Rainer Nikowitz' böser Kriminalroman "Altenteil"

Autor Rainer Nikowitz. Satire darf alles – auch in der Kriminalliteratur.

Autor Rainer Nikowitz. Satire darf alles – auch in der Kriminalliteratur.

Warum Menschen umbringen, die ohnehin bald sterben? Gernot Bauer über den dritten - und bösesten - Krimi von profil-Kolumnist Rainer Nikowitz.

Alljährlich verteilt der Österreichische Seniorenrat, als Dachverband der heimischen Pensionistenverbände, Lob und Tadel für öffentliche Beiträge über den Alltag der Älteren. Er tut das in Form einer Preisverleihung. Die Details dazu finden sich im Ausschreibungstext zum "Medienpreis Senioren-Rose/Senioren-Nessel": Mit einer "Rose" wird ausgezeichnet, wer die Lebensrealität der "aktiven, agilen und aufgeschlossenen älteren Menschen" positiv beschreibt; mit einer "Nessel" wird bestraft, wer das nicht tut beziehungsweise das Gegenteil davon.

Rainer Nikowitz ist kein Anwärter auf die "Senioren-Rose" 2018, für die "Senioren-Nessel" allerdings haushoher Favorit. Sein dritter Kriminalroman "Altenteil", den der profil-Haussatiriker dieser Tage vorlegt, spielt im Pensionistenheim "Sonne" am westlichen Stadtrand von Wien. Protagonist ist wieder der Suchanek, dessen Vornamen wir auch im dritten Band nicht erfahren. Der Suchanek ist mittlerweile 36, aber immer noch arbeits-, antriebs-und illusionslos; ein lethargischer Untergeher ohne Freundin und Kfz, aber mit einer Vorliebe für lustige Zigaretten, die ihm auch zum Verhängnis wird. Suchanek wird erwischt und wegen Besitzes von Marihuana angeklagt. Der Richter verdonnert ihn -Diversion! - zu 200 Stunden Sozialdienst im Altersheim. Dort bietet sich Suchanek und dem Leser ein Bild des Grauens (Nachmittagstanz! Schnabeltasse! Erwachsenenwindel! Senioren-Sauna!), für dessen Schilderung Nikowitz einen Nessel-Kranz verdient.

Im Heim "Sonne" wohnen einerseits Senioren, die altersgemäß "noch nicht ganz tot, aber schon weitgehend bewegungsunfähig und verstummt" sind; andererseits solche, die noch aktiv, agil und aufgeschlossen sind und auch im Alter Freuden frönen, die einer der bewegungsunfähigen Insassen neidbedingt so schildert: "Ist ja ekelhaft! Zwei schlaffe Faltensäcke reiben ihre Krampfadern aneinander?"

Der Alltag ist grau im Altersheim "Sonne" mit "Hochnebel bis Ende März" und Krankenschwestern mit der "Ausstrahlung eines Regentages im November" . Jeden Sonntag, dem "Erbschleichertag" , kommt die Verwandtschaft auf Besuch, um zu verhindern, dass Oma ihren Besitz dem Tierschutzhaus vermacht. Über allem schweben der nahe Tod und die Erkenntnis, dass im Herbst des Lebens "nichts mehr von Dauer ist, außer die Sitzungen am Klo oder das Zehennägelschneiden".
Suchaneks Plan ist klar. Er will den verordneten Sozialdienst möglichst rasch und möglichst ohne Sozialkontakte abdienen. Doch dann gibt es eine Leiche, und ausgerechnet der Suchanek findet sie. Tote sind nicht ungewöhnlich in einem Altersheim; bloß dass der Tote nicht an einem Schlag- oder Herzanfall starb, sondern ermordet wurde. Noch dazu auf so grausame Art, dass es an dieser Stelle aus Furcht vor dem Presserat nicht geschildert werden kann.

Nach dem zweiten Mord beginnt Suchanek aus gutem Grund, die Sache persönlich zu nehmen, und startet unter Einsatz seiner Gesundheit Parallelrecherchen, von denen die ermittelnde Polizei nichts wissen darf. Unterstützung erhält er dabei vom Grasel, seinem Jugendfreund und langjährigen Marihuana-Lieferanten, und von Gottfried Renner, dem bösartigsten aller Heimbewohner, der halsabwärts gelähmt vom Krankenbett aus mit Suchanek um die Wette kombiniert. Im Mittelpunkt ihrer Überlegungen steht eine naheliegende Frage: "Wer bringt denn bitte Leute um, die sowieso bald von selber sterben?" Steckt hinter den Morden Hass, Eifersucht, Geldgier oder am Ende eine Fehde zwischen den konkurrierenden Listen des Bewohnerbeirates im Haus "Sonne"? Und was, wenn der Mörder im Heimpersonal zu finden ist? Und warum werden die Opfer nicht human erschossen, sondern mit Methoden gequält, gegen die sich Waterboarding wie Kuschelfolter ausnimmt.

Wie in den ersten Suchanek-Bänden "Volksfest" (2012) und "Nachtmahl" (2014) beweist Nikowitz auch in "Altenteil", dass sein Humor ziemlich böse sein kann. Den Grundsatz, dass Satire alles darf, hat er auf das Krimi-Genre ausgeweitet. Das fortschreitende Alter, das weder die Bewohner des Seniorenheims "Sonne" noch Nikowitz (53) verschont, macht ihn dabei nicht milder - aber auch nicht grantiger. Wenn Nikowitz im gewohnten Intervall noch zwei, drei Suchanek-Bände nachschießt, wird man ihn bald als "funny old Man" der österreichischen Kriminalliteratur bezeichnen dürfen. Einer Berufung in die Jury des Medienpreises des Österreichischen Seniorenrates steht dann nichts mehr im Wege.

Rainer Nikowitz: Altenteil. 315 Seiten, Rowohlt, 15,50 Euro