Film

„Saltburn“: Wie wunderbar, wenn Reiche sterben

Wenn die Schönen und Reichen leiden, dann macht das etwas mit uns. Beim neuen Spielfilm „Saltburn“ von Emerald Fennell ist das nicht anders. Achtung, Spoiler!
Eva  Sager

Von Eva Sager

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Badewanne, Vampir, Grab. Wenn man „Saltburn“ gerade gesehen hat, dann will man zwangsläufig als erstes darüber reden. Badewanne, Vampir, Grab. Wenn Sie ehrlich sind und die vieldiskutierte Komödie in den letzten zwei Wochen gestreamt haben, dann sind auch Sie nur deswegen hier. Badewanne, Vampir, Grab. Und wenn Sie es noch vor sich haben, dann freuen Sie sich darauf. Badewanne, Vampir, Grab.

Aber von vorne. Am 22. Dezember 2023 hat Amazon Prime „Saltburn“ veröffentlicht, im November lief der Film im Vereinigten Königreich bereits in den Kinos. Es geht um Oliver (Barry Keoghan), einen armen Oxford-Studenten, irgendwann um 2006. An der Universität hat er kaum Freunde, seine Kommilitoninnen und Kommilitonen würdigen ihn keines Blickes, dazu kommt die tragische Geschichte mit seinen drogensüchtigen Eltern. Das alles ändert sich, als der reiche, äußerst schöne Aristokrat Felix (Jacob Elordi) in sein Leben tritt. Über die Sommerferien will ihn dieser gleich mit zu sich nach Hause nehmen, zu seiner Familie auf das Schloss Saltburn. Das hat Folgen, denn am Ende des Films sind fast alle bis auf Oliver tot.

Es stellt sich heraus, Oliver ist gar nicht der liebenswürdige, tragische Held, für den ihn alle halten und die exzentrischen Schlossbesitzer gar nicht so selbstlos, wie sie sich geben. Denn während ersterer seine traurige Herkunft nur erfunden hat, haben ihn Felix und seine Familie vor allem eingeladen, um sich in seinem vermeintlichen Leid zu suhlen. Blöd nur, dass sie sich mit diesem Vorhaben einen waschechten Psychopaten ins Haus geholt haben. In seiner Obsession trinkt er nicht nur das Badewasser (samt Ejakulat) von Felix – Erinnerung: Badewanne – sondern manipuliert und tötet alle Familienmitglieder, um Saltburn am Ende selbst zu erben.

Das kennen wir grundsätzlich ja schon. Die Idee, die Reichen und Schönen in Filmen für ihr Reich und Schönsein zu bestrafen, ist in den letzten Jahren besonders populär geworden. In „The Menu“ (2022) werden sie samt Luxusrestaurant in die Luft gesprengt, in der Reichen-Satire „The White Lotus“ (seit 2021) depressiv oder ermordet (seit 2021), in „Triangle of Sadness“ (2022) kentert ihre Urlaubs-Yacht. Andere Beispiele: „Glass Onion“ (2022), „Parasite“ (2019) und „Succession“ (2018 bis 2023). 

Scheinbar macht es gute Laune, wenn die gesellschaftlich Privilegierten vor den Augen der Allgemeinheit gedemütigt werden. Joachim Schätz arbeitet am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien und sagte dazu in einem Interview mit der Wiener Zeitung: „Einerseits gibt es diese hämische Freude, wenn die Privilegierten bestraft und Hochstatus-Figuren erniedrigt werden. Gleichzeitig sind diese Serien und Filme ein visuelles Mitgenießen an den Luxuswelten der Reichen, an denen wir sonst nicht teilhaben dürfen. Das steht in einem besonders seltsamen Verhältnis zueinander.“ Das Eat-the-Rich-Genre eröffnet also eine Art unmögliche Lösung für real-weltliche Konflikte, quasi die symbolische Rache an den Superreichen und lässt einen gleichzeitig hinter die Fassade blicken.

Bei „Saltburn“ ist das nicht anders. Man darf sich am spektakulären Schlossbesitz satt sehen, an der exaltierten Inneneinrichtung, den Marmorbüsten mit bunten Hüten, den diamantenen Lüstern, den schönen Menschen, und gleichzeitig beim Untergang der schrecklich maßlosen Schloss-Eigentümer dabei sein. Die Thriller-Komödie macht es sich dabei aber nicht so einfach wie andere – denn bei „Saltburn“ ist jeder schlecht, es gibt keine Guten. Alle lügen und blenden, jeder ist sich selbst der nächste. Man kann also weder mit Felix mitfiebern, der reichen Lichtgestalt, noch mit Oliver, der seinen scheinbaren Freund nicht nur ermordet, sondern anschließend – Achtung, Grabszene – noch auf seine Begräbnisstätte masturbiert. 

Der britischen Regisseurin Emerald Fennell (38), Sie kennen sie vielleicht von „Promising Young Woman“, gelingt es dabei trotzdem, jede Einstellung, egal wie verstörend, außerordentlich ästhetisch zu drehen. „Aesthetically pleasing“ nennt man das auf Social-Media-Plattformen. Das bedeutet so viel wie „ästhetisch ansprechend“. Beinahe jeden Frame aus „Saltburn“ könnte man einrahmen, sogar das Chaos, beispielsweise der zugemüllte Schloss-Rasen nach einer Gartenparty, ist stilvoll und feinsinnig inszeniert. Und wahrscheinlich ist genau das Teil einer gewissen Ironie. Schließlich sagt eine der Hauptfiguren einmal: „I have a complete and utter horror of ugliness.“ Fast so wie das Publikum, das über den eigentlichen Plot gerne hinweg sieht, solange alles daran hübsch aussieht. 

 

Eva  Sager

Eva Sager

schreibt über Gesellschaft und Gegenwart.