Sebastian Schippers Steadycam-Experiment „Victoria“

Sebastian Schippers Steadycam-Experiment „Victoria“

In einem Atemzug: „Victoria“ ist ein nervöses Bankraub-Drama.

Aus dem künstlichen Licht kommt dieser Film, mit dem spätnächtlichen Stroboskopgewitter in einem Berliner Club startet er seinen Lauf. Kurz nach sechs Uhr früh, im kalten Licht eines neuen Tages wird er enden – von der Euphorie ins Melodram.

VICTORIA | Trailer

Sebastian Schippers „Victoria“ (Kinostart: 26. Juni), im Februar ausgezeichnet mit dem Silbernen Bären der Berlinale, ist ein One-Take-Movie, eine ohne jeden Schnitt gedrehte 133-minütige Erzählung. Dieses technisch-logistische Unterfangen ist nicht ganz so originell, wie es klingen mag: Altmeister Alfred Hitchcock baute seinen Salon-Krimi „Rope“ („Cocktail für eine Leiche“) schon 1948 aus zehn – zwischen viereinhalb und zehn Minuten langen – Einstellungen so zusammen, dass sich die Illusion eines ungeschnittenen Bilderflusses ergab. Regisseur Alexander Sokurov drehte 2002 mit „Russian Ark“ einen kontinuierlichen Steadycam-Film, und Kollege Mike Figgis legte mit „Timecode“ 1999 eine aus sogar vier zugleich auf der Leinwand gezeigten 90-Minuten-Einstellungen komponierte Arbeit vor.


Der Plot selbst ist konventioneller geraten als seine Präsentation

„Victoria“ ist dennoch ein rarer Fall: Immerhin dürfte noch nie zuvor jemand einen derart langen, auf fast zwei Dutzend Schauplätze verteilten Film ohne Schnitt ins Auge gefasst haben.
Die Spanierin Laia Costa agiert in der Titelrolle, als junge Abenteurerin, die nachts zufällig an vier Fremde gerät, an eine Gang, die Zwielichtiges im Schilde führt. Der norwegische Kameramann Sturla Brandth Grøvlen produziert soghafte Bilder, die ihren forcierten Charakter aber nie ganz ablegen können: Der unbändige Stolz auf den produktiven Irrsinn ist dem Projekt „Victoria“ doch anzumerken. Der Plot selbst ist konventioneller geraten als seine Präsentation: ein Banküberfallsdrama mit tödlichen Folgen, das in seiner Gefühls- und Spannungs-Dauerintensität auch anstrengend erscheint.


Der Mensch reagiert ohnehin mit seinem ganz eigenen Schnittprogramm: dem Lidschlag

So macht sich der leise Widersinn eines Films mit ungebrochenem Zeitlauf bald bemerkbar: Das improvisierte Spiel der Körper und Bewegungen in Echtzeit und auf ständig wechselnden Realschauplatz-Bühnen gewinnt eine fast theatralische Qualität. Denn das Kino bleibt trotz allem eine Kunst des Hin- und Wegsehens, der Puls der Bilder eine Bedingung ihres Wirkens. Auf das starre, stets weit geöffnete Auge der digitalen Kamera reagiert der Mensch ohnehin mit seinem ganz eigenen Schnittprogramm: dem Lidschlag.