Shape of Water: Ode an die Träumer

Shape of Water: Ode an die Träumer

Der mexikanische Kinovisionär Guillermo del Toro macht aus trivialen Ideen edelste Fantasy-Kunst. Stefan Grissemann über das Cold-War-Märchen "The Shape of Water", in dem Horror, Liebe und Politik verschmelzen.

Dieser Text erschien erstmals im profil Nr. 07 / 2018 vom 12.02.2018.

Die Verwandlungen, die sich dieser Film zutraut, müssten, wenn es hier mit rechten Dingen zuginge, hochgradig beunruhigend erscheinen. Von der Tragikomödie zweier einsamer Herzen kippt er unversehens in eine Fantasy-Romanze und weiter in ein Soziopathendrama, stürzt von einer historischen Nahaufnahme des Kalten Krieges in die entpolitisierte Form eines Musicals und vom Noir- Thriller in ein Monster-Movie. Unwahrscheinlich, dass aus einer derart eklektischen Rezeptur ein Film entstehen kann, der am Ende doch wie aus einem Guss wirkt, der Gefühl und Verstand mobilisiert, indem er an die Kraft der Imagination appelliert. Glücklicherweise hat "The Shape of Water" für Wahrscheinlichkeitsrechnungen kein Interesse, für bloße Vernunft keine Verwendung und für mehrheitsfähigen Realismus keinen Sinn. So präsentiert sich diese Erzählung, bei aller Spannung, vor allem surreal-entrückt -und legt doch großen Wert auf die innere Verbindung von Kampfgeist und Grazie.

Den Geist der Utopie erfasst nicht der brave Weltverbesserer, sondern nur der radikale Träumer, der es wagt, in dem, was andere für Wahn und Aberwitz halten, die fremde Schönheit zu entdecken. Traum und Wirklichkeit krachen in Guillermo del Toros zehntem Kinofilm entsprechend heftig aufeinander -und zwar von Anfang an: Die Hauptdarstellerin schwebt schon im delirierenden Prolog wie eine schlafende Königin über ihrer Couch, zwischen den Sesseln, Lampen und Tischen ihrer Wohnung, die alle wie unter Wasser sanft durch den Raum gleiten. So lernen wir die spleenige Eliza kennen, eine allein lebende, nicht mehr ganz junge Frau, die zwar hören, aber nicht sprechen kann, unnachahmlich dargestellt von der Britin Sally Hawkins.

Baltimore 1962. Der Kalte Krieg hat die Welt im Griff. Eliza, die als Reinigungskraft ihr Geld verdient, entdeckt an ihrem Arbeitsplatz, der Hochsicherheitszone eines geheimen Labors der US-Regierung, in einem Wassertank Atemberaubendes: Ein Amphibienwesen, halb Mensch, halb Tier, angeblich aus Südamerika importiert, wird dort gefangen gehalten -und es soll aus Forschungsgründen, wie Eliza in Erfahrung bringt, demnächst lebendig seziert werden. Die Frau befreit mithilfe ihrer beiden einzigen Freunde, des melancholischen Nachbarn Giles (Richard Jenkins) und ihrer Kollegin Zelda (Octavia Spencer), das zutrauliche Alien, in das sie sich verliebt hat, um es bei sich nach Hause - in der Badewanne! - zu verstecken, verfolgt allerdings von einem brutalen Militäragenten (Michael Shannon), der auftragsgemäß alles daransetzt, den Entflohenen zu töten. Inmitten eines eskalierenden Spionagespiels, in dem russische Doppelagenten an amerikanische Rassisten geraten, beginnen sich Politisches und Privates, Historisches und Fantasiertes auf unerhörte (und bildschöne) Weise zu vermischen. "The Shape of Water" ist in den Farben des Meeres, in Cyan und Smaragdgrün, inszeniert, und der Film hält, wie von innen glühend, zwei Stunden lang souverän die Balance zwischen Comics-Logik und Real-Menschendrama.

Oscar-Triumph für "The Shape of Water"

Von seinem nerdigen Äußeren sollte man sich jedenfalls nicht täuschen lassen: Der Regisseur, Produzent und Romancier Guillermo del Toro, 53, ist, was das Kino betrifft, zu allem fähig. Die Kernfusion von visueller Anmut und dynamischem Zugriff ist bereits seit "Cronos", seinem Debüt in den frühen 1990er-Jahren, das Spezialgebiet des cinephilen Enthusiasten. Mit seiner Zuneigung zur Welt der Monster hat del Toro in Filmen wie "Hellboy" (2004),"Pans Labyrinth" (2006) und "Crimson Peak" (2015) den Fundamental-Katholizismus seiner Kindheit exorziert. Die Kunst sieht er als eine der Religion ebenbürtige Parallelgewalt des Transzendentalismus, und nur in den Märchen könne man sich einen direkten Zugang zur Wahrheit verschaffen, hat del Toro erklärt.

Seine Filme sind Kundgebungen gegen den Autoritarismus des Blockbuster-Kinos, aber auch gegen die selbstgefällige Esoterik des Arthouse-Betriebs. Die Kunst des Guillermo del Toro, die sich seit einigen Jahren auch in Fernsehserien wie "The Strain" oder "Trollhunters" entlädt, ist bei aller technischen Faszination stets rigoros demokratisch und konstruktiv gedacht - ohne totalitäre Fantasien und brachiale Vernichtungsorgien. Seit seiner frühen Konfrontation mit den kontrollsüchtigen Weinstein-Brüdern, die 1997 in sein Filmprojekt "Mimic" destruktiv eingriffen, hegt del Toro, geboren im mexikanischen Guadalajara, ein berechtigtes Misstrauen gegen Hollywood. Trotzdem ist er, allerspätestens mit "The Shape of Water", nun ebendort, im Zenit der US-Unterhaltungsindustrie, angekommen. Der Preisregen, der über "The Shape of Water" seit der Weltpremiere in Venedig im vergangenen September niedergeht, hat nach zwei Golden Globes nun auch dazu geführt, dass der Film bei der in drei Wochen stattfindenden 90. Oscar-Gala mit 13 Nominierungen als haushoher Favorit ins Rennen gehen wird.

Und lange hat man dort keinen so substanziellen Film in der Pole-Position mehr gesehen. Guillermo del Toro zeichnet ein gesellschaftliches Bild, das weit über die Grenzen der Genres, die er durchaus - und höchst kompetent - auch bedient, hinausgeht. Er reichert seinen Hauptplot mit Nebendramen an, in denen die sozialen Mechanismen von Rassismus und Homophobie einer kritischen Neudeutung unterzogen werden. Aber auch die Filmgeschichte denkt er mit: Der Amphibienmann ist deutlich an das Monster in Jack Arnolds berühmtem Fifties-Schocker "Creature from the Black Lagoon" (Der Schrecken vom Amazonas) angelehnt. Und ein kleines Lichtspielhaus wird in "The Shape of Water" ganz buchstäblich zum Fluchtpunkt der Ereignisse.

Die Helden-Trias dieses Films - eine stumme Arbeiterin, ein arbeitsloser Schwuler und ein "monströser" Fremder macht aus "The Shape of Water", diesem so vieldeutigen Abenteuer, zuletzt auch eine Art minority report: eine politische Bestandsaufnahme des Lebens am Rand, ein drastisches Außenseitermärchen, das nicht zufällig, auch wenn es sich historisch kostümiert hat, an die Art erinnert, wie gegenwärtig mit jenen umgegangen wird, die entrechtet, inspiziert und auf ihre Ausbeutbarkeit geprüft aus dem Wasser in unsere privilegierte Welt steigen.