Rezension: Paul Poets rauer Bekenntnisfilm "My Talk with Florence"

Florence Burnier-Bauer

Florence Burnier-Bauer

Lebensbericht einer vom Schicksal nicht Begünstigten, einer Überlebenden: Die Künstlerin Florence Burnier-Bauer, einst Kommunardin am Friedrichshof bei Otto Mühl, schildert mit entwaffnender Offenheit und ohne jeden Anflug von Selbstmitleid, was ihr (nicht nur dort) angetan wurde.

Der Dokumentarist Paul Poet konzentriert sich in „My Talk With Florence“ gute zwei Stunden lang auf nichts als ein Gesicht, eine Gestalt und ihre Worte. 2008 wurde das Gespräch, das dieser Film festhält, bereits geführt – und Teile dieses Materials schon vor Jahren in anderen, installativ-theatralen Zusammenhängen ausgestellt. Aber erst im Kino gewinnen Burniers Monologe nun ihre eigentliche Dringlichkeit, erst in der langen Form ungeschnittener Zeitblöcke entwickelt sich das ganz reale Grauen, auf das diese Erzählungen sich beziehen.

Leben in einer Künstlerdiktatur

Poets Protagonistin gibt mit nachvollziehbarer Wut und erstaunlicher Selbstdistanz die Dinge wieder, die sie erlebt hat; die Verhältnisse haben sie gehärtet, ihre Reflexionsfähigkeit und Eloquenz dabei nicht geschmälert. Die gebürtige Pariserin, zum Zeitpunkt des Interviews Ende 50, spricht mit stark französischem Akzent von der Ohnmacht, von den Misshandlungen und den sexuellen Übergriffen, denen sie bereits als Kind ausgesetzt war, vom Leben auf der Straße, als Teenager, der seine Rebellion lebte, aber in Drogen, Einbrüchen und Prostitution sich zu verlieren drohte – und von den drei Kindern, die sie gleichsam nebenbei bekam. Im Nordburgenland, in Otto Mühls erweiterter „Familie“, suchte sie um 1980 (vor allem für ihre Kinder) Schutz und geriet in eine Künstlerdiktatur mit strikter Hierarchie, Familientrennung und Sexzwang, in der sie erneut missbraucht, geschlagen und traumatisiert wurde. In der, schlimmer noch, bald auch ihre halbwüchsige Tochter zur Gejagten wurde.

MY TALK WITH FLORENCE - Trailer

Zehn Jahre lang lebte sie in Mühls Kommune, ehe sie den Absprung schaffte: Ihre sehr ausführlichen Detaileinblicke ins Kommunenleben gehen über das viele bereits Bekannte teilweise noch hinaus. Burniers Erzählstrom reißt mit, was auch an der sehr rohen, bewusst „formlos“ belassenen filmischen Struktur liegt. Ein depressiver Film ist das trotz allem nicht geworden; dazu ist die Frau im Zentrum schlicht zu weltoffen, zu neugierig – und dazu bemüht sie auch zu gern ihren sehr intakten Galgenhumor.