Nur nicht ausruhen: Die Schauspielvirtuosin Maria Hofstätter

Maria Hofstätter ist Österreichs mutigste Schauspielerin. Begegnung mit einer begnadet Unprätentiösen.

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Mit dieser Frau legt man sich besser nicht an. Die Häftlinge, die sie unterrichtet, hat sie spielend im Griff. Aus der Fassung lässt sie sich grundsätzlich nicht bringen, weder von jugendlichen Gewalttätern noch von feindseligen Justizwachebeamten. Die Schauspielerin Maria Hofstätter stellt in Arman T. Riahis Film "Fuchs im Bau" sehr lakonisch eine Gefängnispädagogin dar, die einen Assistenzlehrer (Aleksandar Petrović) zur Seite gestellt bekommt, um den sie nicht gebeten hat. Sie bemüht sich trotzdem, ihn einzuarbeiten. Aber gegen die anarchische Energie (und Antipathie) der Inhaftierten muss sich der fremdelnde Fuchs erst einmal durchsetzen.

Die Herzlichkeit, mit der einem Maria Hofstätter, 57, im wirklichen Leben begegnet, ist mit den hasserfüllten oder manischen Figuren, die sie im Kino (etwa in den Filmen Ulrich Seidls) bisweilen spielt, nicht leicht in Einklang zu bringen. Mit den Narzissmus-Klischees ihres Berufs sowieso nicht: Eitelkeit, Rampensucht und Selbstüberschätzung sind ihr fremd. Interviews gibt sie ungern, aber nur, weil sie sich selbst, übrigens grundlos, dafür ungeeignet, rhetorisch zu wenig versiert findet. Dabei gibt die Künstlerin mit sympathischer Geradlinigkeit über sich und ihr Metier Auskunft, weiß aus erster Hand über Österreichs Film-, TV- und Off-Theaterszene zu berichten.

In der Meierei im Wiener Türkenschanzpark, wo das profil-Gespräch stattfindet, denkt sie zunächst aber über die hartgesottene, dennoch empathische Lehrerin nach, die sie in "Fuchs im Bau" spielt. Die Figur basiert auf einem realen männlichen Vorbild: Wolfgang Riebniger hat als Pädagoge 35 Jahre lang jugendliche Gefangene begleitet. Er prüfte die Inszenierung auf Glaubwürdigkeit und Realismus. Riebniger habe "ganz unverstellt" unterrichtet, "nicht nur lieblich", sagt Hofstätter. Er habe von den Kids Respekt eingefordert, wie "ein Löwe" für die Kinder gekämpft. So entwickelte sich Vertrauen. Insofern war Riebniger für mich schon ein Role Model." Es wäre "zu einfach gestrickt gewesen", wenn sie ihre Lehrerin "als liebe Ersatz-Mama" gespielt hätte. "So läuft das hinter Gittern nicht."


Die Tatsache, dass man in Österreich bereits 14-Jährige als haftfähig einstuft, macht Maria Hofstätter fassungslos. Aber schon deshalb seien Gefängnisschulen eben nötig: Schulpflichtige Kinder in U-Haft brauchen Unterricht - und eine Möglichkeit, wenigstens für ein paar Stunden aus ihren Zellen zu kommen. "Es war klar, das wird ein zeitaufwendiges Filmprojekt. Da reichen zwei Leseproben nicht." So stürzte sich Hofstätter in die Recherche, versuchte die Bedingungen des Strafvollzugs zu verstehen, das Verhältnis zwischen Gefängnisbürokratie und Schulalltag zu ergründen. "Arman, Aleksandar und ich besuchten immer wieder jugendliche Häftlinge; wir durften dem Unterricht zusehen, mit den Kindern Kontakt aufnehmen. Die Atmosphäre ist eigenartig, diese ständige Geräuschkulisse aus Schreien und zuschlagenden Türen." Man müsse schon etwas sehr Spezielles mitbringen, um sich dieser Art der Sonderpädagogik zu widmen. "Man muss Distanz wahren können, vor allem aber auch: Herz haben." Riebniger hat vieles durchgesetzt, was davor als zu riskant galt: Er nahm seine Schützlinge etwa kurzerhand in die Gefängnisküche mit, obwohl dort Messer herumlagen. Guter Unterricht ist eben auch Vertrauenssache. Mit dem Sozialdrama "Fuchs im Bau" wird am Dienstag dieser Woche die Diagonale, das österreichische Filmfestival in Graz, eröffnet; Hofstätter gibt der Erzählung ein Zentrum, erdet sie, lässt über manch dick Aufgetragenes hinwegsehen.


Als Autodidaktin kam die Oberösterreicherin in den 1980er-Jahren sehr zufällig zum Theater; nach einer Kindheit am Bauernhof hatte sie das Gymnasium in Linz besucht und dort Leute kennengelernt, die Kabarett machten. Man spielte in Gemeinde-und Pfarrsälen, als Gage gab es zu essen und zu trinken. Dabei wäre sie auf die Idee, sich auf die Bühne zu stellen, anfangs "nicht einmal im Traum gekommen. Aber plötzlich war da ein Ventil, man konnte seiner Wut und seinen Gefühlen freien Lauf lassen - und es hörte einem auch noch jemand zu. Das war eine Befreiung. Irgendwann realisierte ich, dass ich Schauspielerin war. Ich entschied mich für die Bühne, aber gegen das Kabarett." Auf das Komische wollte sie sich nicht festlegen lassen.

Seit 1995 leitet sie das Projekttheater Vorarlberg, und auch wenn sie das freie Produzieren als "Knochenarbeit" bezeichnet, realisierte sie doch einige Bühnenwerke - eine Variation von Werner Schwabs "Die Präsidentinnen" oder auch Tracy Letts' "Killer Joe" -, die ihr genauso wichtig seien wie ihre größten Filmerfolge. Das Loblied auf künstlerische Intimität stimmt Hofstätter gerne an. "Große Bühnen brauche ich nicht, die könnte ich gar nicht bespielen. Aber mir würde das Live-Erlebnis abgehen, wenn ich nur drehen würde. Und ich freue mich dann auch wieder auf das zurückgenommene Spiel vor der Kamera."


Vor 20 Jahren kam der Quantensprung in Hofstätters Laufbahn, zugleich ihre erste größere Dreherfahrung. Als verhaltensauffällige Autostopperin in Ulrich Seidls "Hundstage" gelang ihr 2001 ein Meilenstein, eine Demonstration ihrer immensen Improvisationsfähigkeit. Seither macht sie Theater (zuletzt: "Foxfinder", 2018), Kino ("Import Export", "Paradies: Glaube", "Ugly", "Cops") und Fernsehprojekte wie "Braunschlag" (2012); diese Woche beginnt sie mit den Dreharbeiten an einem weiteren ORF-"Landkrimi", er wird in Oberösterreich und Tschechien entstehen. In ihrer Projektwahl erweist sie sich insgesamt als eher zurückhaltend. "Karriere? Was ist das eigentlich genau? Ich mag es einfach nicht, mehrere Sachen parallel erarbeiten zu müssen. Das überfordert mich. Ich will Ruhe haben, wenn ich eine Rolle ins Auge fasse." Sie hat selbstverständlich kein Problem damit, "ganz kleine Rollen zu spielen". Nur schämen will sie sich für die Filme nicht, in denen sie auftritt.


Ihre Arbeit sei nur "persönlich" denkbar, sagt sie noch. Auch wenn sie sich von sich selbst ganz gerne eine Auszeit nimmt: "Mir reicht es schon, 24 Stunden lang täglich Maria Hofstätter zu sein. Ich bin froh, wenn ich zwischendurch eine andere sein darf. Aber egal, was man spielt: Es ist immer dein Körper, deine Stimme. Insofern hat jede Rolle etwas mit mir zu tun; man ist das Medium, durch das eine Figur geht." Die liebsten Rollen sind ihr die unvertrauten, zugleich befürchtet sie oft, "falsch besetzt zu sein".Aber es sei "einfach spannender so. Ich bin dann, egal ob ich einen Film drehe oder Theater spiele, meist nervös und sehr angespannt, rauche viel zu viel."

Ihre Selbstzweifel sind chronisch, aber sie lebt mit ihnen inzwischen ganz gut. Ihre Bescheidenheit ist offenbar auch eine Art Schutzwand, die sie vor Hoch- und Übermut bewahrt. "Wenn mir etwas gelungen sein sollte, hilft mir das beim nächsten Projekt ja auch nichts. "Maria Hofstätter könnte sich auf dem Diwan ihrer unnachahmlichen Menschendarstellungskunst längst ausruhen. Gut, dass sie es nicht tut.

Stefan   Grissemann

Stefan Grissemann

leitet seit 2002 das Kulturressort des profil. Freut sich über befremdliche Kunst, anstrengende Musik und waghalsige Filme.