis.


Am Ende überwiegt die Skepsis

Die belgische Regisseurin Borgers hat sie fast alle vor die Kamera bekommen: Haiders Mutter, Schwester, Mentorin, Schulterklopfer, Wegbegleiter, Beißhunde, Ergebene und Verehrer. Aus seinem engsten Umfeld fehlt einzig Haiders Frau. Borgers hält eine ruhige und angenehme Distanz zu ihren Protagonisten und Protagonistinnen, führt sie nicht vor, lässt sie aber auch nicht aus. Sehr viel Neues erfahren wir durch die Gespräche zwar nicht, alte Eindrücke, Geschichten und Ahnungen werden jedoch verschärft, erweitert, anders beleuchtet.

Haider, der verhinderte Schauspieler

Richtig spannend wird „Fang den Haider“ dann, wenn es in das Persönliche und Psychologische geht. So berichtet zum Beispiel Haiders Mutter davon, dass ihr Sohn immer Schauspieler werden wollte. Haiders Nachbarin wiederum ist doch tatsächlich nach wie vor überzeugt, dass Haider der einzige Politiker in Österreich war, der niemals zuerst an sich, sondern immer an seine Bürger dachte.


Zur eigenen Beruhigung möchte man ihr glauben

Was nimmt man daraus mit? Das „System Haider“ dürfte – auch wenn es noch Jahre dauern wird – aufgeklärt werden. Das „Phänomen Haider“ wird wohl nie ganz aufgelöst werden. Das ist beunruhigend – auch wenn Regisseurin Borgers ihr Publikum mit einem „Entspannt euch, und genießt den Film!“ in die Vorführung schickt. Am Ende der 90 Minuten versucht die Wahl-Wienerin mit den Beispielen Le Pen und Orban daraufhin zu weisen, dass das „System und Phänomen Haider“ kein Sonderfall in Europa ist. Zur eigenen Beruhigung möchte man ihr glauben. Allein, gelingen mag es nicht.

Samstag, 21. März, 21 Uhr, UCI Annenhof Saal 5
Ab 29. Mai im Kino