Philosoph Konrad Paul Liessmann: "Sich zudröhnen mit Wagner"

Konrad Paul Liessmann

Konrad Paul Liessmann

Konrad Paul Liessmann ist der Festredner der heurigen Salzburger Festspiele. Der Philosoph über dionysische Ekstasen, den Geldadel und Kunst als Machtinstrument.

INTERVIEW: ANGELIKA HAGER

profil: Wann sind Sie zum letzten Mal im Theater oder in der Oper eingeschlafen?
Konrad Paul Liessmann: Ich schlafe nicht ein.

profil: Würden Sie das auch unter Eid aussagen?
Liessmann: Wenn ich eine Operninszenierung sehr langweilig finde, kann es passieren, dass ich kurz die Augen schließe.

profil: Haben Sie schon einmal eine Aufführung verlassen?
Liessmann: Noch nie. Ich lese auch fast jedes Buch zu Ende.

profil: Mussten Sie als Kind auch immer aufessen?
Liessmann: Nein, überhaupt nicht. Ich bleibe aus Respekt vor den Menschen, die sich das alles für die Bühne ausgedacht haben, bis zum Schluss.

profil: Sie werden diese Woche die Festrede bei den Salzburger Festspielen halten. Beim Blick auf das dortige Publikum wird man den Eindruck nicht los, dass es oft mehr um den Eventcharakter, das Essen danach im "Goldenen Hirschen“, geht als um die dargebotene Kunst.
Liessmann: Schlimmer fände ich, wenn sie gleich ins Restaurant gingen. Aber dass Kultur auch der Selbstdarstellung und Repräsentation dient, ist doch nichts Neues. Im Zuge der Neofeudalisierung unserer Gesellschaft verstärken sich diese Aspekte. Ich war übrigens noch nie im "Goldenen Hirschen“.

profil: Ein Festspielbesuch in Salzburg gehört auch zur Statussymbolik einer bürgerlichen Schicht.
Liessmann: Was das Attribut "bürgerlich“ betrifft, widerspreche ich Ihnen. Zumindest die revolutionären Bürger des 18. und das Bildungsbürgertum des 19. Jahrhunderts wollten die feudale Repräsentationskunst durchbrechen und die Kunst um der Kunst willen feiern.


Wir verdanken die größten Kunstwerke des Abendlands unsympathischen Potentaten und eitlen Emporkömmlingen.

profil: Wer ist denn jetzt eigentlich diese Macht, die Ihrer Ansicht nach in Salzburg repräsentiert wird: die Landespolitiker, die Waschmittelmillionäre, die Oligarchen?
Liessmann: Ich bin kein Soziologe, das weiß ich nicht. Aber abgesehen davon kann ich mit dieser kleinbürgerlichen Dünkelhaftigkeit wenig anfangen, mit der eine selbst ernannte Bildungsschicht den Geldadel pauschal als ignorant aburteilt - nach dem Motto: "Wir sind zwar arm, aber dafür verstehen wir was von Kunst.“ Wir verdanken die größten Kunstwerke des Abendlands unsympathischen Potentaten und eitlen Emporkömmlingen. Denken wir an die Auftraggeber Mozarts oder an die Medici, die größten Bankiers der Renaissance. Als sie Geld genug hatten, gründeten sie eine philosophische Akademie und beauftragten Michelangelo.

profil: Die Medici hatten Geld, Bildung und Geschmack.
Liessmann: An dieser Kombination werden möglicherweise manche Oligarchen scheitern, aber man soll die Hoffnung nicht aufgeben. Aber natürlich kommen zuerst die Villen, die Autos, die Yachten die schönen Frauen, die Partys und erst dann der Gedanke, dass man Kunst sammeln und unterstützen kann.

profil: Salzburg ist ja vor allem ein Umschlagplatz der Klassikindustrie.
Liessmann: Das war bitte doch immer schon so in Salzburg. Dafür hat man auch schon Herbert von Karajan kritisiert. Ich bin froh, dass es überhaupt noch eine Klassikindustrie gibt.

profil: Kann ein Festival, in dem Repräsentation, Staatskultur und die Kulturindustrie so dominieren, überhaupt noch gefährlich, aufrührerisch, risikoreich und provokant sein?
Liessmann: Provokation allein ist auch keine Qualitätsgarantie. Und inzwischen sind doch die, die an Traditionen festhalten, eher die Außenseiter und Rebellen. Heutzutage provoziert doch schon jedes Stadttheater mit Geschlechtsverkehr und Nazis.

profil: Jetzt klingen Sie aber so konservativ wie der Schriftsteller Daniel Kehlmann, der den Kulturverfall in seiner Festrede am Regietheater festmachte.
Liessmann: Der Vorwurf, dass Salzburg ohne Provokationen auskommt und nur einen affirmativen Kunstgeschmack bedient, stimmt einfach nicht. Denken Sie an die Aufregungen um die "Don Giovanni“-Inszenierungen von Kušej oder Claus Guth.


Ich bin Wagnerianer. Vielleicht, weil ich auch Nietzscheaner bin. Das eine ist mit dem anderen eng verbunden.

profil: Das ist aber auch schon ewig her.
Liessmann: Einige Jährchen. Sternstunden gibt es eben nicht jede Woche. Die Polemik über die fehlenden künstlerischen Visionen ist so plakativ wie routiniert - so wie Bayreuth seit seiner Existenz in eine Krise geredet wird.

profil: Im Ernstfall: Salzburg oder Bayreuth?
Liessmann: Auch wenn das den Salzburgern möglicherweise nicht so gefällt: Ich bin Wagnerianer. Vielleicht, weil ich auch Nietzscheaner bin. Das eine ist mit dem anderen eng verbunden. Für Nietzsche hat die Kunst immer etwas Dionysisch-Rauschhaftes, sie hat die Funktion eines Narkotikums - weil Nietzsche der weisen Ansicht war, dass man ohne solche ästhetischen Ekstasen sein kümmerliches Dasein gar nicht ertragen könne. Es ist doch auch besser, sich mit einer Wagneroper zuzudröhnen als mit Alkohol.

profil: So bekommt der Kunstgenuss fast eine religiöse Komponente.
Liessmann: Ich würde sogar so weit gehen, zu behaupten, dass Kunst die Religion der Agnostiker ist.

profil: Könnte man auch behaupten, dass die Philosophie mit ihren Tugendkatalogen ein Religionsersatz für Agnostiker ist?
Liessmann: Ganz entschieden: Nein. Die Philosophie kennt keine rauschhaften Zustände. Sie glaubt nichts. Sie ist nicht Emotion, sie ist nicht Sex. Ihr einziges entscheidendes Kriterium ist die Vernunft.

profil: Und wo bleibt die Moral?
Liessmann: Sie ist eine Konsequenz der Vernunft, kein göttliches Gebot, aber auch kein Gefühl.

profil: Philosophie hat seit ein paar Jahren eine neue Bedeutung im öffentlichen Diskurs. Ob es um die Flüchtlingskrise oder die EU geht - anstelle von Psychologen und Soziologen übernehmen zunehmend Philosophen die Meinungskanzeln.
Liessmann: Möglicherweise ist die Gesellschaft der Psychologisierung bis zum Exzess müde geworden. Wenn man eine Beziehungskrise hat, läuft man neuerdings auch nicht mehr nur in die Therapie, sondern konsultiert eine philosophische Praxis.


Durch Livestreams konsumieren wir Nachrichten so schnell und direkt wie nie zuvor, dementsprechend schnell sind sie auch wieder vergessen.

profil: Wie kann mir Hegel oder Sokrates helfen, wenn ich Mordfantasien gegenüber meinem Partner entwickle?
Liessmann: Die Philosophen waren von Anbeginn an Weisheitslehrer. Tatsächlich haben in der Antike die Sophisten gut honorierte Beratungsgespräche angeboten. Man konnte sich also tatsächlich seinen Philosophen mieten. Sokrates selbst hat sich darüber lustig gemacht. Angesichts der um sich greifenden Beratungskultur ist es aber legitim, dass auch die Philosophen vor einiger Zeit auf diesen Zug aufgesprungen sind und sich jenseits des akademisch-wissenschaftlichen Wirkungskreises Betätigungsfelder suchen.

profil: Kommt dieses exzessive Bedürfnis nach Beratern, Therapeuten und Coaches nicht auch einer freiwilligen Selbstentmündigung gleich?
Liessmann: Natürlich. Auf diese Weise wird auch Verantwortung abgegeben. Philosophische Beratung will deshalb zur Eigenverantwortung zurückführen. Die philosophischen Praktiker müssen über eine solide philosophische Ausbildung verfügen. An der Universität Wien bieten wir deshalb - erstmalig im deutschen Sprachraum - neben dem Philosophiestudium einen zweijährigen Postgraduate-Lehrgang dafür an.

profil: Kann man Kindern mit Philosophie helfen?
Liessmann: Angeblich ja. Ich selbst habe mich nicht damit beschäftigt. Ich habe keine Kinder und kann mit Kindern auch nicht umgehen.

profil: Warum sind Eltern so beratungsbesessen?
Liessmann: Knappe Güter sind immer wertvoll. Späte Mittelschichteltern setzen dann ihre ganze Hoffnung auf dieses eine Kind, das in Zukunft auch noch genetisch optimiert werden wird. Gleichzeitig machen sich Abstiegsängste in der Mittelschicht breit - zu Recht. Denn diese Kindergeneration ist die erste, die den Lebensstatus ihrer Eltern nicht wird halten können.

profil: Sozialer Abstieg, die Terrorserie in Europa: Angst wird unser beherrschendes Gefühl bleiben.
Liessmann: Diese Ansicht teile ich nicht. Denn die Gefühle von Schock und das Unbehagen, die solche Ereignisse in uns hervorrufen, verflüchtigen sich auch sehr schnell wieder. Durch Livestreams konsumieren wir Nachrichten so schnell und direkt wie nie zuvor, dementsprechend schnell sind sie auch wieder vergessen.

profil: Werden Sie bei Ihrer Rede provozieren?
Liessmann: Ich bin weder ein Agent Provocateur noch der verlängerte Arm der Salzburger Festspiele. Aber ich werde laut über das Verhältnis von Kunst und Gesellschaft nachdenken.

profil: Ist dieser Ansatz nach den vielen Tragödien der vergangenen Wochen nicht ein wenig - ich bitte um Verzeihung - Marie-Antoinette-haft?
Liessmann: Diesen Aspekt werde ich auch thematisieren. Es gibt - nebenbei bemerkt - tatsächlich Parallelen zwischen der Aristokratie von damals und den Eliten von heute. Beide hatten und haben offenbar nur wenig Ahnung davon, was in den Menschen vorgeht.

profil: Und wer erfüllt heute die Rolle der Jakobiner?
Liessmann: Wahrscheinlich würden einige Hofer-Wähler diese Rolle gern spielen. Aber wie schon Marx anmerkte: Wenn, dann wiederholt sich Geschichte nur als Farce.

Zur Person

Am 28. Juli wird Konrad Liessmann, 63, im Rahmen der Eröffnung der Salzburger Festspiele eine Festrede zum Verhältnis Kunst und Gesellschaft halten. Der gebürtige Kärntner ist Professor an der Universität Wien für Philosophie, wissenschaftlicher Leiter des Philosophicum Lech und Autor zahlreicher Bücher. Am 26. September erscheint "Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist, Adam?“ (mit Michael Köhlmeier) bei Hanser.