Birgit Minichmayr (ganz re.), neben ihr Lotte Shirin Keiling und Regisseurin Sandra Wollner (3. v. re.); ganz links: Schauspieler Tristan Lopez, neben ihm seine Kolleginnen Esja Wendel und Carla Huttermann - das Ensemble des Films "Everytime" in Cannes, 18. Mai 2026
Überraschung in Cannes: Sandra Wollner und Birgit Minichmayr trumpfen auf
Nichts und niemand ist in diesem Film sicher: In „Everytime", der dritten Regiearbeit der in Berlin lebenden Österreicherin Sandra Wollner („The Trouble with Being Born"), gerät man unversehens in ein Labyrinth, in eine existenzialistische Vision, die von einer Familie und einem tragischen Verlust erzählt. Von der Trauer um ein tödlich verunfalltes Kind geht dieser Film aus, und er hüllt sich anfangs trügerisch in den sozialen Naturalismus einer Milieu- und Alltagsstudie: Die – von Birgit Minichmayr leise, dabei umso nachdrücklicher verkörperte – alleinerziehende Mutter zweier Töchter schlägt sich pragmatisch durchs gemeinsame Leben; es ist Sommer, die Kinder sind anstrengend und kaum von den Handys wegzubringen, die Wohnung zu eng für drei Menschen und all die jugendlichen Gäste, die hier ein und aus gehen.
Die Schauspielerin Carla Hüttermann in einer Szene aus „Everytime"
Aber der Einstieg in diese Erzählung täuscht, denn als eine der Töchter von einem nächtlichen Clubbing nicht mehr heimkehrt, schneidet dies nicht nur traumatisch in das Leben der Hinterbliebenen, sondern auch in die Form des Films, der sich ab da höchst subtil, Schritt für Schritt in eine hyperrealistische Fabel schraubt, in eine Art Fiebertraum, in dem Zeit und Raum ausgehebelt werden.
Fast versteckt, verborgen in den sonst eher ästhetischem Mittelmaß vorbehaltenen Zonen des Nebenprogramms Un certain regard, kam Montagmittag, am siebenten Spieltag des Festivals, mit „Everytime" eines der zweifellos herausragenden Werke der diesjährigen Filmfestspiele in Cannes zur Uraufführung: Die minutenlangen Ovation im vollbesetzten Salle Debussy des Festivalpalais nach der Premiere zeigten, dass die Genauigkeit und Kühnheit dieser Inszenierung nicht unbemerkt geblieben waren.
Denn Sandra Wollner ist nicht nur eine virtuose Story- und Atmosphären-Konstrukteurin, der schleichende Horror, auf den sie zielt, ergibt sich auch aus den unkonventionellen akustischen Manövern, die sie wählt: Das irritierende Sound-Design, die zarten Realismusbrüche und die oft gegenläufige Musik gehören hier mit zum Spiel. Die Intensität dieser außergewöhnlichen Studie von Trauer, Angst, Zusammenhalt und (narrativen) Möglichkeitswegen wächst im mysteriösen Finale, das in einer Apartment-Anlage in Teneriffa spielt, über sich selbst hinaus.
Die Zeiten kippen ineinander, Bilder aus der Vergangenheit brennen sich wie im Drogenrausch in die Gegenwart, und die herandrängenden Nachrichten aus der Zukunft können die Hergänge nicht letztgültig klären. Wirklichkeit und Imagination halten ihre Balance, das Tatsächliche zerschellt in der Meeresbrandung, an den Klippen der Poesie. Gegen Ende dieser so suggestiven Erzählung feuert ein Kind eine Leuchtrakete übers Meer in Richtung der Abendsonne – und hält damit ihren Untergang auf, während eine großangelegte Suchaktion nach zwei abgängigen Kindern fahndet.
Am Himmel eine quadratische Abendsonne: Szene aus dem psychedelischen Finale in "Everytime"
So habe er sich den Spielfilm der Zukunft vorgestellt, sagte der Avantgardist Ferry Radax einst über sein mit dem Dichter Konrad Bayer zusammen hergestelltes Werk „Sonne halt!" (1959/69) – „aufs Essenzielle komprimiert, überreale Thematik und von Dauerhaftigkeit." Sandra Wollners hochkonzentrierter, psychedelischer und lange nachhallender Trauerfilm „Everytime" löst diesen Anspruch mit größter Souveränität ein.